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Investor Pang : Flughafen Parchim bis in alle Ewigkeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Groß, größer, am größten: Chinesische Riesen-Dimensionen treffen auf Realität in Mecklenburg. Dokumentarfilm über Investor Jonathan Pang startet zum Filmkunstfest in Schwerin

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erstellt am 08.Apr.2016 | 11:45 Uhr

Er bleibt sich treu: Nicht zehntausende Arbeitsplätze sollen entstehen sondern vielleicht sogar Millionen, an einem Ort in der mecklenburgischen Provinz, der die Welt verbinden soll, die internationalen Handelsströme neu ordnen und den Vergleich mit internationalen Wirtschaftszentren wie Dubai nicht scheuen braucht. Von seinen Visionen kann Jonathan Pang nicht lassen. Ausgerechnet Parchim werde der Ort sein, an dem China und Europa zusammenkommen werden, an dem die Zukunft der globalen Welt liegt, verspricht der chinesische Flughafeninvestor. Pangs unendliche Geschichte, die seit mehr als acht Jahren in der Region bei den einen für Kopfschütteln, bei den anderen für neue Hoffnung sorgt – Anfang Mai ist sie beim Filmkunstfest in Schwerin zu sehen, bevor sie in Deutschlands Kinos auf die Leinwand kommt.

In dem Dokumentarfilm „Parchim international“ haben die Filmemacher Stefan Eberlein und Manuel Fenn sieben Jahre lang den Investor aus dem Reich der Mitte begleitet, vom ersten Dreh 2008 in Parchim bis zu Aufnahmen im heimischen China in seinem ärmlichen Geburtsort in der Provinz. Erstmals zeigt der scheue chinesische Investor in der breiten Öffentlichkeit Gesicht.

Ein Film der Gegensätze, in dem zwei Lebenswelten aufeinandertreffen, in dem in China gängige riesige Dimensionen nicht zu den Gegebenheiten in Deutschland passen wollen. Kontraste – vom beschaulichen Parchim mit seinem Kopfsteinpflaster in der Innenstadt, seinen Feldhasen, die unter landenden Großraumjets übers Vorfeld des Flughafens hoppeln, bis zu den Wolkenkratzern Pekings und Shanghais, dem Welthandelszentrum im chinesischen Yiwu mit 70 000 Geschäften und 1,5 Mio. Produkten.

Ein Konzept, wirbt Pang vor chinesischen wie deutschen Investoren, das in Parchim kopiert werden soll, mit bis zu 7000 Händlern in einem neuen Handelszentrum für Europa. Mehr noch: ein Transit-Hotel wie in Dubai, Messezentrum, Restaurants, Geschäftszentrum, das „Duty-free-Center der Welt“ mit Luxusmarken wie im Sony-Center, ein „Marken-Tempel“, dazu Passagierflieger aus China, Dubai, Russland und Afrika, ein Kasino mit einem Betreiber aus Macao. „Dieser Flughafen wird den Berliner Flughafen ersetzen“, beteuert Pang vor der Kamera. Die Rede ist von einer Gruppe chinesischer Milliardäre oder auch von einem Investor, der 100 Millionen in einen Industriepark stecken will. „Unvorstellbar, wie viele Arbeitsplätze entstehen, vor Ort und online, vielleicht eine Million, vielleicht zehn Millionen“, versichert Pang, bevor er zum Joggen startet, in der Parchimer Einsamkeit ebenso wie bei Smog in Peking– der Langstreckenläufer: „Der Flughafen Parchim wird ein Erfolg.“

Chronologie

20. April 2007: Pang kündigt Investitionen von 100 Mio. Euro an.

14. Mai: Der Vertrag wird festgemacht. 30 Millionen Kaufpreis, 70 Millionen sollen fließen. Der Kaufpreis soll bis zum 1. Juli 2007 überwiesen werden.

19. Juni 2008: Die 12 Millionen sind überwiesen worden.

3. September: Pang schuldet Steuerabgaben von rund 310 000 Euro.

25. November: Pang kann die zweite Rate zahlen. 17,75 Millionen Euro soll eine chinesische Bank finanzieren.

16. Februar 2010: Pang hat die Zahlung der zweiten Rate platzen lassen.

14. Mai: Parchim erlässt Pang Teile der Kaufsumme. Statt 17,75 Millionen Euro muss das Unternehmen fünf Millionen in bar zahlen, gestreckt über fünf Jahre.

31. Dezember: Pang überweist Rate und stellt Bauantrag.

9. August 2013: Radarturm entsteht

9. Januar 2014: Das Vorfeld auf dem Flughafen wird saniert und erweitert.

18. Mai: Der Tower geht in Betrieb. Jetzt wird das Terminalgebäude erweitert.

7. Oktober: Investor plant exklusive Einkaufsmeile und Hotel.

Pang gibt sich als Mann der Millionen und Milliarden, finanziert von einer chinesischen Export-Bank, der einst für 30 Millionen Euro den ehemaligen Militärflughafen gekauft habe. Dass ihm der Landkreis 13 Millionen Euro für die Ankündigung von Millioneninvestitionen erlassen hatte und ausbleibende Millionenzahlungen über Jahre stundete – davon kein Wort. Dass er in dem Filmrückblick schon in den letzten Jahren immer wieder den großen Einstieg ins Passagiergeschäft ankündigte, nach Aussage des Flughafens nun womöglich im Juni 2016 die ersten Maschinen hoffentlich landen werden und chinesische Touristen nach Europa bringen sollen – auch davon kein Wort. Kritik an derart unverwirklichten Plänen tun Pang und sein Berater lieber als Voreingenommenheit ab.

Die Doku zeigt einen Pang, der getrieben ist, das Geschäft seines Lebens zu machen, süchtig nach Erfolg, der mit immer neuen Versprechen für Erstaunen sorgt. „Entweder man glaubt dran, oder man glaubt nicht dran“, meint einer der Einsatzkräfte seiner Flughafenfeuerwehr, bevor er und seine Kollegen die Grünflächen des Flughafens mähen, die Maschinenhalle fegen oder zur Zaunkontrolle starten. Pang glaubt dran:„Das ist meine Lebensaufgabe“, sagt er.

Er habe den Flughafen gekauft, um sich selbst zu beweisen, „dass ich es kann“. Wie damals, als er der Geschäfte wegen in Nigeria blieb, statt seinen Vater zu begraben. Daran erinnert sich Pang in dem Film beim Blick auf das Foto des Verstorbenen bei einem Besuch seiner Mutter in seinem ärmlichen Heimatdorf unter Tränen. Ein weinender Pang, der in den Schoß seiner Mutter fällt: die emotional stärkste Szene des Films. „Entweder du machst Business oder du gehst nach Hause“, schluchzt der Investor, bevor er seiner Mutter noch etwas Bargeld zusteckt.

In der eineinhalbstündigen Doku werden aber auch die Enttäuschungen sicht- und hörbar: So viele Sachen seien versprochen worden, 10 000 neue Jobs, hunderte Flieger, die in Parchim landen und starten werden, erinnert sich ein Feuerwehrmann von der Flughafenwehr – die Region wartet noch heute darauf. In Deutschland heiße jetzt auch jetzt, erinnert der Mann vom Flughafentower an die immer wiederkehrenden Investitionsankündigungen Pangs. Doch Chinesen würden wohl in größeren Zeiträumen denken, meint er – wie Pang eben. Der gesteht zwar inzwischen ein, dass der Ausbau Parchims zum internationalen Luftdrehkreuz länger dauere als er sich das vorgestellt habe. Pang denkt eben in anderen Dimensionen und blickt voraus: „Das Projekt kann zehn Jahre dauern, 100 Jahre oder bis in alle Ewigkeit.“

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