Flüchtlinge in MV : Flüchtlinge kurbeln Wirtschaft an

Wer Betten oder Matratzen herstellt, dürfte aktuell gut verdienen.
Wer Betten oder Matratzen herstellt, dürfte aktuell gut verdienen.

Weniger Wohnungleerstand, mehr Lehrer, zusätzliche Aufträge – diese Branchen profitieren durch die Zuwanderer.

svz.de von
18. November 2015, 18:20 Uhr

Es ist dunkel im Baucontainer. Es riecht nach Schweiß. Dabei steht die Tür fast ständig offen. Doch für sechs erwachsene Männer sind die knapp 30 Quadratmeter einfach zu wenig. Zwischen den Betten ist kaum Platz. Genauso wie in der Küche. Die Asylbewerber beschweren sich dennoch nicht. Sie haben einen Schlafplatz. Doch wie viel verdient der Vermieter an der Unterbringung?

Dass Flüchtlinge durchaus die Wirtschaft ankurbeln können, äußerte vergangene Woche bereits Thomas Gitzel, Chefsvolkswirt der VP Bank Gruppe. „Im nächsten Jahr könnten diese staatlichen Sonderausgaben das BIP um bis zu 0,6 Prozentpunkte erhöhen“, schätzt er. Die Flüchtlinge erhöhen den Konsum, meint auch Ulrike Seemann-Katz, Vorsitzende des Flüchtlingsrats in MV. „Schon jetzt gibt es Lieferengpässe bei Betten und Matratzen.“ Caterer, Zeltproduzenten und Ärzte haben durch die Flüchtlinge gut zu tun. Wer profitiert noch von den Zuwanderern?

Wohnungen
Durchschnittlich neun Euro erhalten Vermieter an Wohn- und Betreuungsgeld pro Flüchtling und pro Tag von den Landkreisen in MV. Das hat eine Umfrage unserer Zeitung ergeben. Der Wert kann jedoch stark variieren. „Je nach Miete, Lage, Nebenkosten, Betreuungsangebot und so weiter können es auch mehr oder weniger sein“, sagt Marion Schlender, Sprecherin des Innenministeriums.

Von der Stadt Schwerin wurden sämtliche Übergangswohnungen bei der kommunalen Wohnungsgesellschaft WGS angemietet. An Miete inklusive Nebenkosten wie Heizung- und Stromkosten kalkuliert die Stadt monatlich mit 150 Euro pro Flüchtling. Derzeit sind in Schwerin 462 Flüchtlinge in 127 dezentralen Unterkünften untergebracht, teilt Stadtsprecherin Michaela Christen mit.

Anders sieht es an der Mecklenburgischen Seenplatte aus. „Bei der dezentralen Unterbringung werden maximal 13,76 Euro pro Flüchtling – inklusive Betriebs- und Nebenkosten – gezahlt“, teilt der Landkreis mit. „In den dörflichen Regionen liegt dies im Durchschnitt bei 12,82 Euro.“

Im Doppelhaushalt 2015/2016 rechnet das Finanzministerium bei der Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge in MV mit mehr als 120 Millionen Euro.

Bildung
MV steht in den nächsten Jahren vor der großen Herausforderung, hunderte Kinder nichtdeutscher Herkunft in den Schulalltag zu integrieren. Das größte Problem ist hierbei die Sprache. Um auf einen möglichen Anstieg nichtdeutscher Schüler schnell reagieren zu können, hat das Land nun 100 zusätzliche Stellen für Lehrkräfte mit dem Fach „Deutsch als Zweitsprache“ zur Verfügung gestellt, teilte das Bildungsministerium vergangene Woche mit. Etwa 60 Stellen sind noch offen. Lehrer werden derzeit bundesweit händeringend gesucht.

Müllentsorgung
Mehr Menschen, bedeutet mehr Müll. Allein für die Notunterkünfte im Stadtgebiet der Landeshauptstadt rechnen die Stadtwirtschaftlichen Dienstleistungen Schwerin (SDS) mit 100 Tonnen mehr Abfall im Jahr. Das Entsorgungsunternehmen hat sich auf die Situation eingestellt „und die zusätzlichen Entleerungsstellen mit in den regulären Tourenplan eingearbeitet“, sagt Axel Klabe, Bereichsleiter Straßenunterhaltung und Abfallwirtschaft. So werde beispielsweise in der Unterkunft in Stern Buchholz der Restmüll 14-tägig abgeholt.

Sicherheit
Für die Sicherheit in den Gemeinschaftsunterkünften muss der jeweilige Landkreis sorgen. Über 80 Sicherheits-Angestellte sind in MV mit der Bewachung der Gemeinschaftsunterkünfte beauftragt. In Ludwigslust-Parchim bekam der Wach-und Sicherheitsdienst Mecklenburg (WSD) den Zuschlag. „Unterkünfte von Flüchtlingen zu betreuen, ist für uns nicht neu. Diese Form der Zusammenarbeit gibt es bereits seit 20 Jahren“, sagt Klaus Skrzypkowski, Geschäftsleiter des WSD. Vielmehr seien solche Jobs das tägliche Brot. Für die Unterkünfte in Ludwigslust und Parchim setzt Skrzypkowski acht Mitarbeiter ein. Jeweils einen Wachmann für den Tag und drei für die Nacht. „Andere Aufträge aber“, sagt er, „bringen mehr Geld.“

Transport
Der Weg der Flüchtlinge in MV beginnt in der Erstaufnahmeeinrichtung in Horst. Untergebracht werden sie zumeist in Außenstellen im ganzen Land. Zur Registrierung geht es zurück nach Horst und dann weiter in die vorübergehende Notunterkunft. Mehrere 100 Kilometer muss ein Flüchtling in MV somit oft zurücklegen, bevor er dezentral untergebracht wird.

Um die Flüchtlinge von A nach B zu bringen, hat das Land Vans, Busse sowie Fahrer angemietet. Jedoch nicht bei einer regionalen Firma. Der Partner sitzt in Hamburg: Firma AGT Busvermietung Deutschland. Ludwigslust-Parchim beispielsweise greift auf acht Fahrzeuge zurück. Der Fuhrpark hat sich trotz der Flüchtlinge nicht verändert.

Aber: Die Fahrzeuge sind laut Angaben des Vermieters besser ausgelastet. „Dass wir dadurch die Einnahmen steigern, ist die Konsequenz“, erklärt ein Sprecher. Aufgrund der großen Nachfrage hat das Unternehmen neue Arbeitsplätze geschaffen.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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