Schwerin und Dorf Mecklenburg : Flüchtling sein – für einen Tag

Für Max Bieschke begann das Abenteuer „Flüchtling für einen Tag“ mit Abschiebehaft. Am Ende des Tages durfte sich der 15-Jährige aber doch noch über eine Aufenthaltsgenehmigung sowie eine Arbeitserlaubnis freuen.
Für Max Bieschke begann das Abenteuer „Flüchtling für einen Tag“ mit Abschiebehaft. Am Ende des Tages durfte sich der 15-Jährige aber doch noch über eine Aufenthaltsgenehmigung sowie eine Arbeitserlaubnis freuen.

120 Schüler aus Schwerin und Dorf Mecklenburg erlebten, dass die Flucht mit der Ankunft in einem fremden Land lange nicht geschafft ist.

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09. Juni 2016, 05:00 Uhr

Kurz bevor sie das rettende Ufer erreichen, ertönen die Sirenen. Und spätestens, als sich an Land auch Polizeibeamte in Stellung bringen, ist die gelöste Stimmung Geschichte. 120 Schüler aus Schwerin und Dorf Mecklenburg sind heute Flüchtlinge. Sollen am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt und was dazu gehört, in ein fremdes Land zu fliehen.

Dank der autoritären Beamten ist die Gruppe schnell geordnet. Sie sollen ihre Dokumente bereithalten, Fingerabdrücke abgeben und nicht bummeln. Über den Trubel schallen zudem Ansagen auf Arabisch durch ein Megafon. Die Jugendlichen sind angespannt. Vor allem Max Bieschke und eine Handvoll andere, denn sie werden mit wenigen Worten aussortiert und in Abschiebehaft verfrachtet. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, sagt der 15-Jährige aus Dorf Mecklenburg.

Denn Idris Fari aus Afghanistan, in dessen Rolle er heute schlüpft, ist ein gebildeter Mann. In seiner Heimat arbeitete er als Kinderarzt, spricht sogar ein wenig Deutsch. Gute Voraussetzungen, doch wer nicht die richtigen Dokumente vorzeigen kann, ist illegal hier. Aus der Abschiebehaft kann Max nun nur noch ein Anwalt helfen.

Schnell wird klar, das Projekt auf Kaninchenwerder im Schweriner See ist gut durchdacht. „Wir versuchen, den Ablauf – der Realität für viele Flüchtlinge ist – möglichst genau abzubilden“, erklärt Anja Göldenitz. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit des Projektes „Netzwerk Arbeit für Flüchtlinge“ zuständig, die diesen Projekttag mit 45 ehrenamtlichen Akteuren auf die Beine stellen. „Wir haben in den vergangenen Jahren auch Schüler mit Migrationshintergrund hier gehabt, die bestätigten, dass es hier zugeht wie beim Aufnahmeverfahren.“

Auch Max wird das bald erleben. Zunächst muss er sich bei einer Beratungsstelle für Flüchtlinge melden, dann darf er seine Erstaufnahme beantragen. An den Stationen, die über ganz Kaninchenwerder verteilt sind, müssen er und seine Mitschüler oft lange warten. Ihre Frustration steigt.

Und auch die coolen Fassaden der Jugendlichen brechen schnell, als sie mit Fremdsprachen abseits von Englisch konfrontiert werden – sich nicht mehr verständigen können. So wird die Situation für sie realer, sie können sich besser in die Lage der Flüchtlinge versetzen. „Das war wirklich ein blödes Gefühl“, sagt Max. In der Beratungsstelle sprach man Ukrainisch mit ihm.

Inzwischen hat er einen Pass bekommen. Damit ist es jedoch nicht getan. Es folgt die Beantragung einer Aufenthaltsgenehmigung, Meldung bei der Ausländerbehörde, Sprachkurse und natürlich die Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft. Auch eine Arbeitserlaubnis braucht er noch. Doch dafür muss der 15-Jährige immer wieder quer über die Insel laufen. Von Behörde zu Behörde, wo er wieder und wieder weiter verwiesen wird. An den verschiedenen Stationen begegnen ihm Ehrenamtliche, die auch im realen Leben in diesen Bereichen tätig sind. „2014 hatten wir sogar echte Mitarbeiter aus dem Jobcenter hier“, sagt Anja Göldenitz. So sollen die Jugendlichen auch die Willkür der Behörden kennenlernen – denn „nicht immer sind den Flüchtlingen alle wohlgesonnen“. Max bekommt das zu spüren, als er vom Jobcenter zum Sozialamt geschickt wird, nur um dort zu erfahren, dass eigentlich das Jobcenter für ihn als anerkannten Flüchtling zuständig ist. Das heißt: wieder warten, mehr Frustration. Die Projektorganisatoren haben ihr Ziel erreicht.

Doch was an diesem Tag auf Kaninchenwerder vier Stunden dauert und für die Schüler einige Kilometer Fußmarsch bedeutet, kann für reale Flüchtlinge zwischen 14 Tagen und 25 Jahren in Anspruch nehmen. Mit diesem Wissen – und mehr Verständnis für die Lage der Flüchtlinge – verlassen Max und die anderen die Insel wieder. Und freuen sich dann doch, diesen Weg nicht selbst beschreiten zu müssen.

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