Report : Flüchtling für einen Tag

Schüler der 9. Klasse der Berthold-Brecht-Gesamtschule in Schwerin erfahren bei einem erlebnispädagogischen Planspiel, was es bedeutet, als Flüchtling nach Deutschland zu kommen.
Schüler der 9. Klasse der Berthold-Brecht-Gesamtschule in Schwerin erfahren bei einem erlebnispädagogischen Planspiel, was es bedeutet, als Flüchtling nach Deutschland zu kommen.

Schüler einer 9. Klasse aus MV schlüpfen in die Rolle von Asylbewerbern. Rollenspiel vermittelt Einblicke in die Nöte und Sorgen von Migranten

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16. Juni 2015, 12:00 Uhr

„Wie heißen Sie?“ – „Avina Schozichik.“ – „Woher kommen Sie?“ – „Aus Georgien.“ – „Sind Sie verheiratet?“ – „Mein Mann ist im Krieg gefallen.“ – „Und warum stellen Sie einen Asylantrag?“ Schozichik überlegt: „Meine Familie unterstellt mir Sachen, Diebstahl, ich wurde geschlagen, bedroht.“ – „Die Familie? Kann man das nicht zu Hause klären?“ – Der Beamte lehnt sich zurück: „Ich sehe nicht, dass sie aufgrund politischer Repression sofort Asyl bekommen können. Aber ich leite ein Gestattungsverfahren ein.“

Avina Schozichik heißt nicht wirklich Avina Schozichik. Sondern Lara Kopp und ist 15 Jahre alt. Die Schülerin besucht die 9. Klasse der Berthold-Brecht-Gesamtschule in Schwerin. Gemeinsam mit 120 weiteren Schülern erfährt sie bei einem erlebnispädagogischen Planspiel, was es bedeutet, als Flüchtling nach Deutschland zu kommen.

Die Krisen in der Welt lassen den Flüchtlingsstrom nach Deutschland weiter anschwellen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht nach neuesten Prognosen davon aus, dass 2015 mehr als 400 000 Asylbewerber und Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden. Das sind 400 000 Einzelschicksale. Mecklenburg-Vorpommern wird voraussichtlich 8200 der Flüchtlinge aufnehmen. Zwanzig Gemeinschaftsunterkünfte gibt es derzeit landesweit. Außerdem wurden bisher 2300 Asylbewerber dezentral in Wohnungen untergebracht.

Das Schulprojekt, initiiert vom „Netzwerk Arbeit für Flüchtlinge“ auf der Insel Kaninchenwerder im Schweriner See, simuliert die Situation der Flucht und hat das Ziel, Empathie für diese Flüchtlinge zu schulen. „Für ein Asylverfahren braucht man manchmal mehrere Jahre. Die Jugendlichen erhalten hier einen kleinen Eindruck davon“, sagt Ulrike Seemann-Katz, Vorsitzende des Landesflüchtlingsrates. Insgesamt vier Stunden verbringen die Jugendlichen auf der Insel und durchlaufen verschiedene Stationen. Dafür schlüpfen sie in andere Identitäten. Aber von vorne.

Es ist kurz nach zehn, als sich eine Traube Schüler vor der Bootsanlegestelle in Zippendorf am Schweriner See versammelt. Noch ist alles entspannt. Was sie genau erwartet, wissen die Schüler nicht. „Ich würde auch fliehen wollen, wenn ich so ’was erleben müsste. Ich finde es krass, wie viele hier herkommen. Können die mit dem Krieg nicht einfach aufhören?“, meint Agata Giergielewicz. Die 16-Jährige schlüpft heute in die Rolle einer 27-Jährigen aus Dschibuti. Dass sie schon in wenigen Minuten hinter Gittern sitzen wird, ahnt sie nicht.

Mit der weißen Flotte geht es nach Kaninchenwerder. Ankunft auf der Insel. Die Sonne scheint, der Duft von gegrillten Würstchen liegt in der Luft. Die Jugendlichen lachen. Doch plötzlich zerreißt eine Sirene die Idylle. Eine Megaphonstimme gibt unverständliche Anweisungen. Dann kommen Männer in Polizeiuniformen und kesseln die Jugendlichen ein. „Passports please, Ausweise!“, rufen sie. Die Jugendlichen zeigen ihre fiktiven Lebensläufe. „Passports!“, brüllt ein Polizist Agata und Lara zu. Die beiden haben ihren Zettel nicht dabei. „Dann müsst ihr zur Seite. Die anderen können weiter.“ Die Freundinnen der beiden, Michelle, Vanessa und Isabelle verschwinden in der Menge. Agata und Lara müssen in Abschiebehaft.

Während die beiden in brütender Sonne auf einen Anwalt warten, hat Vanessa Schrader bereits die Erstaufnahme hinter sich gelassen und ist nun beim Stand der Ausländerbehörde. „Sie brauchen einen Stempel vom Jobcenter“, sagt die Frau am Schreibtisch „Mir wurde gesagt, ich soll hierher kommen“ – „Nein, Sie brauchen erst den Stempel vom Jobcenter.“

Auch im Jobcenter verwehrt man Vanessa den benötigten Stempel. Erst muss sie eine Unterkunft angeben. Doch von der Unterkunftsstation wird Vanessa zum Sozialamt geschickt. Schließlich stellt sie fest, dass die Beamten in der Erstaufnahmestation ihren Stempel vergessen haben. Nun heißt es wieder anstellen. „Das ganze Herumgerenne nervt schon“, meint sie.

Doch das ist beabsichtigt. Auf der Insel müssen die Jugendlichen sich durch die bürokratischen Hürden von neun Stationen kämpfen, die jeder Flüchtling bei und nach der Einreise zu überwinden hat: Nach der Erstaufnahmeeinrichtung besuchen sie die Ausländerbehörde, Sozialamt, Jobcenter und die Beratungsstelle und nehmen an Sprachkursen teil. Die Unterbringung erfolgte in einer Gemeinschaftsunterkunft auf sechs Quadratmetern pro Flüchtling. „Wenn die Schüler ankommen, denken sie noch, es handelt sich um einen schönen Klassenausflug, doch das ist kein Spaß“, sagt Anja Göldenitz vom Netzwerk Arbeit für Flüchtlinge. Sie leitet das Projekt, das bereits zum fünften Mal durchgeführt wird. Was das Planspiel besonders realistisch macht: Viele der freiwilligen Akteure sind in ihrer echten Funktion vor Ort.

Christian Schneider ist Anwalt und hat auch im realen Leben mit Flüchtlingen zu tun: „Wenn man sie fragt, warum sie ausgerecht nach Deutschland kommen, sagen sie, ,hier kommt die Polizei, ohne mich zusammenzuschlagen‘. Wir behandeln die Menschen hier normal.“ Thomas Böhm, der heute auf der Insel die Schüler kontrolliert, ist auch in Wirklichkeit Polizist. An anderen Stellen stehen Mitarbeiter und Ehrenamtler von Hilfsorganisationen. Védaste Kabalira beispielsweise ist von der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie, kurz RAA. Bei der Unterkunftsstation erklärt er den Jugendlichen, unter welchen Bedingungen Asylbewerber hier leben. „Ich habe das vor Jahren selbst erlebt“, erzählt er. Damals sei er aus Ruanda gekommen. Er konnte kein Wort deutsch, nur etwas englisch. Nun lebt er schon 20 Jahre in Schwerin.

Lara, beziehungsweise Avina Schozichik, ist noch nicht so weit. Sie steht in der Schlange der Erstaufnahmeeinrichtung. „Die Schüler machen toll mit und passen sich ihren Rollen an“, freut sich Anja Göldenitz. Nach vier Stunden dann ist alles vorbei. Ein Asylverfahren im Schnelldurchlauf. An einer Wand schreiben die Jugendlichen ihre Erfahrungen nieder: „Anstrengend“ und „kompliziert“ steht da, aber auch „lehrreich“, „interessant“ und „hilfreich“. Auch Lara hat endlich alle Stationen gemeistert. „Es war ziemlich anstrengend, aber auch interessant zu erfahren, was die Flüchtlinge alles so durchmachen.

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