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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 02:11 Uhr

Flucht - der Wettkampf seines Lebens

vom

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erstellt am 13.Apr.2012 | 07:52 Uhr

Neubrandenburg/Schwerin | "Ich fühle mich nicht als Verräter. Man kann nur ein Verräter sein, wenn man jemanden verrät. Aber wen habe ich verraten? Den Unrechtsstaat?" Vor fast 43 Jahren traf der erfolgreiche DDR-Schwimmer Axel Mitbauer die Entscheidung, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Eine Entscheidung, die ihm der Staat aufzwang, sagt Mitbauer. Eine Entscheidung, die für ihn alternativlos war. Dabei hatte seine Sportkarriere so hoffnungsvoll begonnen.

Mit acht Jahren wurde er bei einem Kindersportfest in Leipzig entdeckt. Nur vier Jahre später schwamm er im Nationalkader, wurde zweimal DDR-Meister über 400-Meter-Freistil. "Mein Metier ist das Wasser. Ich komme aus einer Traditionsfamilie von Schwimmern und wollte schon immer im Profisport erfolgreich sein", sagt der heute 62-Jährige. Doch schon bald fühlte sich Mitbauer nur noch als ein Instrument der Politik. "Der Staat wollte mit dem sportlichen Erfolg auch politische Anerkennung erzielen. Es gab einen unglaublichen Leistungsdruck." Man habe funktionieren oder um seine Existenz fürchten müssen.

Auf seinen Reisen ins Ausland wurde ihm die Diskrepanz zwischen der DDR-Propaganda und der Wirklichkeit bewusst. Axel Mitbauer sah in der DDR einen Unrechtsstaat. "Mit Hilfe des Sports wollte ich von dort wegkommen", sagt Mitbauer. Bei einem Wettkampf in Ungarn sprach er den Essener Schwimmtrainer Werner Ufer an und fragte ihn nach Fluchttipps. Ufer wollte gerne helfen, doch der Plan scheiterte nur wenige Monate später. "Sie hatten einen Brief geschrieben, in dem ausführlich verschiedene Fluchtmöglichkeiten für ganz Europa beschrieben waren. An der Grenze nach Ostberlin haben sie Werner Ufer aber schon erwartet und direkt festgenommen." Die Schuldfrage sei bis zum heutigen Tag nicht geklärt. "Nur sieben Leute wussten von diesem Brief. Bis heute ist nicht klar, wo die undichte Stelle war", sagt Mitbauer.

Kurz nach Ufer wurde auch Axel Mitbauer in Leipzig von der Straße geholt. "Ein Wartburg hielt neben mir und ich wurde gefragt, ob ich Axel Mitbauer sei. Als ich das bejahte, standen direkt vier Männer von der Staatssicherheit um mich rum und nahmen mich mit." Niemand wusste, wo er hingebracht wurde. "Meine Mutter machte eine Vermisstenanzeige bei der Polizei. Keiner hatte eine Ahnung, wo ich die nächsten sieben Wochen steckte."

Axel Mitbauer wurde von den Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Dort hatten sie ihn und Werner Ufer getrennt voneinander verhört - ohne Erfolg. Trotzdem erhielt Axel Mitbauer nach seiner Entlassung lebenslanges Start- und Sportstättenverbot. Auch der Beginn eines Studiums war ihm untersagt. "Mein Leben in der DDR war praktisch zu Ende. Da blieb mir dann nichts anderes übrig, als diesen Staat zu verlassen", erklärt Mitbauer seine damalige Situation.

Nach seiner Haftentlassung hörte Axel Mitbauer auf einer Party, dass man bei gutem Wetter vom Ostseestrand das westliche Ufer sehen kann. Schnell stand sein Plan fest: "Ich sagte meiner Mutter, dass ich rüberschwimmen werde und sie antworte mir Du bist blöd. Trotzdem half sie mir."

Im August 1969 machte er sich auf den Weg zur Ostsee und schüttelte dabei seine hartnäckigen Verfolger ab. "Die Überwachung erfolgte öffentlich, wahrscheinlich zur Abschreckung. Sie haben sich nicht groß versteckt. Als der Zug in Schwerin abfuhr, bin ich ganz hinten aus dem Zug gesprungen, ohne dass es die Stasi mitbekam. Ich bin dann zu Fuß, mit dem Taxi und per Anhalter bis zur Küste gekommen. Auf dem Campingplatz in Boltenhagen habe ich mein kleines Zelt aufgeschlagen, ohne mich bei der Meldestelle registriert zu haben."

Nur mit einer Badehose und Schwimmflossen bekleidet stieg der 19-Jährige am 17. August 1969 um 21 Uhr in das 18 Grad kalte Wasser. "Es war der Weg in ein neues Leben. Es war der Wettkampf meines Lebens", urteilt Mitbauer heute. Während er in der Dunkelheit seinem neuen Leben entgegenschwamm, konnte er sich lediglich an den Sternen orientieren. Rund vier Stunden war er im Wasser, bis er auf einer Leuchttonne Zuflucht suchte - rund 20 Kilometer von der DDR-Küste entfernt. "Dort wollte ich einige Stunden zu Kräften kommen und mich später von der Morgensonne wärmen lassen, bevor ich die restliche Strecke zurücklege." Doch dazu musste er nicht mehr zurück ins kalte Nass. "Um 7.14 Uhr nahm mich die Fähre Nordland an Bord und brachte mich bis Travemünde zum Bundesgrenzschutz. Von dort ging es weiter zum Sozialamt Lübeck und dann ins Auffanglager nach Gießen", erinnert sich Mitbauer. "Man fängt wirklich noch einmal bei null an."

Im Westen versuchte er sportlich erneut Fuß zu fassen, doch seine Rekordzeiten waren vorbei. Lediglich bei der Europameisterschaft 1970 konnte Axel Mitbauer mit der 4x200 Meter-Staffel nochmal Gold für die Bundesrepublik holen. Doch auch danach blieb das Wasser sein Element. Er wurde Trainer. 1981 führte ihn die Arbeit für einige Jahre nach Sardinien - eine Insel, die er noch immer liebt.

Heute lebt Mitbauer mit seiner Familie in Basel. "Heimat ist für mich dort, wo ich meine Familie und Freunde habe und wo wir uns gemeinsam wohlfühlen. Trotzdem bleibe ich auch immer ein Sachse. Das kriegt man nicht raus und das will ich auch gar nicht", sagt er und lacht.

Einen Traum träumt Axel Mitbauer noch: seinen Sohn als Schwimmer bei den Olympischen Spielen zu sehen. Der 20-Jährige war schon Deutscher Jahrgangsmeister über fünf Kilometer Freiwasser. Es ist genau der Traum, dessen Verwirklichung Axel Mitbauer selbst immer verwehrt geblieben ist.

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