Neuer Plenarsaal : Fluchen und Flüstern – jetzt ist alles zu hören

Smalltalk im neuen Plenarsaal zwischen Bundestagspräsident Norbert Lammert und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig
Smalltalk im neuen Plenarsaal zwischen Bundestagspräsident Norbert Lammert und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig

Abgeordnete in Mecklenburg-Vorpommern weihen modernen Plenarsaal ein. Besucher haben direkten Blick aufs Politikgeschehen

svz.de von
26. September 2017, 21:05 Uhr

Die Arbeit im schönsten Landtag Deutschlands, dem Schweriner Schloss, hatte auch seine Tücken. Fast 27 Jahre lang saßen die Abgeordneten im Plenarsaal in Reih und Glied. Wie beim Frontalunterricht in einem Klassenzimmer. Die Akustik war schlecht. Die Besucher saßen im Rücken der Abgeordneten und bekamen nur deren kalte Schulter zu sehen.

„Das war die bescheidenste Unterkunft für Parlamentarier, die ich je gesehen habe“, beschrieb der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) gestern als Festredner auf der Einweihung des neuen Plenarsaales. Künftig tagen die Volksvertreter in einer neuen und modernen Unterkunft. Nach mehr als fünf Jahren Bauzeit wurde mit einem feierlichen Akt der neue Plenarsaal im Schweriner Schloss symbolisch von den Abgeordneten übernommen. Zu den Gästen gehörten neben Lammert auch ehemaliger Parlamentarier wie der erste Parlamentspräsident Rainer Prachtl (CDU), Ex-Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) und andere ehemalige Landesminister.

Debattieren werden die Abgeordneten fortan im früheren Goldenen Saal des Schlosses. Die Gesamtinvestitionen, mit deren Hilfe auch Spätfolgen des Schlossbrandes von 1913 beseitigt wurden, bezifferte die Landtagverwaltung mit rund 30 Millionen Euro. Rund 7 Millionen Euro davon entfielen demnach direkt auf den neuen Plenarsaal. Dem „wichtigsten Raum im Parlamentsgebäude“, wie Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD) erklärte.

Der neue Plenarsaal ist aus Sicht der Landtagspräsidentin nicht nur schön geworden, sondern werde auch endlich den parlamentarischen Ansprüchen gerecht. „Nicht prunkvoll, nicht überdimensioniert“, aber dafür sehr funktional und übersichtlicher. Die neuen Stühle der Abgeordneten sind im Kreis angeordnet. Dies verdeutliche den demokratischen Dialog, erklärte der Architekt. Die Abgeordneten haben direkte Sicht aufeinander und auf das Präsidium. Für Gäste sind zwei Emporen gebaut worden, die eine bessere Sicht auf das Politikgeschehen und die Akteure ermöglichen. „Ich bin sehr angetan“, sagte CDU-Fraktionschef Vincent Kokert. Durch die neue Gestaltung seien Abgeordnete und auch Besucher mitten im Geschehen. „Das wirkt jetzt viel transparenter“, so Kokert weiter. Auch die Akustik sei deutlich besser. „Selbst Flüstern wird uns nicht mehr entgehen“, ließ die Landtagspräsidentin durchblicken.

Der ersten Praxistest für den neuen Plenarsaal steht bereits heute an. Die Abgeordneten kommen zur ersten Landtagssitzung nach der Sommerpause zusammen. Wie funktional der neue Saal ist, zeigte sich einen Tag vor der festlichen Einweihung. Nach dem Austritt von vier Abgeordneten aus der AfD-Fraktion musste kurzfristig umgebaut und die Sitzordnung verändert werden. Kein Problem. Die Tische verlaufen auf Schienen.

Gestern saßen die vier abtrünnigen Abgeordneten durch eine gut sichtbare Lücke getrennt von ihren ehemaligen Fraktionskollegen. Separat am äußersten Rand des neuen Plenarsaals befindet der Platz von Holger Arppe. Der Landtagsabgeordnete war jüngst aus der AfD und ihrer Fraktion ausgetreten, nachdem ihm zugeschriebene Internet-Einträge mit Gewaltäußerungen aufgetaucht waren.

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