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18 Jahre lag die Botschaft unter Wasser : Flaschenpost im Internet

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Es ist ein sommerlicher Donnerstag. Markus Schlefske will zusammen mit seiner Freundin abschalten, sich entspannen. Dafür nehmen die beiden sich ein Ruderboot und paddeln auf den Plauer See.

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erstellt am 17.Jul.2013 | 08:02 Uhr

Plau Am See | Wie 26 Millionen deutsche Facebook-User, nutzt auch der 27-jährige Markus Schlefske das soziale Netzwerk, um Freunde auf dem Laufenden zu halten und Einblicke in sein Leben zu geben. Hier ein "Gefällt mir", da eine Statusmeldung, ab und an mal ein Schnappschuss. Ende Juni jedoch postet Markus Schlefske ein Foto, mit dem der Plauer die klickwütigen Facebook-Massen in Gang setzt: 28 225-mal teilten die Facebook-Nutzer das Bild eines Zufallsfundes im Plauer See- eine Flaschenpost, die nach 18 Jahren ihre Reise um die Welt beginnt.

Es ist ein sommerlicher Donnerstag. Markus Schlefske schreibt seit Wochen an seiner Bachelor-Arbeit, nun hat er genug vom Uni-Stress. Zusammen mit seiner Freundin will er abschalten, sich entspannen. Dafür nehmen die beiden sich ein Ruderboot und paddeln auf den Plauer See, dem drittgrößten See in Mecklenburg-Vorpommern.

Zurück am "Zimmermann", so nennen die Plauer den Steg im dicht mit Schilf bewachsenen Ufer, macht Markus im flachen Wasser die Entdeckung: "Ich hatte mein Boot wieder festgemacht, und erst lag da ein Golfball im Wasser, den habe ich aufgehoben, und 50 Zentimeter daneben lag die Flasche."

Klein, milchig und unscheinbar trieb sie auf dem Seegrund. Den völlig durchnässten Inhalt bekommt Markus einigermaßen unzerstört aus dem engen Flaschenhals gefummelt. "Ich bin Christoph aus Münster und habe diese Flaschenpost am 12. August 1995 in den Plauer See gelegt. Ich bin 5 Jahre alt. Mein Bruder Johannes hat mir dabei geholfen", steht in verschwommener Kinderschrift auf dem durchweichten Papier, das Markus anschließend für Facebook in die Kamera hält.

"Dass der Zettel 18 Jahre im Wasser lag und noch immer lesbar ist, das fand ich cool, deswegen wollte ich unbedingt den Absender finden", sagt der Hobbyfußballer des Plauer Fußballclubs. Dass er schnell fündig werden würde, ahnte er nicht. "Ich hatte schon geglaubt erfolgreich zu sein, schließlich hatte ich das Alter, die Namen und den Ort, aber innerhalb einer Stunde- das ging echt leicht", zeigt er sich noch immer erstaunt.

Wieso das so schnell ging? Die Aufforderung, die Markus zu seinem hochgeladenen Foto schrieb, hat gewirkt: "Hallo Christoph aus Münster, habe gestern die Flaschenpost gefunden, die Du vor knapp 18 Jahren in den Plauer See gelegt hast. Coole Sache. Falls jemand jemanden in Münster kennt, könnt ihr das gerne teilen."

Eine Bitte, der die Facebook-Freunde von Markus nachgekommen sind und ein Schneeballsystem starteten, das sich selbst und das Facebook-Phänomen regelte. Ein Beispiel: Jemand aus Markus Freundesliste mit 342 Facebook-Freunden - das ist der deutsche Durchschnitt laut einer Studie mit einer Million Teilnehmern - teilt das Foto von Markus. Jeder dieser 342 Freunde sieht die Geschichte und kann sie wiederum teilen. Kommen selbst nur zehn dieser Freunde dem nach, von denen jeder einzelne wieder über 300 Freundschaften pflegt, so kommt die Maschinerie des sozialen Netzwerkes ins Rollen und die Flaschenpost macht sich auf den Weg durch die digitale Welt ohne dabei Plau am See zu verlassen.

Da ist es auch nicht verwunderlich, dass bereits nach einer Stunde Userin Anne-Kathrin A. unter dem Originalbild auf dem Profil von Markus schrieb: "Was?! Verrückt! Das ist mein Cousin aus Münster, heute 23 und hat einen Bruder namens Johannes."

August 1995: Die Brüder Johannes und Christoph aus Nordrhein-Westfalen genießen ihre Sommerferien bei Verwandten in Plau. Am Zimmermann kommt den Geschwistern die Idee zur Flaschenpost. Doch die Flasche will von Anfang an nicht so, wie die beiden Wasserratten es wollen. Da sie nicht schwimmt, wirft sie der fünfjährige Christoph in eine kleine Schilfinsel etwas abseits vom Ufer. Dort bleibt sie liegen, für 18 Jahre.

Heute sagt der mittlerweile 23-Jährige, dass der Fund ein erstaunlicher Zufall sei, gerechnet hätte er damit nicht mehr. "Etwas schade natürlich, dass die Suche so schnell beendet war", schreibt er über die Aktion von Markus. Und dennoch: Obwohl der Absender längst gefunden war, wurde das Bild weiter geteilt und in die digitale Welt getragen - bis heute fast 30 000-mal. "Ich glaube, für die Menschen ist das eine große, bewegende Geschichte", meint der in Wismar studierende Markus. Er selbst vermeidet lieber den großen Trubel: "Selbst das Fernsehen wollte, dass ich Christoph die Flaschenpost in Münster übergebe, aber mir reicht es, ihn gefunden zu haben."

Ab und an stehen die beiden in Kontakt - über Facebook natürlich. Die Flasche bewahrt Markus auf, den mittlerweile getrockneten Zettel möchte er sich einrahmen.

Fast 100 Jahre im Wasser – Weltrekord
Eine fast 100 Jahre alte Flaschenpost aus Schottland hat einen Rekord gebrochen: Sie ist die, die am längsten im Meer getrieben ist. Die Glasflasche aus dem Jahr 1914 hatte im April ein Fischer vor den Shetland Inseln im Norden Schottlands entdeckt.
Die neue Rekord-Flasche hatten Forscher aus Glasgow im Juni 1914 mit fast 2000 anderen Flaschen ins Meer geworfen. In ihnen steckte eine Postkarte und eine Aufforderung an den Finder, die Karte an die Fischereibehörde zurückzuschicken. Dafür gab es ein kleines Belohnungsgeld. Ziel war es, eine Karte der Meeresströmungen vor Schottland zu schaffen.

„Möge der Finder den Zettel datieren“
Nach 76 Jahren im Meer ist eine Flaschenpost in Neuseeland endlich an Land gekommen. „Möge der Finder diesen Zettel bitte datieren, den Fundort vermerken und an untenstehende Adresse schicken“, stand dort in feiner Handschrift drauf. Das Papier mit einem Foto des Ozeandampfers „SS Strathnaver“ war „17. März 1936“ datiert. Geoff Flood entdeckte die Flasche in seichtem Wasser am Ninety Mile-Strand im Norden Neuseelands. Mit Drähten angelte er zu Hause das Papier heraus. Der Absender, ein Herbert Ernest Hillbrick, hatte auch seine Adresse in Westaustralien darauf vermerkt. Flood gelang es, einen Verwandten von Hillbrick ausfindig zu machen.

Urlaubspost nach 23 Jahren gefunden
Nach 23 Jahren ist die Flaschenpost einer vermutlich deutschen Urlauberin in Griechenland aufgetaucht. Die Frau hatte die Botschaft am Neujahrstag des Jahres 1990 bei einer Kreuzfahrt zwischen Afrika und Kreta über Bord geworfen. Anfang Januar wurde die Flasche an einem Strand der Insel Kefallonia im Ionischen Meer entdeckt. „Schreiben Sie mir eine Nachricht, wenn Sie meine Flasche finden!“, schrieb die Urlauberin Regina Exius damals auf Englisch. Außerdem enthält die Flaschenpost einen Neujahrswunsch auf Deutsch. Ihre Anschrift hinterließ die Absenderin aber nicht.

Hagenower Botschaft im Plöner See
Es müssen Schüler der ehemaligen Oberen Schule in der Augustenstraße gewesen sein, die bei einem Ausflug um 1930 ein Bierchen des Hagenower Getränkehandels Ernst Busecke am Plöner Jachthafen getrunken und die leere Flasche mit einer Botschaft im Wasser versenkt haben. Rocco Hannert aus Eckernförde fand die geheimnisvolle Spur der Schüler bei einem Tauchgang vor Weihnachten. Handschriftlich steht auf dem Zettel geschrieben: „Besten Gruß senden folgende Schüler der städt. höh. Schule Hagenow in Mecklenburg. Emil Großkopp, W. Kruzfeldt, Friedrich Hüxxxxx, H. xxxx, Karl Dubbe, Wilhelm xxx“. Doch wie kommt die Hagenower Flasche in den Plöner See? Waren die Schüler dort auf Klassenfahrt oder hatten sie dort ein späteres Klassentreffen?

Aus dem Wasser ins Museum
Ein Ehepaar aus Semlin entdeckte bei einem Spaziergang eine drei Jahrzehnte alte Flaschenpost. Die damals elfjährige Heike Lange hatte die Flasche im August 1981 ins Wasser geworfen. „Ich habe mich sehr gefreut, dass sie jetzt wieder aufgetaucht ist“, sagte die inzwischen 42-Jährige. Interessant: Die Adresse, die sie damals in der Flaschenpost hinterlassen hatte, trifft noch immer auf ihr Elternhaus in Rathenow zu. Geplant ist, dass die Flasche samt Post künftig im Semliner Heimathaus zu sehen ist. Dort gibt es eine Ausstellung zur Dorfgeschichte. „Das finde ich eine sehr schöne Idee“, meinte Lange.

Über die DDR-Grenze hinweg
Eine deutsch-deutsche Geschichte: Auf der Suche nach einem Brieffreund warf der elfjährige Marko Bode am 3. Januar 1987 in der DDR eine Flaschenpost ins Wasser des Flüsschens Lutter - nach mehr als 23 Jahren ist der Brief aus Thüringen jetzt im Westen angekommen. Sein neunjähriger Sohn Youri habe die Flasche zufällig in einem Haufen von Treibgut entdeckt, berichtete Herbert Maibohm in Göttingen. Aus der von Marko vor 23 Jahren angestrebten Brieffreundschaft ist doch noch etwas geworden. Bode will auch weiterhin mit Youri in Kontakt bleiben, ein nächstes Treffen sei schon geplant

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