Mecklenburger Kulturhistorie : Flanieren für Leib und Seele

Familienspaziergang mit Kinderwagen, 1958  Repro: Rossmann
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Familienspaziergang mit Kinderwagen, 1958 Repro: Rossmann

Spaziergänge gehören erst seit dem 19. Jahrhundert zur Alltagskultur . Sie wurden bedichtet, gemalt und fotografiert

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22. September 2017, 12:00 Uhr

Wer geht nicht gern spazieren? Ein bisschen schlendern, bummeln, flanieren – das ist gesund und vergnüglich. Und wenn Spazierengehen heute alltäglich erscheint, so war es das längst nicht immer.

Erst im 19. Jahrhundert wurde deutschlandweit „spaziert“. Auch in der Literatur ist davon immer wieder die Rede – zum Beispiel bei dem niederdeutschen Dichter Fritz Reuter. In seinem 1859 erschienenen Werk „Ut de Franzosentid“ heißt es zum Beispiel: ,…denn wenn de oll Herr ’s Middags unner de Kastannenböm in’n Schatten spazieren gung, denn kek da toll lütt Spitzbauwen-Zöppken so fidel un vernimm äwer den blagen Rockkragen weg…“

Der niederdeutsche Schriftsteller John Brinckman (1840-1870) wiederum schreibt in seinem 1868 erschienenen „Kasper Ohm un ick“: „Unkel Andrees abfällig über Doktor Spirrfix: ,…he güng alle Dag’ an’n Strann spazieren, un denn kek he ümmer to, wur ick angeln ded, un denn wull nie nich keen Witick anbieten.‘ Auch andere niederdeutsche Dichter greifen immer wieder diese sich in bürgerlichen Kreisen zunehmender Beliebtheit erfreuenden Bewegungsform in ihren Werken auf.

Auch die bildende Kunst kennt viele Spaziergänge. Carl Spitzweg zum Beispiel malte 1841 die Szene eine klassischen Sonntagsspaziergangs – Vater, Mutter, Kinder im feinsten Zwirn – mit einem ironischen Augenzwinkern. Und natürlich sind auch viele Spaziergänge an der Ostsee auf der Leinwand festgehalten.

Der Begriff selbst entlehnt sich dem italienischen Begriff „spaziare“, welches für „sich räumlich ausbreiten“ steht. Noch im 17./18. Jahrhundert war es der Adel, welcher seinem Müßiggang etwas Sinn und Bedeutung zu geben hoffte. Diese Form des Spazierens in Parks und Grünanlagen ähnelte eher dem Flanieren bzw. dem Lustwandeln „zum Zeitvertreib und zur Erbauung“. Natürlich war es immer auch ein Sehen und Gesehenwerden. Um der persönlichen Würde noch etwas mehr Ausdruck zu verleihen, gehörten zum Spazieren unbedingt eine vornehme Kleidung und natürlich der Spazierstock.

Erst als mit der Aufklärung beim Bildungsbürgertum eine neue Naturbegeisterung aufkam, wurde, gleich dem Wandern, diese neue Art der Fortbewegung zum Symbol der Emanzipation des Bürgertums.

Im Unterschied zu den Aufklärern war der Blick der dann folgenden Romantiker nicht mehr auf die sozialen und politischen Gegebenheiten gerichtet, sondern vorrangig auf die Landschaft als Spiegel des eigenen Ichs.

Ein berühmter Spaziergänger dieser Zeit war Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): „…Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn…“ Das dichtete der Meister sicherlich während eines Spaziergangs.

Heute finden Spaziergänge ungezählte Anlässe: Es gibt den Winterspaziergang, den Abendspaziergang, den Familienspaziergang, den Wald- oder Strandspaziergang, den Verdauungsspaziergang und viele andere. Mediziner gehen davon aus, dass das Spazierengehen gegen unterschiedliche Leiden hilft. Dabei ist diese Form der Bewegung mit Abstand die einfachste, preiswerteste und flexibelste, die man sich vorstellen kann.

Allerdings sind es nicht immer positive Assoziationen, die sich mit Spaziergängen verknüpfen. Legendär wurde der letzte Spaziergang des Bayernkönigs Ludwig II., der mit seinem mysteriösen und sagenumwobenen Tod im heutigen Starnberger See endete. Ein ebenfalls tragisches Ende nahm aber auch der weniger bekannt gewordene letzte Spaziergang des Großherzogs Adolf Friedrich VI., letzter Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, der am 23. Februar 1918, gegen 16 Uhr, mit seinem Hund die Villa Parkhaus in Neustrelitz zu einem Spaziergang verließ, und aus bis heute nicht abschließend geklärten Gründen zu Tode kam. Heftig spekuliert wurde seinerzeit über einen Selbstmord. Das Grab dieses Großherzoges wiederum ist heute ein beliebtes Ziel vieler Spaziergänger. Es befindet sich auf der Liebesinsel neben dem Mirower Schloss.

Rolf Rossmann

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