Flüchtlinge : Fitmachen für den Arbeitsmarkt

In Lernwerkstätten, wie hier in München, können Flüchtlinge Erfahrungen in Handwerksberufen machen.
In Lernwerkstätten, wie hier in München, können Flüchtlinge Erfahrungen in Handwerksberufen machen.

Erste Arbeitsprojekte für Flüchtlinge in MV sind gestartet . Doch der Wirtschaft geht das zu langsam

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07. März 2016, 08:00 Uhr

Immer mehr Flüchtlinge in MV suchen Arbeit. Ende Februar waren laut Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit 5800 Ausländer im Land erwerbslos gemeldet, 2000 mehr als ein Jahr zuvor. Von weiter steigenden Zahlen wird ausgegangen, obwohl ein Teil der anerkannten Flüchtlinge den Nordosten in Richtung der großen deutschen Ballungszentren verlässt.

Wirtschaftskammern, Jobcenter und Bildungsträger wollen die Dableibenden nach dem Deutsch- und dem Integrationskurs gezielt für den Arbeitsmarkt fit machen. Denn es ist ein Unterschied, als Maler in Afghanistan Ölfarbe auf Lehmwände zu streichen oder in Deutschland mit Struktur- und Mustertapeten unterschiedlicher Qualitäten zu arbeiten, wie Wolfgang Hüls von der GAP Gesellschaft für Arbeitsförderung und Personalentwicklung Nord mbH sagt. Doch es gibt im Land erst vereinzelte Maßnahmen.

Beim Bildungsträger GAP läuft in Schwerin seit September 2015 das Projekt „Life“. Binnen eines halben Jahres sollen die derzeit 24 Teilnehmer – darunter acht Frauen – zur Arbeitsreife in Deutschland geführt werden. Neue Teilnehmer können ständig einsteigen, sagt Hüls. Sie würden vom Jobcenter zugewiesen. „Zum Lehrprogramm gehören neben dem Feststellen der individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten auch arbeitsmarktrelevantes Deutsch und rechtliche Fragen, etwa zu Arbeitsverträgen“, erklärt GAP-Geschäftsführerin Andrea Ehlke. Die Inhalte im Einzel- und Kleingruppenunterricht reichten von der Gliederung und Ordnung der Berufe in Deutschland bis hin zu Toleranz, Sitten und Bräuchen – „immer stark an der Praxis orientiert“, wie Hüls betont.

Überall wird an solchen und ähnlichen Kursen gestrickt, man steckt aber noch in den Anfängen. Vor allem auf dem Land läuft bislang wenig. Peter Hüfken vom Jobcenter Vorpommern-Rügen sagt: „Wir brauchen noch ein bisschen Zeit.“ Noch fehlten vielfach die nötigen Deutschkenntnisse bei den Flüchtlingen. Teilweise seien die von Bildungsträgern angebotenen Maßnahmen nicht auf den tatsächlichen Bedarf abgestimmt. Hüfken rechnet in seiner Region Mitte April mit dem Start der ersten Kurse zur beruflichen Integration.

In den großen Städten des Landes ist man etwas weiter. In Rostock sind nach Auskunft der Arbeitsagentur derzeit 65 Flüchtlinge in einer dreimonatigen Maßnahme, die zur Aufnahme einer Arbeit befähigen soll. Auch dort geht es um die Feststellung der Kompetenzen, das Suchen nach Perspektiven und die Unterstützung bei Bewerbungen, wie Agentursprecher Thomas Drenckow sagt. Reichen die Angebote für Kurse in Richtung Arbeitsmarkt aus? „Es ist unklar, wer von den Flüchtlingen hier bleibt“, sagt Drenckow. Jedem, der wolle, werde aber ein Angebot unterbreitet. Geld sei genug da, betont er. Diese Unsicherheit haben in MV alle, die mit dem Thema zu tun haben, insbesondere im ländlichen Raum. Deshalb gebe es dort bislang kaum Maßnahmen, sagt die Vorsitzende des Landesflüchtlingsrates, Ulrike Seemann-Katz.

In der Landeshauptstadt hingegen startete vor wenigen Tagen ein weiteres Projekt mit dem Namen „Flüchtlinge rasch integrieren durch Arbeit und Ausbildung“, kurz „Fridaa“. Es wird nach Arbeitgebern gesucht, die den Flüchtling einstellen könnten.

Die Linken bezweifeln, ob es sinnvoll ist, Migranten zunächst wochen- und monatelang im Klassenzimmer zu beschulen. Ihr arbeitsmarktpolitischer Sprecher im Landtag, Henning Foerster, meint: „Viele müssen zeitnah eigenes Geld verdienen, sei es, um die Familie in der Heimat zu unterstützen, oder um Flucht- oder andere Schulden bei Verwandten zu begleichen.“ Aus seiner Sicht sollten Spracherwerb und erste Praktika parallel laufen.

Auch der Wirtschaft geht es nicht schnell genug voran. „Wir haben früh gesagt, wir stehen bereit“, sagt der Neubrandenburger IHK-Geschäftsführer Torsten Haasch. „Wir wollen Verantwortung übernehmen, zum Beispiel mit Praktika. Unsere Unternehmen würden auch beim Spracherwerb mithelfen.“

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