Filmkunst : Film ab!

Einen 35-Millimeter-Kinofilm bereitet Thomas Genich im Filmbüro Wismar für das Abspielen vor.
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Einen 35-Millimeter-Kinofilm bereitet Thomas Genich im Filmbüro Wismar für das Abspielen vor.

Große Filmkunst im Dorfkino: Bundesweit einmalige „Abspielringe“ eines Vereins in MV lockt Cineasten an

svz.de von
05. Dezember 2014, 08:00 Uhr

Eine wachsende Dorfkinoszene macht aus dem Flächenland Mecklenburg-Vorpommern zunehmend ein Filmkunstland. Der Nordosten ist längst keine Lichtspiel-Wüste mehr, wie eine Umfrage ergab. Der Landesverband Filmkommunikation (Güstrow) bringt über bundesweit einzigartige „Abspielringe“ rund ums Jahr große Kinokunst in kleine Dörfer, wie der Vorsitzende Jens-Hagen Schwadt sagte. So würden immer mehr Cineasten vor die Leinwände in Kirchen und Klubs, Schulen und Fabriken, Feuerwehr- und Pfarrhäusern gelockt. Die Zahlen gingen stetig nach oben. Inzwischen beteiligten sich landesweit mehr als 50 Spielorte an dem ehrenamtlich organisierten „Wander-Kino“. Rund 800 Aufführungen kulturell anspruchsvoller Filme hätten in diesem Jahr an die 30 000 Kinofreunde erlebt, wie Schwadt erklärte. Im vorigen Jahr waren es noch rund 20 000 Zuschauer bei 750 Veranstaltungen in gut 40 Dörfern und Kleinstädten.

Abgewickelt werde das Abspielen und Weitergeben der vor allem auf Blue-Ray-Discs gespeicherten Kinofilme von landesweit etwa 200 Ehrenamtlichen. Jenseits der großen Multiplex-Kinos oder der Handvoll kleiner kommerzieller Programmkinos im Nordosten lege der Filmverein besonderen Wert auf ausgesuchte außergewöhnliche Produktionen, Dokumentarfilme und auch experimentelle Streifen, die in großen Häusern kaum eine Chance bekommen. Auch junge Regisseure, Kurzfilme oder studentische Arbeiten erhielten so ihr Publikum, sagte Schwadt.

2014 machten nach den Wünschen der Vereinsmitglieder und nach ausgeklügelten Routenplänen rund 100 Filme die Runde. Diese mietet der Verband bei gewerblichen Verleihern. „Gespielt werden die Filme bei uns nie zum deutschen Kinostart, wir können gepflegt ein halbes Jahr warten“, sagte Schwadt. Im Vordergrund stehe ja nicht das gewerbliche Kino, sondern die Kommunikation. „Wir wollen keine Bespaßung, sondern tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Medium Film.“ Insofern sei die Technik auch weniger aufwendig gestaltet. „Da lassen wir die Kirche im Dorf“, betonte Schwadt. Laptop, Beamer, Leinwand genügten. „Mitunter tut es auch ein weißes Bettlaken.“

Ein jetzt vom Landeswirtschaftsministerium aufgelegtes Förderprogramm zur Digitalisierung kleiner Kinos gehe ohnehin an den Bedingungen der „Abspielringe“ vorbei, sagte Sabine Matthiesen, Geschäftsführerin des für die kulturelle Filmförderung des Landes zuständigen Filmbüros Wismar.  Aus dem Fördertopf, für den bis Jahresende Anträge gestellt werden können, sollen nur gewerbliche Lichtspielstätten in Orten mit weniger als 20 000 Einwohnern Zuschüsse für digitale Vorführtechnik wie Leinwand oder Server zum Abspielen von Festplatten erhalten. So solle es kleinen kommerziellen Kinos ermöglicht werden, moderne Großproduktionen zu zeigen, meinte Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU). Allerdings seien bei einer Förderquote von 25 Prozent hohe Eigenleistungen nötig, welche ländliche Kinos nicht aufbringen könnten, so Matthiesen.

Hervorgegangen ist der Landesverband Filmkommunikation 1990 aus der ostdeutschen Filmklubbewegung, einer von den DDR-Oberen stets kritisch beäugten Szene. Ziel war es von Anbeginn, Kino aufs Land zu bringen.


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