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Schweriner Zeichner Hartwig Hamer : Filigrane Raumberührung

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Hartwig Hamer, Schwerins großer Sohn, der "Sänger der Tiefebene", wie Gerhard Marcks ihn nannte, der Porträtist ihrer Städte, der Kolorist ihrer Weite, wird 70. 1943 in der Schelfstadt geboren, lebt er dort noch heute.

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erstellt am 04.Jul.2013 | 10:22 Uhr

Schwerin | Hartwig Hamer, Schwerins großer Sohn, der "Sänger der Tiefebene", wie Gerhard Marcks ihn nannte, der Porträtist ihrer Städte, der Kolorist ihrer Weite, wird 70. Am 4. Juli 1943 in der Schelfstadt geboren, lebt er dort noch heute. So oft es geht, unternimmt er Streifzüge durch die vertraute Stadt und Ausflüge ins nähere und fernere Umland. Ihn treibt, was Rilke einmal seine "Hinaussüchtigkeit" nannte. Die Utensilien des Zeichnens führt der ehemalige Kunsterzieher, der Schüler Hans Theo Richters, immer mit sich. Wer einmal Gelegenheit hatte, ihn beim Skizzieren zu beobachten, konnte sehen, mit welcher Hingabe er, ob Kälte, ob Wind, ob Regen, vor seinen Motiven steht, den Straßenzügen, den Häuserzeilen, den Fassaden, den Kirchen, den Gärten, der Landschaft. In der Linken das Skizzenbuch, in der Rechten den Stift, mit den Spitzen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger am äußersten Ende gefasst. Das Auge scheint die Linien des Motivs wie eine Schrift zu lesen. Aber das ist eine besondere, nicht jedermann sichtbare Schrift.

Nehmen wir die Zeichnung "Feldeiche" von 2006. Selten sah man ein so massiges, so knorriges und zugleich so fragiles Wesen von Baum, als trüge der müde, erschöpfte, von seinem Gewicht alt gewordene Stamm ein ewig junges, atmendes, in die Luft getriebenes Gezweig von allerfeinsten Antennen. Es ist ein geradezu physisch wirkender Anblick, filigrane Raumberührung und kolossale Erdbindung in einem, bewegte Unbewegtheit, Todesfühlung und Lebenswille, ein dunkler, ein heller Akkord. Der schwere Baum scheint förmlich zu vibrieren vor Musik, als wären Dirigent und Orchester eine Person in ihm. Und alles das mit nichts als Strichen aufs Papier gebracht!

Ich habe Hamer gelegentlich sagen hören, dass er, um skizzieren zu können, erst "in Stimmung" sein muss. Und das sei er nicht immer. Er meint damit jenen Schwebezustand, ohne den Resonanzen nicht zustande kommen. Sehen für einen Maler bedeutet mehr sehen, als man gewöhnlich sieht. Denn was es eigentlich zu sehen gilt, liegt nicht zutage, jedenfalls nicht dem Auge. Für einen Zeichner ist auch die Hand ein Organ der Wahrnehmung. Man könnte fast sagen: Nicht was das Auge sieht, zeichnet die Hand, sondern was die Hand zeichnet, sieht das Auge. Es handelt sich um eine Art Selbstentzündung des Sehens während des Zeichnens. Die Hand ist mehr als nur das Instrument des Auges, mit ihr wird das Gesehene gleichsam ertastet, sie ist eine Antenne des Leibes, ein taktiles Gehör.

Ein gutes Bild bietet daher mehr als nur ein visuelles Erfassen seines Gegenstands, es ist stets auch ein Widerhall der inneren Stimmung des Künstlers. Der Maler, sagt Paul Valéry, bringt seinen Körper ein. Das Alphabet der Leiblichkeit, wer kennt es nicht: Angst, Beklemmung, Leichtigkeit, Müdigkeit, Behagen, Traurigkeit, Freude, Erschöpfung. Das alles und jedes auf seine Weise verschmilzt im Werk eines Malers mit der gesehenen Sache. Wo das der Fall ist, lebt ein Bild. So auch die alte Eiche, die Hamer einst in der Mecklenburgischen Schweiz skizziert hat. Den Baum einsehen. Sich in ihn einspiegeln, einhören, eintasten. Selbst zum Baum im Baum werden. Hier ist sie, die berühmte Einfühlung des Künstlers, sein osmotisches Verhältnis zur Welt. Im Letzten ist es Verwandlung.

"Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume", heißt es in einem Vers von Günter Eich. Doch nicht nur die Bäume, auch die anderen Motive im Werk von Hartwig Hamer sind Früchte der Empathie. Nehmen wir das Aquarell "Wolken über Fischerhude" von 2013. Das ist eine dieser großen, von Menschenleere leuchtenden Landschaften Norddeutschlands. Kein anderer setzt sie so suggestiv, so transparent, so musikalisch ins Bild wie dieser Maler. Der grandiose Aufzug der Wolken, die mächtige Vertikale des Himmels, die fallenden Vorhänge des Regens.

Die Wolken sind ja der Gegenpol der Bäume. Hier Ortstreue und Ausharren in der Zeit, dort Flüchtigkeit und ewiges Wandern, hier standfeste Form und unendlicher Sinn, dort Formverschwendung ohne fassbare Bedeutung.

Carl Gustav Carus schrieb in einem seiner Briefe über Landschaftsmalerei: "Alles, was in des Menschen Brust widerklingt, ein Erhellen und Verfinstern, ein Entwickeln und Auflösen, ein Bilden und Zerstören, alles schwebt in den zarten Gebilden der Wolkenregionen vor unseren Sinnen." Hamers Aquarell ist erfüllt vom Augenblicksleuchten der Welt und seinem jähen Absturz. Es ist nicht düster, aber für die Weggefährten und Kenner seines Werks von einer doch ungewöhnlichen Dramatik, einer tieferen Unruhe.

Es überrascht nicht, dass ein bedeutender Künstler im Umfeld eines hohen Geburtstags außer vom Schauer des Glücks, die Freunde zu sehen, auch von einem Schauer der Melancholie gestreift wird. "Brav bestanden", pflegte Thomas Mann zu notieren, wenn die Turbulenzen zum Ehrentag absolviert waren. Wohl wissend, dass das Bestehen und Bestandenhaben immer im Werk erfolgt.

Aber es hilft ja nichts, lieber Hartwig Hamer, zum Werk gratulieren wir bei vielen Gelegenheiten, zum Geburtstag nur heute.

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