zur Navigation springen

Lebensretter weiter ausgebremst : Feuerwehr warnt: Sicherheit in Gefahr

vom

Bei einem Brand in der Landeshauptstadt könne die Berufsfeuerwehr nicht schnell genug am Einsatzort sein. Durch weitere Tempo-30-Zonen und Baustellen werde es immer schlimmer, kritisiert eine Einsatzkraft.

svz.de von
erstellt am 09.Jan.2012 | 07:25 Uhr

Schwerin | "Bei einem Brand im Norden der Landeshauptstadt, beispielsweise in den Helios-Kliniken, könnten wir schon jetzt nicht schnell genug am Einsatzort sein", kritisiert eine Einsatzkraft der Schweriner Berufsfeuerwehr* die derzeitigen Bedingungen. "Und es wird durch weitere Tempo-30-Zonen und Baustellen wie die in diesem Jahr auf dem Marienplatz immer schlimmer." Der Lebensretter widerspricht damit - ebenso wie weitere Berufsfeuerwehrleute im SVZ-Gespräch - den Aussagen des für Brandschutz in Schwerin zuständigen Vize-Oberbürgermeisters Dr. Wolfram Friedersdorff.

Der hatte zum Jahresende auf Anfrage unserer Zeitung erklärt, dass die Vor gaben des Brandschutzbedarfsplans in der Landeshauptstadt eingehalten werden. Die Planung setzt den Lebensrettern von Berufs- und freiwilligen Wehren die Vorgabe, höchstens 13 Minuten zwischen dem Eingang des Notrufes und dem ersten "Wasser marsch!" vor Ort vergehen zu lassen. "Das haben wir in diesem Jahr zu 82 Prozent erfüllt und liegen damit bei Werten wie in den Vorjahren", sagte Friedersdorff kurz vor Weihnachten.

Die Überschreitungen der Einsatzzeiten betreffen nach SVZ-Informationen vor allem Alarmierungen aus dem nördlichen Schwerin - beispielsweise Medewege und Friedrichsthal, aber auch Lankow. Grund: Für die Berufsfeuerwehrleute ist der Anfahrtsweg von der Graf-Yorck-Straße einfach zu lang. Es ist daher verständlich, dass immer mehr Stimmen laut werden, die die Rückkehr zu einer zweiten Feuerwache der Berufsfeuerwehr beispielsweise in der Lübecker Straße fordern. So könnten Anfahrtswege verkürzt werden.

"Seit Jahren wird vieles nur schön geredet", beklagt der Feuerwehrmann. So seien auf dem Papier die Einsatzzeiten klar zu schaffen - auch bis zu den entlegenen Ortsteilen Schwerins. Denn der Brandschutzbedarfsplan weist eine durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit eines Löschzuges durchs Stadtgebiet mit 47 Kilometer pro Stunde aus. "Das ist einfach nicht zu schaffen", bilanziert der Feuerwehrmann. "Bundesweit gehen Experten von einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 bis 27 Kilometer pro Stunde aus. Es ist uns allen ein Rätsel, woher die Zahlen im Schweriner Bedarfsplan kommen."

Ein mehrfach durchgeführter Selbsttest der Schweriner Berufsfeuerwehrleute mit dem hochmotorisierten Notarztwagen - einem allein fahrenden Pkw - habe einen durchschnittlichen Spitzenwert von 37 Kilometer pro Stunde ergeben. "Da sind wir aber auch schon mit 120 Sachen über die Wismarsche Straße gerast", berichtet der Feuerwehrmann. Der Löschzug mit mehreren Lkw sei dagegen zwangsläufig wesentlich langsamer unterwegs.

Die vorgeschriebenen 13 Minuten Hilfsfrist halten die Lebensretter daher für völlig illusorisch. Bei einem Ernstfall im KGW, im Awo-Pflegeheim am Buchenweg, in der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, in der "Seewarte" oder am Campus am Ziegelsee "hätten wir keine Chance", sagen die Feuerwehrleute. Und die Stadtpolitik verschärfe die Situation immer mehr. "Wir wissen nicht, was sich die Stadtvertreter denken, wie die Feuerwehr die Hilfsfrist schaffen soll, wenn der Marienplatz wegen der Bauarbeiten nicht befahren werden kann und wir über die durch Tempo 30 verstopfte Werderstraße müssen. Ein Überholen ist da unmöglich", beklagen die Einsatzkräfte. Zusätzlich soll in diesem Jahr auch noch der Obotritenring zur 30er-Zone werden. "Wir mögen gar nicht daran denken, wenn dadurch Menschenleben gefährdet werden", sagt ein Brandbekämpfer. "Wenn dann die Staatsanwaltschaft ermittelt, gerät die Stadt in erhebliche Erklärungsnot."

Die einzige Alternative nach der "Fehlentscheidung" für den Standort der Hauptfeuerwehrwache in der entlegenen Graf-Yorck-Straße - "wir hatten damals für den Busbahnhof, wo jetzt die Burgseegalerie steht, oder die Kasernen in der Stellingstraße, wo heute Finanzamt und Landesbibliothek sind, plädiert" - sei die schnellstmögliche Errichtung einer Nebenwache in zentraler Lage. Doch das wird teuer. Nicht nur der Bau würde Geld benötigen, das die Stadt nicht hat. Auch für die dauerhafte Besetzung der beiden Wachen mit Berufsfeuerwehrleuten wäre mehr Personal nötig - was wiederum kostet. Derzeit leisten auf dem Papier 16 Beamte eine Tagschicht. Bei zwei Wachen müssten es 18 sein: Zehn in der Hauptwache und weitere acht in der Nebenwache. Die Lebensretter sind sich sicher: Die Politik muss schnell handeln.

*Namen der Redaktion bekannt


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen