Festsaal mit Geschichte ist bald Geschichte

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08. Juni 2012, 09:42 Uhr

Schwerin | Vierzig Jahre nach seiner Einweihung muss der Festsaal im Schweriner Schloss dem Neubau eines Plenarsaals für den Landtag weichen. Die "Arbeiter-und-Bauern-Macht" der DDR ersetzte 1972 mit dem schlichten funktionalen Raum den prunkvollen Gol denen Saal, der 1913 dem Schlossbrand zum Opfer gefallen war. Ungewollt löste sie damit die Rettung des Schweriner Wahrzeichens in seinem großherzoglichen Gewand aus.

Der "prachtvolle Mehrzwecksaal mit heller Holztäfelung" werde "hohen ästhetischen und akustischen Ansprüchen gerecht", lobte die Schweriner Volkszeitung zur feierlichen Eröffnung im Mai 1972. Nationalpreisträgerin Hanne-Lore Kuhse aus Dresden sang Opernarien und das Staatliche Sinfonieorchester, das später in Schweriner Philharmonie umbenannt wurde, intonierte die Sinfonie Nummer 5 von Schostakowitsch. "Der Saal sieht gut aus", sagte sich anfangs der Cellist Eberhard Hoppe, "aber akustisch war er nicht so umwerfend". Bis sie 1992 aufgelöst wurde, spielte die Philharmonie jährlich zwei Konzertreihen im Festsaal. Vormittags füllten oft Schüler die Reihen, um an Klassik und Moderne herangeführt zu werden.

Anja Ryll erinnert sich an ihren jugendlichen Stolz, mit dem sie 1987 - wie Tausende Jugendliche vor ihr - ihre Jugendweihe im Festsaal feierte. "Man ging aufs Schloss. Das hatte etwas Besonderes", berichtet die Schwerinerin. Den geschmückten Saal empfand sie als schön, auch wenn sie viel zu aufgeregt war, darüber ernsthaft nachzudenken.

Sofort nach dem Feuer 1913 nahm Großherzog Friedrich Franz IV den Wiederaufbau in Angriff. Den Goldenen Saal wollte er wieder so herrichten, dass er auf lange Zeit als "Perle des Landes" hätte gelten können. Bis zu seiner Abdankung 1918 wurden jedoch nur die Fassaden und Dächer wieder hergestellt. In den 1950er Jahren begann der Umbau zu einem Konzert- und Kongress-Saal. Nachdem Unmengen von Beton für eine Bühne und einen Rang verbaut waren, ruhte der Rohbau. Erst 1967 wurde der Festsaal nach neuen Plänen in Angriff genommen.

Der Beton wäre nur mit einem enormen Aufwand wieder heraus zu bekommen gewesen, sagt Horst Ende vom Landesamt für Denkmalpflege. "Aber es gab auch keine innere Einstellung bei den Verantwortlichen, den Saal dem übrigen Stil des Schlosses anzupassen."

Nur drei Wochen nach der Einweihung des Festssaals platzte der Staatsschauspielerin Traute Richter der Kragen. Als Gast der 14. Arbeiterfestspiele war sie entsetzt, wie wenig der "moderne" Saal zum Äußeren des Schlosses passen wollte, schließlich war sie in einen "Goldenen Saal" eingeladen worden. Richters Protest beförderte bei Partei und Staatsmacht die Erkenntnis, welch historisches Kleinod Schwerin besaß. Bereits 1974 wurde der von der Kindergärtnerinnen-Schule genutzte Thronsaal restauriert.

Am Sonntag können Besucher den Saal in seiner jetzigen Form noch einmal in Augenschein nehmen. Bei einem Tag der offenen Tür besteht die Möglichkeit, sich Einblick in die Arbeit des Landtags zu verschaffen.

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