zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

12. Dezember 2017 | 15:15 Uhr

Klimaschutz : Ferienspaß mit Nebenwirkungen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Millionen Deutsche jetten in den Sommerurlaub und belasten das Klima. Das Umweltbundesamt ruft zum Verzicht auf – für Reisende aus MV kein Problem

von
erstellt am 05.Jul.2016 | 12:00 Uhr

Urlaub in der Heimat liegt nicht nur im Trend, sondern ist auch noch gut für das Klima. Denn Urlaubsreisen mit dem Flugzeug belasten die Umwelt erheblich. Zu Beginn der Urlaubszeit mahnen das Umweltbundesamt und Naturschützer daher die Bürger, auf Flugreisen möglichst zu verzichten.

Für viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern ist das kein Problem. Denn laut der Sonderauswertung der Reiseanalyse 2014 bis 2016 für den Tourismusverband MV ist das Bundesland das beliebteste Reiseziel. 17,7 Prozent der Mecklenburger verbringen ihren Urlaub demnach in der Heimat. Damit leisten sie auch einen erheblichen Beitrag für den Klimaschutz.

Denn je näher das Reiseziel, desto geringer seien die Klima- und Umweltschäden, erklärte das Umweltbundesamt. „Die umweltfreundlichste Variante ist daher der Urlaub auf Balkonien oder im Schrebergarten.“ Alternativen seien auch Rad- und Wanderurlaube – in MV alles kein Problem.

Schlecht für die Umwelt sind hingegen die vielen Flugreisen. Spanien und Türkei rangieren auf Platz zwei und drei der beliebtesten Urlaubsziele der Mecklenburger. Dabei stammen rund 75 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen, die dem Tourismus zugerechnet werden, aus dem Verkehr – davon 40 Prozent aus dem Flugverkehr. Schon mit einem Flug nach Teneriffa verursacht ein Passagier nach Berechnungen des Naturschutzbunds Deutschlands deutlich größere Klimaschäden, als wenn er ein ganzes Jahr lang Auto fährt. An die Politik appellierte das Umweltbundesamt, umweltschädliche Subventionen zu streichen, damit das Fliegen vom Staat nicht künstlich verbilligt wird.

Abgeschafft gehören nach dem Willen des Amts die Befreiung des Kerosins von der Energiesteuer, die Befreiung internationaler Flüge von der Mehrwertsteuer und Betriebsbeihilfen für Flughäfen. „Anders wird die wichtige Verlagerung auf die umweltfreundlichere Schiene und die Eindämmung des Wachstums im Flugverkehr nicht zu erreichen sein“, betonte die Bundesbehörde.

Die Turbinen pusten viel Kohlendioxid und Stickoxide in die Luft, die den Treibhauseffekt befördern und die Atmosphäre aufheizen. Hinzu kommen Kondensstreifen und Aerosole wie etwa Ruß, die ebenfalls verhindern, dass Wärme vom Boden in den Weltraum zurückgestrahlt wird. Mit einer einzigen Flugreise können 2000 bis 6000 Kilogramm klimaschädliches CO2 freigesetzt werden, wie das Umweltbundesamt vorrechnet. Um aber bis 2050 wie angestrebt Klimaneutralität zu erreichen, dürfte jedermann jährlich nur rund 1000 Kilogramm emittieren.

20 Millionen Passagiere sind 2015 innerdeutsch geflogen

Der Leiter Verkehrspolitik beim Umweltverband BUND, Werner Reh, rät: „Statt mehrfach im Jahr in den Urlaub zu fliegen, seltener fliegen. Und wenn man fliegt: länger bleiben.“ Zudem sei es ratsam, zu jedem Flug eine seriöse Klima-Kompensation dazu zu buchen. Dabei finanzieren Passagiere Klimaschutzprojekte, die das beim Flug ausgestoßene CO2 wieder einsparen. Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) rät zu Ausgleichszahlungen: „Wir setzen uns im Rahmen der internationalen Luftverkehrsorganisation für globale Klimaschutz-Lösungen ein.“ Aus ihrer Sicht ist „Verzichtsrhetorik“ nicht der richtige Weg.

Der Experte des Umweltverbands Nabu, Dietmar Oeliger, ist der Meinung: „Innerdeutsch ist Fliegen eigentlich aufgrund eines guten Schienenverkehrsnetzes überhaupt nicht mehr notwendig.“ Vor allem bei Kurzreisen von bis zu vier Tagen zieht es die Menschen aus MV nicht in die Ferne. 83,4 Prozent bleiben bei einem Kurzurlaub innerhalb von Deutschland. 16 Prozent davon in MV. Die Umweltorganisation Germanwatch appellierte an die Bundesregierung, Nachbarn wie Frankreich, die Benelux-Staaten und Großbritannien dafür zu gewinnen, gemeinsam eine Kerosinsteuer einzuführen – ähnlich hoch wie die Mineralölsteuer bei Autos. Allein 20 Millionen Passagiere sind 2015 innerdeutsch geflogen, obwohl man hierzulande auch mit der Bahn gut vorankommt.

Die Luftverkehrswirtschaft hält nichts von der Forderung nach einem freiwilligen Verzicht auf Flugreisen. Trotz hoher Wachstumsraten sinke der Anteil des weltweiten Luftverkehrs an den Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid, sagte der Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Peter Königsfeld. Von 2,81 Prozent im Jahr 2000 sei der Anteil auf 2,42 Prozent im Jahr 2012 gesunken. Und seit 1990 hätten die deutschen Fluggesellschaften ihren spezifischen Treibstoffverbrauch um 42 Prozent verringert.

Forderungen nach einer Kerosinsteuer, um das Fliegen zu verteuern, lehnte der Verband ab. Ein nationalstaatlicher Alleingang für eine Kerosinsteuer, „würde zu einem weiteren erheblichen Wettbewerbsnachteil für deutsche Luftverkehrsunternehmen führen“, sagte Königsfeld. Die Branche brauche finanziellen Spielraum für neue Flugzeuge: „Denn damit reduzieren wir am wirkungsvollsten die Lärm- und die CO2-Emission.“

Wer noch nicht weiß, wo es im Sommer hingeht, sollte also nicht nur in die Ferne schweifen. Auch vor der Haustür liegen schöne Ziele. Reisewünsche auf anderen Kontinenten seien immer zu hinterfragen, meint das Umweltbundesamt. „Auch in Europa gibt es mehr spannende Sehenswürdigkeiten und Reiseziele, als wir in unserem Leben jemals entdecken können.“

„Die Rechnung geht auf Dauer nicht auf“

Mojib Latif spricht am 18. März im Sasel-Haus.
Mojib Latif spricht am 18. März im Sasel-Haus. Foto: J.Steffen/Geomar/hfr
Mit Professor Mojib Latif, Klimaforscher am Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, sprach Rasmus Buchsteiner.

Weniger fliegen, fordert das Umweltbundesamt, weniger Fleisch, empfiehlt die Umweltministerin – wie viel individueller Verzicht ist nötig, um das Weltklima zu retten?
Latif: Ich will mich hier nicht zum Moralapostel aufschwingen und keine Vorschriften machen. Die Verzichtsdebatte führt uns nicht weiter. Am Ende gewinnen wir alle, wenn unsere Umwelt geschützt wird und das Klima stabil bleibt und nicht kippt. Schon der „Club of Rome“ hat 1972 gemahnt: Wir können so nicht weitermachen und müssen unseren Lebensstil verändern. Wohlstand durch Ressourcenverbrauch – die Rechnung geht auf Dauer nicht auf.

In Berlin treffen sich bis morgen Experten und Politiker zum Petersberger Klimadialog – gut ein halbes Jahr nach dem großen Abkommen von Paris. Geht es beim Klimaschutz schneller als früher?
Latif: Leider nein. Es geht, wenn überhaupt, nur sehr langsam voran. Schon nach dem Abkommen von Paris war mir klar, dass da kaum mehr beschlossen worden ist als Absichtserklärungen. Jetzt wird in Berlin durchaus über vernünftige Dinge verhandelt: Es geht darum, wie wir den Entwicklungsländern helfen können, ihre Industrien stärker in Richtung erneuerbare Energien umzustellen. Das ist sicherlich sinnvoll. Aber den ganz großen Durchbruch kann ich nicht erkennen. In Deutschland erleben wir gerade, wie der Entwurf für den Klimaschutzplan 2050 mehr und mehr verwässert wird. Ohne einen Fahrplan für den Kohleausstieg wird Deutschland keinen ambitionierten Klimaschutz betreiben können.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen