zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 05:00 Uhr

Gesundheitswesen : Feriengäste an der Dialyse

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Viele Urlauber sind auf eine Nierenersatztherapie angewiesen – doch die Krankenkassen zahlen auch dafür immer weniger

svz.de von
erstellt am 23.Aug.2014 | 09:00 Uhr

Wer sich im Urlaub schon früh um sechs abholen lässt, will meist zum Zug oder zum Flugplatz gebracht werden. Bei Elke Majewski ist das anders: Wenn ihre Familie noch im gemeinsamen Ferienhaus schläft, wird sie dreimal pro Woche in Heiligendamm abgeholt und zur Dialyse nach Rostock Lütten Klein gebracht.

Seit zehn Jahren übernehmen bei der Berlinerin Maschinen die Arbeit ihrer Nieren. Das habe, so sagt sie, natürlich viele Einschränkungen mit sich gebracht – doch auf Urlaubsreisen wolle sie nicht verzichten. Allerdings plant die 57-Jährige Reisen anders als Gesunde. „Noch bevor wir etwas buchen, erkundige ich mich immer nach Möglichkeiten der Feriendialyse.“ Jahrelang sei sie mit ihrem Mann an den Weißenhäuser Strand gefahren, „da ist die Dialysepraxis um die Ecke“. Doch für den geplanten Urlaub mit der Großfamilie hätte es dort kein geeignetes Quartier gegeben, deshalb habe man sich neu orientiert. „In Bad Doberan, wo ich zuerst anrief, waren keine Dialyseplätze mehr frei. Dort haben sie mich aber nach Rostock weiterverweisen – „hier hat es geklappt. Und hier fühle ich mich sehr gut aufgehoben“, betont die Berlinerin.

Die Praxis in Lütten-Klein gehört wie die in Bad Doberan zum Praxisverbund für Dialyse und Apherese Rostock. 190 Mitarbeiter arbeiten im Verbund, sie betreuen unter anderem ca. 300 Dialysepatienten. „Außerdem haben wir übers Jahr verteilt in allen drei Zentren mehr als 400 Gäste an der Dialyse“, erläutert Dr. Roland E. Winkler, Gründer und Mitglied des Praxisverbundes.

Einige „Feriengäste“ kommen nur ein einziges Mal, der überwiegende Teil bliebe wie Elke Majewski länger als eine Woche. „Feriendialysen sind für uns aufwendiger, weil wir diese Patienten nicht kennen und also viel mehr nachfragen und ihre Reaktionen auch viel engmaschiger überwachen müssen“, erläutert der Nierenspezialist, der gleichzeitig der Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Nephrologen ist. Die Krankenkassen aber würden das genau anders sehen: „Sie argumentieren, wenn jemand noch in der Lage sei wegzufahren, dann sei er ein leichter Fall und wir hätten mit ihm auch weniger Arbeit.“ Das Ergebnis: Die Vergütung für Feriendialysen sei die niedrigste seit 1991.

Seit gut einem Jahr bekommen die Dialysepraxen in Deutschland den Spardruck durch die Kassen besonders hart zu spüren: Zum 1. Juli 2013 waren die Sachkostenpauschalen für Dialysen, die vorher schon jahrelang nicht angepasst wurden, um ein Fünftel abgesenkt worden. Parallel dazu waren Preisabstufungen eingeführt worden, die große Einrichtungen wie den Rostocker Verbund besonders hart trafen. Ein Ergebnis: „In Mecklenburg-Vorpommern sind bereits drei Dialyseeinrichtungen an die Industrie verkauft worden“, so Winkler. Besonders bitter sei, dass es danach in Stralsund und Neubrandenburg sofort zu betriebsbedingten Kündigungen kam.

Der Rostocker Praxisverbund will Kündigungen unbedingt vermeiden. Doch ein Einstellungsstopp gilt dort bereits seit dem letzten Sommer. Auch die Sparpotenziale bei Verbrauchsmaterialien seien ausgereizt, so Winkler. Nicht gespart werden könne dagegen beispielsweise bei Energie und Wasser – eine Dialysepraxis mit 100 Patienten wie die in Lütten Klein hat einen jährlichen Wasserverbrauch von rund 2,2 Millionen Liter. Das ist so viel , wie mancher Großbetrieb verbraucht, „aber wir zahlen den gleichen Preis wie ein Privathaushalt“, so der Nierenspezialist. Seine größte Sorge ist: Im kommenden Sommer könnten die Dialyse-Sachkosten noch einmal abgesenkt werden, darauf hatten sich Kassen und Kassenärztliche Vereinigung im vergangenen Jahr verständigt. „Das ginge dann endgültig zu Lasten der Versorgungsqualität“, betont Winkler. In Mecklenburg-Vorpommern sieht er ein besonderes Problem, weil die Zahl der Patienten, die ein Nierenersatzverfahren benötigen, hier mit 1700 Betroffenen auf eine Million Einwohner um ein Vielfaches höher als im Bundesdurchschnitt (950 Betroffene je Million Einwohner) ist. Die Nephrologen suchen sich auch deshalb Beistand in der Politik. Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) habe Dialysepraxen unlängst bei einem Besuch des Verbundes als wichtigen Wirtschaftsfaktor in der Region gewürdigt und sich für eine adäquate Finanzierung ausgesprochen, so Winkler. Er hofft nun, dass der Minister das auch weiterträgt.

Derzeit sei es so, dass eine Dialyse nicht mehr lebenslimitierend wirke, betont Winkler. Doch wie lange wird Deutschland dieses hohe Niveau noch halten? Schon jetzt sind Patienten deutlich länger auf die Dialyse angewiesen – weil es immer weniger Spendernieren gibt. „Während Patienten nach der Wende ungefähr 22 Monate auf ein Spenderorgan warteten, stehen sie heute im Durchschnitt acht Jahre auf der Liste“, bedauert Winkler. Etwa die Hälfte seiner Patienten habe sich dennoch für eine Transplantation angemeldet.

Elke Majewski hat sich dagegen entschieden. Ihre gehe es auch so gut, betont sie. Wenn der Fahrdienst sie zurück nach Heiligendamm gebracht hat, will sie zwei Stunden ruhen – und dann den Rest des Tages mit der Familie genießen. Und irgendwann später will sie sich noch einen ganz großen Traum erfüllen: eine Kreuzfahrt mit ihrem Mann – denn auch die gibt es mit Feriendialyse.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen