Frauen im Handwerk : Fensterbilder der besonderen Art

Glaserin Luise Brügeman
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Glaserin Luise Brügeman

Glasermeisterin Luise Brügemann restauriert Bleiglasfenster an Kirchen und historischen Gebäuden

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06. August 2015, 12:00 Uhr

Die rote Ochsenzunge ist zersplittert. Wenig später sollte das Glasstück in einem Fenster eingesetzt werden, ist aber durch ein Missgeschick zu Bruch gegangen – nun muss schnell eine neue Zunge her. Solche und andere Herausforderungen begegnen Luise Brügemann ständig. Zum Beispiel auch, wenn die 51-jährige Glasermeisterin am Schweriner Dom sehr kleinteilige Bleiglasfenster wiederherstellen soll, die durch einen Einbruch zerstört wurden.

Oder wenn die Kirche in Gressow neue Fenster braucht. „Wir haben alle alten ausgebaut, die gusseisernen Rahmen entrostet und gestrichen, die Bleifelder komplett neu angefertigt. Das waren einfache Rauten, aber davon sehr viele.“ Viele bunte Fenster in der Region sind in ihrer Werkstatt entstanden.

Luise Brügemann ist in Wismar geboren und in Schwerin aufgewachsen. Nach ihrer Lehre zur Baufacharbeiterin mit Abitur entschied sie sich jedoch gegen ein Studium, wurde über die Erwachsenenqualifizierung lieber Glaserin. „Das muss in den Genen liegen“, sagt sie heute. „Mein Urgroßvater und Großvater waren schon Glaser, mein Onkel hatte einen eigenen Betrieb in Wismar, in dem ich mit meiner Ausbildung begann. Ich habe viel im Familienunternehmen gelernt.“ Danach arbeitete sie in Berlin und Dresden. Später war sie im Baubetrieb der Kirche angestellt, restaurierte hauptsächlich bleiverglaste Kirchenfenster – das, was sie am liebsten macht. Von 1988 bis 1991 besuchte sie die Meisterschule und wurde Glasermeisterin. 1998 machte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann selbständig. Sie zogen mit ihren beiden Söhnen zunächst nach Cramon bei Schwerin, später ein Dorf weiter nach Schönfeld Mühle. Als die Jungs klein waren, war die Lage des Wohnhauses direkt neben der Werkstatt hilfreich. Inzwischen sind die beiden längst aus dem Haus.

Die Brügemanns erledigen Aufträge nicht mehr nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch in Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Sachsen. „Wir machen fast alles: normale Fenster und Isolierscheiben für Privatkunden, aber hauptsächlich Bleiver-glasungen in Kirchen oder manchmal in Restaurants.“ Pro Quadratmeter Fenster rechnet die Kunsthandwerkerin mit etwa zwölf Stunden Arbeit – bei einfachen Formen. Kleinteiliges dauert länger. Meist sollen die Fenster wieder genauso hergestellt werden, wie sie vorher waren. Nur selten sind eigene Entwürfe der Glasermeisterin oder ihrer Mitarbeiter gefragt – wie zum Beispiel beim Neubau der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Schwerin. „Dort wurde das Bleiglas zwischen zwei Isolierglasscheiben gesetzt – da mussten wir wirklich millimetergenau arbeiten.“

Am Anfang werden die einzelnen Teile des Motivs gezeichnet, daraus entstehen Schablonen. An ihnen entlang wird das farbige Glas zugeschnitten. Die Glaserin setzt die Scheiben mit H-Profilblei zusammen und verlötet zum Schluss die Bundstellen mit Zinn. Diese Handarbeit hat natürlich ihren Preis – mit etwa 300 bis 1000 Euro pro Quadratmeter müssen die Kunden rechnen, je nachdem, wie aufwändig die Gestaltung ausfällt. Nur bei einigen wenigen Arbeitsschritten braucht Luise Brügemann Hilfe. Der Einbau größerer Fenster zum Beispiel ist manchmal schwer – Blei und Glas haben eben ihr Gewicht.

Die Auftragslage wechselt. „Aber ich mache meinen Beruf sehr gern. Ich freue mich, wenn ich Fenster sehe, die wir gefertigt haben. Wenn ich eigene Entwürfe umsetzen kann. Oder wenn ich etwas Neues ausprobieren kann.“
 

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