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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 15:28 Uhr

"Felix hat seinen Weg gemacht"

vom

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erstellt am 20.Aug.2012 | 10:54 Uhr

Schwerin | "Als die Flut kam, wurden die Menschen im Weißeritztal nicht gewarnt. Als die Flut vorbei war, dauerte es fünf Tage, bis Hilfe von außen kam", schrieb Thomas Volgmann vor zehn Jahren. Er war als Redakteur unserer Zeitung im Katastrophengebiet unterwegs. Und er erzählte vom kleinen Felix, einem achtjährigen Heimkind aus Bärenfels. Und von seinen Freunden, die gerade noch rechtzeitig vor dem Wasser fliehen konnten.

"Hier stand unsere Kletterburg", hatte Felix traurig gesagt und ins Nichts gezeigt. Das Gelände rund ums Heim war eine einzige Geröllhalde.

Das hundert Jahre alte Gebäude des Kinderheimes "Waldwiese" wurde zwar durchspült, blieb aber wie durch ein Wunder stehen.

Die Geschichte vom traurigen Felix und seinen Freunden wurde zur Geschichte unserer Leser. Mit einer beispiellosen Spendenbereitschaft haben sie den Katastrophenopfern des Jahrhundert-Hochwassers geholfen. Rund 500 000 Euro sind damals gespendet worden in unserer Aktion "Leser helfen Nachbarn in Not" . Und mit der Hälfte dieser Summe, mit 250 000 Euro, wurde dem Kinderheim "Waldwiese" im Osterzgebirge geholfen.

Es waren ja auch schockierende Bilder, die vor einem Jahrzehnt ganz Deutschland tief berührten. In der Region um Altenberg im Erzgebirge hatte es innerhalb von 24 Stunden bis zu 400 Liter auf den Quadratmeter geregnet. Bäche wurden zu Flüssen, traten über die Ufer. Brücken wurden weggerissen, Straßen unterspült, Häuser überflutet und schwer beschädigt, die Strom- und Telefonversorgung brach zusammen, ganze Dörfer wurden evakuiert oder waren von der Außenwelt abgeschnitten. 21 Menschen starben.

Auch der kleine Gebirgsbach Weißeritz verwandelte sich innerhalb weniger Stunden in einen reißenden Strom.

In Bärenfels hatten sich die Mitarbeiterinnen sowie die elf Tages- und sechs Heimkinder der "Waldwiese" gerade noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Doch Keller und Erdgeschoss des Hauses "Waldwiese" waren überflutet. Die Kläranlage war zerstört, die Ufermauern mitsamt den Spielgeräten vom Fluss abgetragen und weggespült. Sachverständige schätzten den Gesamtschaden nach einer ersten Prüfung auf rund 450 000 Euro.

"Das war schon eine verrückte Zeit in den ersten Monaten nach der Flut", erzählt Viola Engelmann heute. Sie ist immer noch Leiterin des Heims "Waldwiese", das seit 20 Jahren vom Verein "Bürgerhilfe Sachsen" betrieben wird. "Wenigstens konnten wir dank einer Sondergenehmigung zur Nutzung der verschlungenen Forstwege den Betrieb der Tagesgruppe nach einer Woche wieder aufnehmen."

Doch an Wiederaufbau war erstmal nicht zu denken. Denn bei der Entschädigung der Flutopfer wurden Privatpersonen und Unternehmen berücksichtigt, Vereine aber waren schlicht vergessen worden. Dank der ersten Ausschüttung von Leser-Spenden in Höhe von 50 000 Euro konnte der Wiederaufbau geplant werden. Doch half die Berichterstattung auch auf andere Art: Mitte September 2002 meldete sich die Ehefrau des damaligen sächsischen Ministerpräsidenten, Angelika Meth-Milbradt, bei der Zeitung. Sie versprach, sich dafür einzusetzen, dass auch in Sachsen um Spenden für das Haus "Waldwiese" geworben wird. Ende desselben Monats bekam der Verein die zweite große Überweisung aus dem Norden auf vielfachen Leserwunsch.

"Ich kriege gleich wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke", gibt Viola Engelmann heute zu. Die riesige Hilfsbereitschaft, auch die Sachspenden von Unbekannten aus anderen Bundesländern haben bei ihr einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen. Vor allem weil sie nie damit gerechnet hatte: "Bei manchen Briefen sind uns die Tränen gekommen. Es berührt einen sehr, wenn man etwa liest, wie Kinder ihr Taschengeld spenden, um anderen zu helfen."

Auch viele Monate später liefen noch Sach- und Geldspenden ein, nach einem Jahr kamen so rund 925 000 Euro für die "Waldwiese" zusammen. Das Geld wurde klug eingesetzt, nach verschärften Auflagen der Talsperrenverwaltung musste der Brücken-Neubau auch deutlich größer werden. Zusätzlich wurden unterhalb des neu aufgeschütteten Außengeländes drei Querriegel aus Stahlbeton errichtet, um gegen künftige Hochwasser weitaus besser geschützt zu sein. Auch die Ufermauer zur Weißeritz wurde länger und höher wieder aufgebaut. Mit der Neuerrichtung des Spielplatzes war eine renommierte Firma aus der Oberlausitz beauftragt. Seit der feierlichen Einweihung im September 2004 steht der Spielplatz auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Und er wird rege genutzt.

"Viele Schulklassen, Hortgruppen und Urlauber mit Kindern halten hier an", erzählt uns die Geschäftsführerin des Vereins, Ute Seifert.

Gut sichtbar im Zugangsbereich sind auf zahlreichen Messingschildern auch die Namen sämtlicher Spender aufgeführt, die den Wiederaufbau ermöglicht haben.

"Unabhängig von der Höhe der einzelnen Spende, die wird auf den Schildern nicht genannt", erklärt Viola Engelmann. Für sie ist das eine Selbstverständlichkeit, eine Geste der Dankbarkeit.

"Ich hoffe trotzdem, dass wir so etwas nie wieder erleben müssen. Wer das am eigenen Leib erlebt hat, reagiert schon anders, wenn im Wetterbericht eine Unwetterwarnung kommt. Wir sind alle wesentlich sensibler geworden, auch die Kinder. Aber ein Trauma hat zum Glück niemand von uns davongetragen." Viola Engelmann ist die Rührung deutlich anzumerken, wenn sie darüber spricht, aber das macht sie gerne, denn für sie und die Kinder hat die Flutkatastrophe ein unerwartetes, ein glückliches Ende gefunden.

"Ohne die schnelle und unkomplizierte Hilfe Ihrer Leser wäre ein Neuanfang kaum möglich gewesen", dankt Ute Seifert.

"Ich bitte Sie, Ihren Lesern unser herzlichstes Dankeschön von allen uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen, unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und nicht zuletzt auch im Namen unseres ehrenamtlich tätigen Vorstandes zu übermitteln."

Was wir hiermit gerne tun.

Und was ist mit Felix? Dem kleinen traurigen Jungen, dessen Schicksal uns und unsere Leser in den Wochen nach der Flut so bewegte?

Felix hat inzwischen "seinen Weg gemacht", erzählt Engelmann. Heute ist Felix achtzehn Jahre alt. Er lebt in der Nähe im Dippoldiswalder Ortsteil Malter 15 Kilometer nördlich. Felix hat inzwischen die Schule erfolgreich abgeschlossen und macht eine Ausbildung.

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