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Volkstheater Rostock : Feine Sahne Fischfilet rocken angestaubte Bühne

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit „Feuerherz“ wagt das Volkstheater etwas. Ein Punk-Sänger spielt eine der Hauptrollen

Alle Scheinwerfer sind auf ihn gerichtet. Jan Gorkow, besser bekannt als Monchi, trägt ein schwarzes Shirt und eine kurze Hose, sodass die zahlreichen Tattoos an seinen Beinen zu sehen sind. Doch der Sänger der Rostocker Punkband Feine Sahne Fischfilet beginnt nicht zu singen. Er begrüßt das Publikum mit leisen sanften Worten. „Wir... Ich habe lange nachgedacht, ob das hier heute angebracht ist“, beginnt der 28-Jährige. „Ich glaube, er hätte sich gefreut.“

Er – damit ist der tote Freund W. gemeint. Für ihn veranstaltet die Band ein Gedenkkonzert. W. ist auch der Hauptcharakter im Stück „Feuerherz“, das am Rostocker Volkstheater heute Premiere feiert. Feine Sahne Fischfilet stehen mit auf der Bühne. Nicht nur, dass während des Schauspiels immer wieder Lieder der Band live zu hören sind, der Sänger spielt auch eine der wichtigsten Rollen. Dabei verkörpert er eigentlich sich selbst: Monchi, der merkt, dass mit seinem besten Freund etwas nicht stimmt, der versucht, ihn wieder auf den richtigen Pfad zu lenken – und zwar original wie ihm der vorpommersche Schnabel gewachsen ist. Am Ende scheitert er dennoch. W. nimmt sich das Leben. Es ist eine Geschichte über Freundschaft und Liebe, die auf Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ fußt. Jürgen Eick hat den bekannten Briefroman vor einiger Zeit ins Hier und Jetzt befördert und „Feuerherz – Die allerneuesten Leiden des jungen W.“ daraus gemacht. Dramaturg Martin Stefke habe ihn auf der Straße angesprochen, erinnert sich Monchi. „Wir wollten das Stück machen, weil wir überzeugt waren, dass es hierher passt“, erklärt Martin Stefke.

In der Originalfassung von „Feuerherz“ komme eine Band vor. Und da es in ihrer Inszenierung eine aus MV sein sollte, ist das Team auf Feine Sahne Fischfilet gekommen. „Die Frage war gar nicht, ob wir mitmachen, sondern eher wann“, so der Sänger. Eigentlich wollten die sechs Musiker sich von Februar bis Mai eine Pause gönnen, bevor sie in die Festivalsaison starten. „Aber egal – das ist jetzt was ganz Besonderes für uns“, sagt Monchi. „Wenn uns vor zehn Jahren in unserem Probenraum in Loitz jemand gesagt hätte, dass wir mal am Volkstheater hier in Rostock spielen, dem hätten wir einen Vogel gezeigt.“

Allerdings hätten sie auch nie gedacht, dass sie einmal, wie 2015, bei „Rock am Ring“ vor Tausenden von Leuten auftreten. Diese absurden Situationen ziehen sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahre, berichtet der Sänger.

Angefangen hatte es 2012. In diesem Jahr tauchte die Band erstmals im Verfassungsschutzbericht der Landesregierung auf. Die Behörde beobachtet die Band wegen ihrer angeblich anti-staatlichen Haltung sowie Aufrufen zu linksextremer Gewalt. Die Jungs selbst sehen sich nicht so. Und auch Dramaturg Martin Stefke hat die Sechs anders kennengelernt: „Ich sehe Leute, die haben eine ganz klare Haltung, aber die sind nicht aggressiv. Sie sagen: ,Wir bleiben hier, wir lieben unsere Heimat, aber wollen nicht, dass sie von Rechten beherrscht wird.’ So habe ich sie in Gesprächen und auch auf Demos erlebt.“ Natürlich haben die Verantwortlichen am Volkstheater im Vorfeld darüber gesprochen und es sei ein klares Statement, dass Feine Sahne Fischfilet dort spielen. „Aber auch von der Band ist es ein Statement, dass sie am Volkstheater spielt“, so Stefke.

Monchi selbst ist kein großer Theater-Gänger, wie viele in seiner Generation, berichtet er. „Ich war mal hier – aber nur, weil ich ne Frau beeindrucken wollte“, sagt er und lacht. „Offensichtlich steckt das Theater in einer harten Midlife-Crisis. Ich glaube, aber auch nicht ganz unverschuldet“, merkt der 28-Jährige an. Umso besser findet er es, dass die Rostocker mal etwas Neues wagen. Und dass die Premiere von „Feuerherz“ bereits Wochen vorher ausverkauft war, zeige doch dass die Leute bereit sind, ins Theater zu gehen und auch Geld dafür auszugeben.

Ein ausverkaufter Premierenabend und neun weitere Vorstellungen bis Anfang Juni – bei Monchi ist die Aufregung in den letzten Tagen gestiegen. Es sei für die ganze Band etwas ganz anderes als ein Konzert zu spielen. Als Monchi zugesagt hat, eine Sprechrolle zu übernehmen, hat er die ganze Sache deutlich unterschätzt, sagt er. „Ich dachte, die geben mir so ne Fünf-Zeilen-Rolle“, erinnert er sich. „Nun bin ich aber von Anfang bis Ende auf der Bühne. Ich sage die ersten und auch die letzten Worte.“

So formuliert der Punk-Sänger am Ende des Stückes auch gefühlvoll die Moral der Geschichte: „Solltet ihr so einen Freund haben, dann sorgt für ihn.“ Aber er wäre nicht Monchi, wenn er nicht noch einen drauflegen würde: „Und gebt ihm heute Abend einen Pfeffi aus.“  

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