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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 07:10 Uhr

Faszinierender Glibber

vom

svz.de von
erstellt am 19.Apr.2013 | 09:51 Uhr

Stralsund | Wie futuristische Raumschiffe gleiten die Mini-Exemplare der Aurelia aurita durch das Becken der Quallenzuchtanlage im Ozeaneum. Mit Pumpbewegungen wallen die Ohrenquallen durch das Salzwasser, ihre winzig kleinen Tentakeln schwurbeln zeitlupenartig mit der Strömung. "Quallen haben doch etwas Hypnotisches", schwärmt Aquarienleiter Alexander von den Driesch.

Die Ohrenquallen sind in der Ost- und Nordsee heimisch und gehören deshalb zu den Arten, die im Ozeaneum gezeigt werden. Bislang bekamen Besucher die Quallen nur zu sehen, wenn sie auch im Meer vor dem Ozeaneum gefangen werden konnten - im Sommer. Doch unter der Regie von Quallenexperte Alexander Dressel gelang dem Ozeaneum die als kompliziert geltende Zucht der Ohrenquallen. Nur wenigen deutschen Einrichtungen glückte das bislang.

Seit 600 Millionen Jahren bevölkern Quallen die Weltmeere. Viele Menschen haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zu den Glibbertieren. Ihr Anblick löst Faszination und Ekel oder - je nach Art - auch Angst vor schmerzhaften Verletzungen aus. Mit der Quallen-Präsentation will das Ozeaneum Besuchern ein differenzierteres Bild vermitteln.

In der für Besucher unzugänglichen Quallenzuchtanlage simuliert Dressel in einem Becken das Frühjahr und lässt die Wassertemperatur langsam ansteigen. Schon Temperaturunterschiede von fünf Grad reichen aus, damit die auf Steinen und Muscheln siedelnden Polypen "strobilieren" und Larven abschnüren, aus denen sich die Medusen (Quallenkörper) entwickeln. Die Babyquallen kommen in ein mit Salzwasser gefülltes, ringförmiges Spezialbecken. Ecken und Kanten könnten die sensiblen Mini-Tiere schädigen, erklärt Dressel. Die Strömung wird sanft per Luftstrom erzeugt. Würden Luftbläschen unter den Schirm einer Qualle gelangen, könnten die Tiere sterben.

Zwei Arten der Fortpflanzung haben das Überleben gesichert

Langsam lässt Dressel mit einer Pipette Salinenkrebse - nur einen Zehntelmillimeter große Wesen - in das Becken gleiten. Mit den Pumpbewegungen fangen die gerade ein Zentimeter großen Tiere die Krebse und befördern die Nahrung zum Mundapparat. Nach wenigen Wochen setzen Dressel und seine Kollegen die Tiere in größere Becken um, wo sie zu einer Größe von rund acht Zentimetern heranwachsen. Erst danach kommen sie in die Schaubecken. Ihre Lebenserwartung dort beträgt rund ein Dreivierteljahr - mehr als die der Artgenossen in der Natur.

"Obwohl mit primitivem Bauplan ausgestattet, hat sich die Lebensstrategie der zu 99 Prozent aus Wasser bestehenden Tiere als äußerst erfolgreich erwiesen", sagt Dressel, der sein Fachwissen über die Quallen im Monterey Bay Aquarium in Kalifornien komplettierte. Die Glibbertiere findet er faszinierend, weil zwei Arten der Fortpflanzung ein Überleben gesichert hätten. Neben der Strobilation, also der "Abschnürung" aus den Polypen, sind Quallen in der Lage, sich geschlechtlich über befruchtete Eier fortzupflanzen.

Inzwischen produziert seine Abteilung mehr Ohrenquallen, als gezeigt werden können. Damit eröffnen sich neue Perspektiven und die Experten haben begonnen, die Atlantische Kompassqualle zu züchten. Die ernährt sich von den Ohrenquallen. Mit meterlangen Tentakeln sieht die Kompassqualle bedeutend spektakulärer aus als die heimische Art. Babyexemplare, nicht größer als ein Fingernagel, schwimmen bereits in einem 400-Liter-Becken. "Jetzt muss es uns gelingen, die Tiere großzuziehen", sagt der Aquarienleiter.

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