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Otello - Neuinszenierung in Schwerin : Faszinierende Einheit

vom
Aus der Onlineredaktion

Die „Otello“- Neuinszenierung am Mecklenburgischen Staatstheater hätte durchaus noch mehr Applaus verdient

svz.de von
erstellt am 16.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Giuseppe Verdis spätes Opernwerk „Otello“ nach dem gleichnamigen Drama von Shakespeare erlebte am Freitagabend im Großen Haus des Staatstheaters die Premiere einer ergreifenden Neuinszenierung von Gastregisseurin Katharina Thoma.

Die musikalische Gestaltung, die stimmlichen Leistungen, das dramatische Spiel: alles war faszinierende Einheit und konnte einen den Abend lang in Bann schlagen. Am Ende gab es kurzen, stürmisch aufbrausenden Beifall, auch Jubel für manche Einzelleistung, dann wars das. War das Publikum so berührt, dass es die Hände nicht länger rühren und die Aufführung ausgiebig feiern konnte?

Empfangen wurde man von einer quasi leeren, völlig schwarz ausgeschlagenen Bühne, die Sibylle Pfeiffer so hergerichtet hat. In der Mitte nur eine große quadratische Bodenplatte. Bemerkung aus dem Publikum: So ein Bühnenbild kann ich auch. Doch weit gefehlt! Zunächst aber kamen, noch ehe ein Ton erklang, die Darsteller auf die Bühne, griffen zu den Utensilien auf einem Schminktisch und zogen sich alle einen dicken weißen Balken quer übers Gesicht. Nur Otello bekam einen schwarzen. Welch simple, klare Idee: der „Mohr von Venedig“, Befehlshaber der venezianischen Flotte, inmitten der weißhäutigen Gesellschaft!

Dann erst beginnt die Musik mit der stürmischen Landung Otellos an Zyperns Küste. Da wird die Bodenplatte zum Festplatz, auf dem das Volk rings um ein loderndes Feuer den Sieg Otellos feiert. Sie erhebt sich mit Otello und dessen Gemahlin Desdemona in die Höhe wie eine Wolke, auf der die Verliebten schweben. Sie senkt sich über Jago wie eine Grabplatte, als dieser über den Tod und das Nichts philosophiert.

Dieser Jago in zu kurzen Hosen und knappem Sakko über weißem Unterhemd (Kostüme von Irina Bartels), dem sein Anzug ebenso zu klein ist, wie seine Funktion als Otellos Fähnrich, während dieser den jungen Cassio zum Hauptmann befördert. Jago, der daraufhin Otello eine „Fake News“ nach der anderen ins Ohr setzt, bis dieser sie für wahr nimmt, Desdemona der Untreue bezichtigt, sie mordet und, seinen katastrophalen Irrtum erkennend, sich selbst das Leben nimmt. So überraschende wie klare und fesselnde Bilder, mit denen Katharina Thoma die Geschichte erzählt.

Dazu hat sie ein hervorragendes Solistenensemble. Den finnischen Tenor Christian Juslin in der Titelrolle, der nichts Menschliches an sich hat, ganz militärische Uniform, auch vom Habitus kein Otello, aber mit seiner Stimme. Und Yoontaek Rhim, den südkoreanischen Bariton, als Jago. Er hat alles: sprechende Mimik, treffsichere Gesten, eine faszinierende, nuancenreiche Stimme; und ist damit über Strecken die beherrschende Bühnenfigur. Karen Leiber spielt vor allem im letzten Akt ein dramatisches Format der Desdemona aus, das tief berührt.

Beigefügt hat die Regisseurin dieser Personage den Syrer Khaled Dyab Agha in der Rolle eines Dokumentarfilmers, der mit seiner Handykamera jede Szene verfolgt und die Bilder in Großaufnahmen auf den Hintergrund projiziert (Video: Michael Kockot). Eine interessante, sich voll integrierende Konstruktion.

Die Mecklenburgische Staatskapelle unter Leitung ihres GMD Daniel Huppert lieferte einen hinreißenden Sound. Die Soli voller Hingabe, das Tutti mit Schlagkraft, ohne je zu stören, das Pianissimo von unglaublicher Spannung. Großartig! Auch der Opernchor, Extrachor und Kinderchor, einstudiert von Ulrich Barthel und Joseph Feigl, stützte den Klang mit gewaltigen einstimmigen Passagen und vollem, sattem Klang. Ein großartiger Opernabend!

 

 

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