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Mecklenburg-Vorpommern

26. September 2017 | 22:10 Uhr

Spinnenatlas MV : Faszinierende Achtbeiner

vom
Aus der Onlineredaktion

Dr. Dieter Martin erstellt den ersten Spinnenatlas für Mecklenburg-Vorpommern. Rund 600 verschiedene Arten hat er im Nordosten bereits nachgewiesen

svz.de von
erstellt am 12.Sep.2017 | 11:45 Uhr

Auf den ersten Blick wirkt es, als hätte jemand den Inhalt einer Pfütze, in der ein ganzer Schwarm von Insekten zu Tode gekommen ist, in ein Konservenglas umgefüllt. Dr. Dieter Martin gießt ein wenig von der dicken, trüben Suppe in eine Glasschale, schaltet eine starke Lampe an und beginnt dann vorsichtig mit der Pinzette zu sortieren. Viele der tierischen Inhaltsstoffe sind für ihn wertlos, einzig und allein die Spinnen interessieren den Biologen. Denn er erstellt einen Spinnenatlas für Mecklenburg-Vorpommern – eine Arbeit, die noch mindestens zwei Jahre in Anspruch nehmen wird, wie er einschätzt.

Sein Rohmaterial erhält Dieter Martin unter anderem aus den Naturparks des Landes. Dort werden seit dem Frühjahr und noch den gesamten September lang an jeweils drei unterschiedlichen Standorten – einem trockenen, einem moorig-nassen und einem im Wald – mit dem Kescher oder in einfachen Bodenfallen Spinnen gefangen.

„Genau genommen sind diese Fallen mit konzentrierter Kochsalzlösung gefüllte Joghurtbecher, die so eingegraben werden, dass ihr Rand mit dem Boden abschließt“, erklärt Martin. „Fallen die Spinnen dort hinein, sterben sie und werden zugleich konserviert.“

Allerdings rutschen auch Käfer, Asseln und jede Menge Dreck in die Becher. In den Naturparks wird ihr Inhalt regelmäßig ausgeleert, grob vorgewaschen und anschließend in Bioethanol überführt. „In Karow im Meiler wird das Material dann gesammelt und aller drei bis vier Wochen an mich weitergeleitet“, erzählt Dieter Martin, der am Fleesensee zu Hause ist. Die Feinsortierung übernimmt er dann selbst, damit die winzigsten, nicht einmal millimetergroßen Spinnen nicht womöglich verlorengehen.
Dass sich bei vielen Menschen die Härchen an den Armen aufrichten, wenn sie nur von seiner Arbeit lesen, kann Martin gut verstehen – denn in seiner Kindheit und Jugend ging es ihm genauso. Er hätte solch eine Spinnenangst gehabt, dass er nicht schlafen konnte, wenn er nicht sicher war, dass sich keines der Tierchen im Zimmer aufhielt, erzählt er. „Als ich dann anfing, in Leipzig Biologie zu studieren, musste ich mir das wohl oder übel abgewöhnen. Und je mehr ich mich mit Spinnen beschäftigte, umso mehr zogen sie mich in ihren Bann.“ Bereits 1964 begann er, Spinnen und Material darüber zu sammeln und zu archivieren. Nach der Promotion, die sich noch mit Mäusen beschäftigte, stand die Ökologie von Spinnen im Mittelpunkt seiner Habilitation.

Sein Berufsleben widmete Martin überwiegend dem Naturschutz. Doch als er 2011 in Rente ging, wandte er sich wieder den Spinnen zu. Inzwischen dreht sich in seinem Leben mehr oder weniger alles um die achtbeinigen Lebewesen. „Denn Spinnen sind für mich zugleich die interessantesten und die schönsten Tiere der Welt.“ Bunt und vielgestaltig seien sie, schwärmt der Biologe – mit Vögeln und anderen von den meisten Menschen als prachtvoll empfundenen Tieren könnten Spinnen mit Leichtigkeit mithalten. Vor allem aber fasziniert ihn ihre Lebensweise. „Beispielsweise benutzen sie ihre Wegfäden, um Informationen zu übermitteln“, nennt er nur ein Beispiel. „Ein Männchen kann am Faden erkennen, welche Art und welches Geschlecht die Spinne hat, die ihn gesponnen hat. Bei einem Weibchen erkennt es, ob dieses bereits begattet wurde. Und der Faden verrät auch, in welche Richtung die Spinne, die ihn erzeugt hat, gelaufen ist.“

Weltweit sind zurzeit etwa 45 000 Spinnenarten bekannt, in Deutschland sind es rund 1000. In Mecklenburg-Vorpommern hat Dieter Martin bisher rund 600 davon nachgewiesen. Die Zahl dürfte, nicht zuletzt durch Einwanderung, noch zunehmen – und ist auch in den letzten Jahren bereits gestiegen: Als Martin 2012 die „Rote Liste“ der Spinnen in MV herausgab, konnte er 573 hier lebende Arten nachweisen. „Etwas mehr als ein Drittel von ihnen galten als gefährdet – das ist nicht nur hier, sondern in ganz Deutschland so“, betont der Experte.
Zu dem Wissenswerten, was er über Spinnen zu erzählen weiß, gehört, dass nur ein Teil von ihnen ihre Beutetiere in Netzen fängt. Und: Bis auf eine einzige Familie sondern alle Spinnen Gift ab, um ihre Beute zu überwältigen – „es ist aber für Insekten gemacht, nicht für uns Menschen“, gibt Martin weitgehend Entwarnung: „Es gibt keine Spinne bei uns, die uns ernsthaft gefährden könnte.“ Die meisten seien auch viel zu klein, um mit ihren Beißwerkzeugen die menschliche Haut durchdringen zu können. Lediglich die Wasserspinne, der Ammendornfinger und Kreuzspinnenweibchen hätten Gift, auf das Menschen – vor allem empfindliche – reagieren könnten.

Unangenehm kann ein Spinnenbiss dessen ungeachtet sein, beispielsweise, wenn eine der größten im Nordosten heimischen Spinnenarten zubeißt: die Hauswinkelspinne, deren Beinspanne mehrere Zentimeter erreicht. Auch Dieter Martin kann ein Lied davon singen. Das Gift dieser sehr häufigen heimischen Spinne ist jedoch für den Menschen völlig ungefährlich, betont er. Und: Sie beißt nur zu, wenn sie sich bedrängt fühlt.

Auch deshalb appelliert der Biologe, Spinnen nicht zu töten, sondern sie z. B. vorsichtig mit einem Blatt aufzunehmen und sie dorthin zu tragen, wo sie niemanden stören. Denn: „Spinnen sind sehr wichtig fürs Ökosystem“, erklärt Martin. Und: „Sie sind die wichtigsten Gegenspieler der Insekten.“ Die auf einem Hektar Wiese lebenden Spinnen würden im Jahr immerhin 1,7 Tonnen Insekten vertilgen. „Wer ein Spinnenetz vor dem Fenster hat, braucht kein Fliegengitter“, meint der Biologe.

Allerdings sind nicht nur Insekten die Beute von Spinnen – auch umgekehrt ist das der Fall. „Die Wegwespe beispielsweise lähmt mit ihrem Gift Spinnen, trägt sie als Futter zu ihren Jungen und beißt ihnen dort auch noch die Beine ab, damit sie nicht mehr davonlaufen können“, erzählt Martin und gesteht: „Sowas fasziniert mich. Der Einfallsreichtum der Natur ist einfach unermesslich.“

Um diesen Reichtum auch anderen zu erschließen, hat Dr. Martin bereits mehr als 60 000 Datensätze über Spinnen zusammengetragen. In seinem Arbeitszimmer sind bereits mehrere Schränke mit Röhrchen gefüllt, die in Alkohol konservierte Spinnenkörper enthalten. Schon wenn er die nächsten Falleninhalte auswertet, könnten weitere dazukommen.

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