Faszinierend fragwürdig

  So ganz klar ist das Bild von Richard Wagner auch 200 Jahre nach seiner Geburt nicht: Erneuerte der geniale Komponist das Musiktheater? Oder lieferte der überzeugte Antisemit die Hintergrundmusik für den nazistischen Rassen-Wahn? Foto: Marcus Führer
So ganz klar ist das Bild von Richard Wagner auch 200 Jahre nach seiner Geburt nicht: Erneuerte der geniale Komponist das Musiktheater? Oder lieferte der überzeugte Antisemit die Hintergrundmusik für den nazistischen Rassen-Wahn? Foto: Marcus Führer

von
22. Mai 2013, 10:53 Uhr

Eines der "großartig fragwürdigsten, vieldeutigsten und faszinierendsten Phänomene", so nennt Thomas Mann in einem berühmten Vortrag 1933 das Werk des Komponisten Richard Wagner. Und 1948 resümiert er: "Es ist immer wieder ein schwieriger, anziehender und abstoßender Fall."

Dieser Komponist spaltet. "Das ist Überwältigungsmusik", sagt eine Publikumsstimme aus Wagners Geburtsort Leipzig, deshalb sei sie für die Politik der Nazis so geeignet gewesen. Ein spitzes Adorno-Urteil hingegen lautet: "Musik für Unmusikalische."

Einerseits hat Wagner mit seinem "Ring" die Untergangs parabel einer von Politikern durch Machtwahn und Geldgier ruinierten Welt geschaffen; geradezu ein aktuelles Werk der Kritik am ungehemmten Kapitalismus.

Andererseits sind da weltferne Erlösermythen wie im "Parsifal". Und vor allem: Kann man ausblenden, dass Wagner ein verstiegener Antisemit war? Doch kann Musik judenfeindlich klingen? Einige Spezialisten hören durchaus eine Codierung davon bei Mime, Alberich oder Beckmesser. Aber Wagner hat sozusagen mit dem "Tristan"-Akkord das Fenster zum Klang des 20. Jahrhunderts aufgestoßen.

Wagner und kein Ende also zu seinem 200. Geburtstag. Wenn eines unbestritten ist an dieser zerrissenen Künstlerexistenz, die zwischen bürgerlicher Barrikadenhaltung, demokratischer Festspielidee und Königsbindung schwankte, dann ist es die Musiktheater-Revolution. Sie ist bereits notiert in einem Brief, den Wagner an den Chordirektor des Hoftheaters in Schwerin schrieb, als dieser den "Tannhäuser" probte, 1852 der Auftakt der hiesigen Wagner-Tradition: " …denn vor allem haben sich die Sänger eben daran zu gewöhnen, dass sie nicht eine Oper singen, sondern ein Drama darstellen sollen. Meine Orchesterbegleitung drückt nie etwas für das Gehör aus, was auf der Bühne nicht auch für das Gesicht ausgedrückt werden soll… "

1853 folgt in Schwerin "Der fliegende Holländer", 1854 "Lohengrin" - das sei die "Produktivität der Provinz", wie Wagner einmal sagte. Zum "Holländer" kommt der Komponist selbst 1873 in die Residenzstadt. Carl Hill, den Sänger der Titelpartie, engagiert er sofort für Bayreuth. Später bekennt Wagner, er habe noch nie einer im Ganzen besseren Aufführung seines Werkes beigewohnt. 1878 wird "Die Walküre", kurze Zeit nach Bayreuth, in Schwerin aufgeführt, 1881 gibt es "Die Meistersinger". Obwohl Wagners Werke nicht sofort Verständnis finden beim einheimischen Publikum wie der Presse, es kommen Sonderzüge mit Wagnerianern aus Wismar, Rostock (tatsächlich, so war es), Güs trow, Lübeck, Hamburg und Berlin zu den Schweriner Vorstellungen. Ein Wort geht um: "Bayreuth des Nordens".

Schwerin, das "Bayreuth des Nordens"

Ebenso wird später von Rostock gesprochen. "Lohengrin", "Holländer", "Tannhäuser", "Meistersinger" und "Rienzi" werden dort nach 1895 im neuen Haus gespielt, anfangs notgedrungen gekürzt und mit einer "Bürgerkapelle" von 23 Musikern. 1897 wird das Stadt- und Theaterorchester gegründet, und dann steigern Kapellmeister Willibald Kaehler und Regisseur Georg Toller, beide erfahren durch Bayreuth, das Niveau im Stil der Festspielstadt, so 1898 mit der "Walküre" und den "Meistersingern", die auch Berliner Echo finden. 1901/02 gibt es den ersten "Ring", übrigens blieb er mit 41 kompletten Wiedergaben das Zentrum der Rostocker Wagner-Pflege. Den ersten "Tristan" in Mecklenburg bietet Rostock 1907. Noch vor Schwerin wagt man 1917 den "Parsifal", am Pult steht Kaehler, der inzwischen in Schwerin engagiert ist. "Was er aus dem verstärkten Orchester herausholte, gehört zu den besten Leistungen des Winters", schreibt ein Rezensent. Wie es damals auch normal war, dass die Rostocker Wagner-Chöre Verstärkung aus Schwerin erhielten. Lang ist diese Kooperation her.

Nach der Vereinnahmung Wagners durch die Nazis, wegen der engen Bindung des Hauses Wahnfried zu Hitler, liegt nach 1945 ein Schatten auf dem Werk des Bayreuther Meisters. Anfang der 50er-Jahre steht er wieder in den Spielplänen. Kurios bezeichnend ist eine Pressestimme zum Schweriner "Siegfried" von 1952/53, die eine szenische Enttäuschung feststellt und schließt: "Bei der Wichtigkeit, die diese Aufführung für die geplanten Festspiele hat, erbitten wir eine Stellungnahme der Intendanz und der Betriebsparteiorganisation zu dieser Inszenierung." Tja, Wichtigleute, die immer recht haben.

Allen Bedenken zum Trotz: Schwerin und Rostock haben zu DDR-Zeiten ihre Wagner-Pflege vielfach - und manchmal hochgradig - szenisch entrümpelt wie Neu-Bayreuth und teils mit internationalen Solisten fortgesetzt. In Schwerin sang die hervorragende Hanne-Lore Kuhse die großen Partien, so die Venus im "Tannhäuser" unter Kurt Masur, die Isolde unter Fricke. Dirigent Klaus Tennstedt glänzte in "Ring"-Vorstellungen.

Der "Tannhäuser" aber wurde für Schwerin zum besonderen Phänomen. Er war der erste Wagner am Theater. Den "Tannhäuser" 2001, den Ivan Törzs dirigierte, besuchte Wagner-Enkel Wolfgang mit seiner Tochter Katharina, heute eine der Chefinnen in Bayreuth. Und der "Tannhäuser" unter Matthias Foremny von 2012 wurde der vorerst letzte Wagner in Schwerin. So prekär ist die finanzielle Lage geworden, dass Solisten wie Paul McNamara und Kelly Cae Hogan nicht mehr bezahlt werden können. Generalintendant Joachim Kümmritz musste die Inszenierung für die nächste Saison absetzen. Er beklagte "einen eklatanten Verlust an künstlerischer Qualität für das Theater und das kulturelle Profil Schwerins sowie Mecklenburg-Vorpommerns". Inzwischen macht Lübeck mit Wagner von sich reden, in Hamburg dirigiert Simone Young in Reihe zehn Hauptwerke zum Jubiläum.

Wie soll, wie wird es weitergehen mit Wagner an den beiden großen Theatern des Landes Mecklenburg-Vorpommern? Wann singt Elisabeth: "Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder"? Im "Lohengrin" mahnt der Schwanenritter: "Nie sollst du mich befragen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen