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Mecklenburg-Vorpommern

17. Oktober 2017 | 08:09 Uhr

Farbenfrohe Träume in grauen Siedlungen

vom

svz.de von
erstellt am 21.Dez.2011 | 12:01 Uhr

Peking | Beijing ist kalt geworden. Auf etwa minus zwölf Grad sind die Temperaturen bereits gesunken, und die extrem trockene Luft lässt meine Lippen reißen. Auch wenn viele Kaufhäuser mit grellem Weihnachtsschmuck dekoriert sind, mag hier in China, wo Weihnachten traditionell nicht gefeiert wird, keine Feststimmung aufkommen. Dennoch sind die Festtage ein wichtiges Thema, denn selbst in China sind sie ein wichtiger Zeitpunkt für Spenden und deshalb bedeutsam für gemeinnützige Organisationen wie Hua Dan. Deshalb arbeite ich zurzeit mit Hochdruck an mehreren Videos und Texten, die Stück für Stück an unsere Unterstützer, wie beispielsweise Stiftungen, Schulen, Firmen und Privatpersonen, versendet werden.

Am Vormittag des 24. Dezember findet eine kleine Präsentation der Modelle einer "Stadt der Zukunft" statt, die die Kinder einer Migrantenschule mit uns Freiwilligen gebastelt haben. Aus Abfall wie alten Pappkartons, Stoffresten und Plastikflaschen haben wir mit den Mädchen und Jungen vom nordöstlichen Stadtrand kleine Modelle von "Zukunftsstädten" gebaut, die sie sich vorstellen oder wünschen. Städte im Weltraum, im Himmel oder am Meeresgrund sind so entstanden - kleine kreative Modelle einer Welt, die sich die Kinder wünschen und die so gar nicht den grauen, schmuddeligen Siedlungen gleichen, in denen sie aufwachsen. Eine Gruppe der Wanderarbeiterkinder bastelte das Modell eines kleinen Dorfes, mit einem Fluss, einer Brücke und kleinen Häuschen. "Zu Hause ist es am schönsten, deshalb haben wir unser kleines Dorf gebastelt", sagen sie.

Premiere für das englische Theaterstück

Am Sonnabend, dem 24., laden die chinesischen Freiwilligen und ich nun unsere Freunde ein, um gemeinsam die entstandenen Bastelarbeiten zu bestaunen. Auch der Theaterunterricht an der Schule "Die kleinen Schwäne" macht Fortschritte: Am ersten Weihnachtsfeiertag werde ich mit den Kindern im Stadtzentrum eine kleine Aufführung unseres englischen Theaterstücks geben können. Mittlerweile haben wir uns in den vielen Wochen, die ich bereits bei den "kleinen Schwänen" aushelfe, mühsam durch das kurze Drehbuch gearbeitet. Für die Kinder haben wir Benimmregeln im Unterricht eingeführt, wir haben gemeinsam gespielt und gelacht. Die Kinder haben Vokabeln gelernt, und auch ich habe viel über ihre Situation erfahren.

Dabei ist mir vor Kurzem etwas passiert, das mir zu denken gab: Ich war gerade dabei, mit einem Mädchen aus unserer Klasse eine Vokabelliste auszufüllen, die ich für den Unterricht vorbereitet hatte. Ich sagte ihr, sie solle die chinesische Übersetzung der englischen Vokabeln in die rechte Spalte eintragen. Sie nickte, doch der Stift blieb unberührt auf dem Tisch liegen. Nach einiger Zeit - ich war mir schon fast sicher, dass sie mich nicht verstanden hatte - griff ich selbst nach dem Stift, und begann ein paar Zeichen in die Tabelle zu schreiben. Seither fragt mich diese Schülerin desöfteren, wie man dieses oder jenes Zeichen schreibt. Mittlerweile weiß ich: Sie kann einfach noch nicht gut schreiben, so einfach war der Grund des Problems. Und es war ihr offenbar unangenehm, dies als Fünftklässlerin offen zuzugeben. Soweit ich weiß, ist sie noch nicht lange an der Schule. Vielleicht gab es dort, wo sie vorher wohnte, keine Schule für Wanderarbeiterkinder.

Aus den elf Kindern, mit denen ich das Stück einübe, ist mittlerweile eine Gruppe geworden. Bestimmt werde ich ihnen noch helfen müssen, ihre Aufregung zu überwinden und sich durch ihre englischen Texte "zu kämpfen". Sicherlich wird unsere kleine Aufführung nicht die Welt retten oder hohen geistigen Ansprüchen genügen. Doch die Vorstellung, bei der auch Spenden für die Schule gesammelt werden, ist eine tolle Chance für die "Kleinen Schwäne". Zum ersten Mal werden sie im Mittelpunkt stehen, auf einer echten Bühne, mit einem echten Publikum. Es wird Applaus geben, die Schüler werden stolz und selbstbewusst sein: Trotz ihres oftmals schwierigen sozialen Hintergrunds können sie diesen Auftritt meistern und dem Publikum zeigen, dass auch Kinder vom Dorf, Kinder mit einem "innerchinesischen Migrationshintergrund" kreativ und voller Tatendrang, voller Wünsche, Hoffnungen und Freude sind. Auch ich bin schon sehr aufgeregt und freue mich, dass so nun doch noch etwas weihnachtliche Stimmung aufkommen konnte.

www.startnext.de/Wanderarbeiter

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