Abfall gefährdet Meerestiere und Seevögel : Farbeimer im Fischernetz

<strong>Gesammelter Strandmüll</strong> am Ostseestrand zwischen Juliusruh und Glowe<foto>dpa</foto>
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Gesammelter Strandmüll am Ostseestrand zwischen Juliusruh und Glowedpa

Jedes Jahr gelangen weltweit rund 6,4 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere. Auch in der Ostsee verenden Seevögel und Meeressäuger, wenn sie glitzernde Plastikfolie mit Fischen verwechseln und fressen.

svz.de von
19. März 2013, 08:12 Uhr

Stralsund | Sandtigerhai Valentin sollte im Stralsunder Schauaquarium "Ozeaneum" eine neue Zuschauer-Attraktion werden. Doch das Tier, das ursprünglich aus dem Atlantik stammte, hatte nur ein kurzes Leben im hohen Norden. Valentin wollte einfach nichts fressen - und starb. Wie sich bei der Obduktion herausstellte, war eine Nylonschnur Auslöser für seinen Tod. Sie verknäulte sich im Darm des Tieres und löste mit der Zeit eine eitrige Entzündung aus. Vielleicht hat irgendjemand diese Schnur vorher achtlos ins Meer geworfen.

Sie ist nur ein winziger Teil einer Tragödie. Jedes Jahr gelangen nach Schätzungen des Umweltbundesamtes weltweit rund 6,4 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere. Er gefährdet Seevögel, Fische und Meeressäuger. Spanische Meeresbiologen berichteten kürzlich von einem Pottwalkadaver, in dem sie rund 17 Kilogramm Plastikmüll fanden. Der Darm des Tieres war völlig verstopft, vor allem mit Plastikfolie.

Auch in der Ostsee verenden Seevögel und Meeressäuger, wenn sie zum Beispiel glitzernde Plastikfolie mit Fischen verwechseln - und die unverdauliche Masse auffressen. Der Plastikmüll sei vor allem für Schweinswale und Robben ein Problem, sagt der Chef des Deutschen Meeresmuseums, Harald Benke. "Müll im Meer ist eine tickende Zeitbombe", ergänzt er.

An der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns spülen derzeit die Frühlingsstürme neben Tang und Algen auch Müll an die Strände.

Darunter sind Plastikflaschen, vergilbte Sonnenöltuben und Folienreste. Wie groß das Müllproblem in der Ostsee - einem der am dichtesten befahrenen Weltmeere - tatsächlich ist, ist bislang nur grob bekannt. "Die Datenlage für die Ostsee ist dünn", sagt Nils Möllmann, Projektmanager beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

Deshalb hatte der Umweltverband das Projekt "Fishing For Litter" (Müllfischen) ins Leben gerufen - zunächst auf Fehmarn. Seit einem Jahr sammeln nun auch Sassnitzer Fischer den Müll und Schrott, der ihnen ins Netz geht. Knapp zehn Kubikmeter Müll - 10 000 Liter - kamen dabei bislang allein in Sassnitz zusammen, berichtet der Nabu.

Neben Folien und Plastiktüten fanden sich sogar Computerbildschirme in den Netzen. Mehr noch als die Menge interessiert nun die Zusammensetzung des Mülls. In einer Verwertungsanlage in Osnabrück wird er analysiert. Erste Ergebnisse sollen im Mai vorliegen.

Der 59-jährige Gerd Erler, gehört zu jenen Sassnitzer Fischern, die Müll aus dem Meer holen. "Am schlimmsten sind die Farbeimer", sagt er. Werden die in den Netzen mit an Bord gehievt, läuft die Farbe aus. "Dann kann man die Fische vergessen." Dass nun für das Nabu-Projekt Müllcontainer im Sassnitzer Hafen stehen, sei für ihn ein längst überfälliger Schritt, ergänzt Erler. In Dänemark oder Polen könnten Fischer den Abfall aus den Netzen seit Jahren kostenlos entsorgen. In Deutschland ist bislang der Fischer dafür verantwortlich - und muss auch die Kosten tragen. Dass dann das eine oder andere Stück wieder auf dem Meeresgrund landet, ist für Erler deshalb nachvollziehbar.

Der Fischer berichtet von Karosserien und Autoreifen von Gebrauchtwagen, die von Frachtern auf dem Weg nach Russland in den ersten Jahren nach der Wende über die Bordwand gingen. Seiner Einschätzung nach hat sich das Großmüll-Problem aber mit der Nachhaltigkeitsdebatte in den vergangenen Jahren entschärft. "Man spürt, dass das Umweltbewusstsein gestiegen ist."

Aber nicht die großen, sondern die vielen kleinen Abfallstücke sind das Problem für Meerestiere und Seevögel. Fein zerrieben gelangt der Plastikmüll auch in den Organismus - und damit in die menschliche Nahrungskette.

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