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Pflegefachkräfte : Farbe auf der Pflegestation

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weil entsprechende Fachkräfte in Deutschland Mangelware sind, hat die Leezener Helios Klinik ungarisches Personal eingestellt.

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2015 | 11:59 Uhr

Igen, nem, kérem, köszönöm* - auf den Fluren der Leezener Helios Klinik sind seit dem Herbst immer wieder auch ungarische Worte zu hören. Neun Pflegekräfte aus dem Land am Balaton – sieben Frauen und zwei Männer – werden zurzeit auf den Einsatz auf den einzelnen Stationen der Akutklinik für Frührehabilitation vorbereitet.

„Wir sind eine Klinik mit einem großen Anteil schwerstkranker Patienten, die hochqualifizierte Pflege brauchen“, erklärt Klinikchef Prof. Bernd Frank. Benötigt würden vor allem Mitarbeiter mit Intensivpflegekenntnissen, „und die wachsen in Deutschland nicht auf Bäumen“. In ländlichen Regionen sei dieser Mangel sogar noch ausgeprägter als in Ballungszentren – deshalb sei dem Haus gar nichts anderes übrig geblieben, als sich im Ausland nach geeigneten Fachkräften umzuschauen. „Wir arbeiten schon seit längerem mit einer Personalvermittlung zusammen, die uns bei der Suche nach spezialisierten Ärzten unterstützt. Diese Personalfirma haben wir nun auch mit der Suche nach Intensivpflegekräften beauftragt“, so Frank.

Fündig wurden die Vermittler in Ungarn – in Budapest und Szeget organisierten sie für den Chefarzt Gesprächstermine mit Fachkräften aus intensivmedizischen Kliniken, die bereit waren, nach Deutschland zu wechseln. „Damals sprachen sie noch kein Wort deutsch“, erinnert sich Prof. Frank, der sich ohne Dolmetscher mit ihnen nicht unterhalten konnte.

Inzwischen kennen die Ungarn schon eine Menge deutscher Wörter – täglich werden sie mehrere Stunden von Aniko Bagamery in der Sprache ihrer neuen Heimat unterrichtet. Daran, dass das lohnt, weil sie längere Zeit in Leezen bleiben werden, hat Klinikchef Prof. Frank keine Zweifel:„Wenn man an Fachkräften interessiert ist, muss man ihnen eine langfristige Perspektive geben.“ Zumal man anerkennen müsse, wie viel die Ungarn in ihrer Heimat aufgegeben hätten. Voraussetzung sei allerdings, dass sie nach neun bis zehn Monaten die Deutschprüfung bestehen. „Dann wollen wir alle neun übernehmen“, betont Frank. Und er betont, dass sie dann bei gleichwertiger Qualifizierung und Arbeit auch genauso wie ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen bezahlt werden sollen. „Wir wollen keinen Niedriglohnbereich schaffen“, so Frank.

Derzeit gelten die Ungarn als Praktikanten und werden dem Chefarzt zufolge auch so vergütet, „im oberen Bereich dessen, was hier möglich ist“. Unterkünfte stellt die Klinik, auch den Deutschunterricht bezahlt sie.

Die künftigen Leezner Intensivpfleger sind’s zufrieden. Bei ihnen zu Hause, so erzählt Monika König, würden Praktikanten längst nicht so viel verdienen. Und auch „fertige“ Schwestern und Pfleger, selbst hoch spezialisierte, müssten viele Überstunden schieben oder Zweitjobs annehmen, um finanziell über die Runden zu kommen. Die Eingewöhnungsphase hier in Deutschland sei jetzt zwar schwierig und sie müssten wirklich sehr, sehr viel lernen. „Aber zu Hause hatten wir alle nach 10, 15 Jahren im Beruf alles erreicht, was man erreichen konnte. Hier können wir uns noch einmal weiterentwickeln – das spornt an.“

Dabei ist den ungarischen Fachkräften durchaus bewusst, dass sie nicht in irgendeiner x-beliebigen deutschen Klinik gelandet sind. „Wir hatten uns natürlich im Internet umgeschaut, bevor wir hierher gekommen sind“, erzählt Edina Vásáyhelyi. „Die Leezener Klinik hat wirklich einen sehr guten Ruf.“ Dass sie hier nun sehr, sehr ländlich leben würden, sei nicht schlimm – „wir haben so viele Hausaufgaben auf, dass wir abends und an den Wochenenden gar keine Ablenkung brauchen können“, meint sie mit einem Augenzwinkern.

Diejenigen, die eine Familie in Ungarn zurückgelassen haben, motiviert beim Lernen vor allem, dass sie Partner und/oder Kinder so schnell wie möglich nachkommen lassen wollen. Gisella Bàtyi zum Beispiel hat zu Hause zwei Töchter, die momentan von den Großeltern betreut werden. So oft es geht, skypen sie miteinander. „Ich möchte die Mädchen so schnell wie möglich nachholen – und das bedeutet, dass ich so schnell wie möglich Deutsch lernen und die Sprachprüfung bestehen muss“, meint die Mutter.

Krisztina Lippai steht diese Prüfung zwar auch noch bevor, sie hat die Familie aber schon wieder bei sich. Der Ehemann der 35-Jährigen war bereits drei Jahre vor ihr zum Arbeiten nach Deutschland gegangen. Inzwischen hat das Paar sich hier eine Wohnung genommen und auch die Kinder nachgeholt, die nun wie die Mutter die Sprache der neuen Heimat büffeln.

Deutsche sehen das womöglich anders, aber Krisztina Lippai ist des Lobes voll über das hiesige Gesundheitswesen: „Es ist einfach besser als bei uns in Ungarn, die Ausstattung, die Finanzierung…“ Hier könnte sie endlich all das anwenden, was sie einst in der Berufsschule gelernt hatte, „weil es wirklich alle Mittel und Möglichkeiten gibt“.

Eva Kiss ergänzt: „Zu Hause gibt es weniger Ärzte und Schwestern – da wird wie am Fließband behandelt.“ Als sie dagegen hier selbst schon mal zum Arzt musste, habe der sich Zeit für sie genommen, sie habe sich wirklich gut aufgehoben gefühlt.

In Leezen sind die ungarischen Praktikantinnen und Praktikanten momentan als „Tandems“ zusammen mit hiesigen Pflegekräften unterwegs. „Wir haben ja alle Latein gelernt, das hat anfangs sehr bei der Verständigung über fachliche Dinge geholfen“, meint Krisztina Lippai.

Eva Kiss erzählt schmunzelnd, dass schon mehrfach Patienten gesagt hätten, die Ungarn würden „Farbe auf die Stationen bringen“. Mancher würde sich auch als Sprachlehrer betätigen – „warum auch nicht, so merken wir gleich, dass es mit den Kranken wieder aufwärts geht“, weiß die erfahrene Schwester.

* Igen, nem, kérem, köszönöm - ja, nein,

bitte, danke

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