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Mecklenburg-Vorpommern

11. Dezember 2017 | 04:57 Uhr

Fall Lea-Sophie im Fokus

vom

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erstellt am 19.Mai.2010 | 07:46 Uhr

Schwerin | Abgemagert bis auf die Knochen war die fünfjährige Lea-Sophie aus Schwerin im November 2007 ins Krankenhaus gekommen. Dort starb sie, nach Wochen der Vernachlässigung - obwohl das Schweriner Jugendamt von Schwierigkeiten in der Familie wusste. Wie es so weit kommen konnte, will das Jugendamt noch einmal intern mit allen damals beteiligten Fachleuten analysieren - wenn möglich auch mit den inhaftierten Eltern des Mädchens. Das sagte Erziehungswissenschaftler Reinhart Wolff am Dienstagabend am Rande eines Workshops zum Thema Kinderschutz in Schwerin.

"Nach dem, was wir bisher wissen, war diese Familie in einer großen Notlage; die Großeltern von Lea-Sophie hatten mit den Eltern gebrochen, das Familiensystem war sehr konfliktreich", sagte Wolff. "Und im Kern ist es den Fachleuten damals misslungen, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen." Die genauen Gründe dafür müsse man aber erst noch klären. Nach Ansicht des Experten gilt: "Schwerwiegende Fehler im Kinderschutz können in aller Regel nicht einer Fachkraft allein zugeschrieben werden." Meist stecke eine Kette von vielen kleinen Fehlern dahinter.

Wolff leitet das Bundesprojekt "Aus Fehlern lernen - Qualitätsmanagement im Kinderschutz", das das Nationale Zentrum Früher Hilfen des Bundes nach einer Folge von Vernachlässigungsfällen in den vergangenen Jahren ausgeschrieben hatte. 12 Modellkommunen aus ganz Deutschland beteiligen sich, auch Schwerin. Mitarbeiter des Jugendamts, von Kitas und freien Trägern aus der Kinder- und Jugendarbeit der Stadt hatten sich seit Oktober mehrfach mit Kollegen aus den Kreisen Ostvorpommern, Uecker-Randow und Parchim über Methoden und Probleme im Kinderschutz ausgetauscht und unter der Leitung von Wolff Qualitätskriterien sowie eine Leitlinie für ihre Arbeit formuliert. Die Leitlinie fasst Birgit Habecker vom Jugendamt Schwerin so zusammen: "In erster Linie sind die Eltern für den Schutz ihrer Kinder verantwortlich. Unsere Verantwortung ist es, mit der Familie, den Kollegen und anderen Einrichtungen gut und eng zusammen zu arbeiten." Das sei aber auch bisher schon üblich gewesen.

Allerdings: Nach dem Tod von Lea-Sophie haben die Behörden in MV laut dem Statistikamt so viele Kleinkinder wie nie zuvor vorübergehend in die Obhut von Pflegeeltern oder Heimen gegeben. 2008 waren es 127 Kinder unter drei Jahren, rund 50 mehr als 2007. "Schwerin hat heute eine der höchsten Fremdunterbringungsraten Deutschlands", sagt Wolff. Das sei nicht wünschenswert, nach der Verunsicherung durch Lea-Sophie allerdings sehr verständlich. Ein Sonderausschuss der Stadt, der die Todesumstände aufgearbeitet hatte, war zu dem Ergebnis gekommen, dass es zum Teil Mängel in der Bearbeitung des Falles durch das Jugendamt gab. Wann das Amt den Fall selbst noch einmal aufrollen will, steht nach Angaben der Stadt noch nicht fest.

Nach Wolffs Ansicht "wird noch viel zu selten thematisiert, dass Kinder und Eltern insbesondere deshalb gefährdet sind, weil die gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens alles andere als optimal sind" - vor allem nicht für Arme und Arbeitslose. Die 10 Millionen Armen in Deutschland seien nicht gewollt, ausgeschlossen. "Und da wundert man sich, dass sie mit sich und ihren Kindern nicht klarkommen?" Wer Kinder schützen wolle, müsse auch das Familien und Gemeinwohl stärken. Das gehe nur gemeinsam.

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