Gaststudium in Rostock : Fahrrad fahren ohne Licht

Hier bin ich zu Hause: Zwischen Rostock, wo Dr. Marian Löbler lebt, und der südchinesischen Heimat von Namei Cao liegen mehr als 7500 Kilometer.
Hier bin ich zu Hause: Zwischen Rostock, wo Dr. Marian Löbler lebt, und der südchinesischen Heimat von Namei Cao liegen mehr als 7500 Kilometer.

In Namei Caos Heimat China ist vieles anders als hier in Deutschland – ihr Pate Marian Löbler hilft ihr, sich während des Gaststudiums in Rostock zurechtzufinden

Karin.jpg von
07. April 2015, 11:45 Uhr

Schon die Begrüßung ist die erste Hürde: „Die Hand zu geben, das ist mir ganz, ganz fremd“, erzählt Namei Cao offenherzig. Seit Oktober absolviert die junge Chinesin in Rostock ein Gastjahr als Germanistikstudentin – und muss sich seither mit vielen Dingen vertraut machen, die sie bisher nicht kannte. Noch immer zucke sie zum Beispiel zurück, wenn ihr jemand die Hand entgegenstreckt, erzählt Namei – „denn jemand anderen derart zu berühren, ist in China unüblich.“

Dr. Marian Löbler nickt verständnisvoll. Als er nach Rostock übersiedelte, habe er sich auch erst daran gewöhnen müssen, dass hier im Osten quasi jeder jedem die Hand schütteln würde, erzählt der gebürtige Rheinländer mit einem Augenzwinkern. Inzwischen halte er es genauso.

Der jungen Chinesin Mut zu machen und ihr die Eingewöhnung in Rostock zu erleichtern – das hat der 62-Jährige, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität arbeitet, sich für die Dauer von Nameis Gaststudium fest vorgenommen. Denn er ist der Pate der jungen Frau, vermittelt durch die Seniorenakademie der Uni, die bereits seit fast zwei Jahren Patenschaften zwischen älteren Erwachsenen und ausländischen Studenten vermittelt.

„Viele ausländische Studierende werden in ihrem Heimatland kaum auf den Auslandsaufenthalt vorbereitet“, weiß Michaela Wolf von der Seniorenakademie. Da seien Probleme absehbar – sowohl bei der Kommunikation als auch beim Zurechtfinden in der für sie fremden neuen Heimat. „Die Patinnen und Paten können ihnen bei der Eingewöhnung und dem Verstehen unserer Kultur helfen.“

Im Wintersemester 2013/14 sei das Projekt gestartet. Anfangs warb die Seniorenakademie vor allem bei den Teilnehmern ihrer wöchentlichen Fortbildungen dafür. „Aber mittlerweile sind die meisten unserer Paten gar keine Teilnehmer der Veranstaltungen der Seniorenakademie“, so Wolf.

Auch Marian Löbler hatte über eine Zeitungsnotiz von dem Projekt erfahren. Er habe selbst lange im Ausland gelebt und sei dort immer froh gewesen, wenn ihm jemand etwas erklärt hatte, erzählt er. Selbst als er nach Rostock gekommen sei, wäre er dankbar für jeden Hinweis gewesen – „ich wusste zum Beispiel nicht, was sie hier mit ,Die Kuh im Propeller‘ meinten…“ Jetzt möchte er gerne Anderen das Eingewöhnen erleichtern.

Dass der promovierte Wissenschaftler und die Studentin aus dem Reich der Mitte zueinanderfanden, war dem Zufall geschuldet. Sie sei zu spät zum Kennenlernabend gekommen, den die Seniorenakademie im Herbst für potenzielle Paten und ihre Schützlinge organisiert hatte, erzählt Namei. „Alle waren schon für ein Spiel aufgestanden – es ging darum, dass wir uns nach dem Geburtstag aufstellen sollten. Marian hat am 22. Dezember Geburtstag, ich am 25. – und so landeten wir nebeneinander und kamen ins Gespräch.“ Das sei so interessant gewesen, dass beide beschlossen, es mit einer Patenschaft zu versuchen.

„Das ist inzwischen der Regelfall, dass sich die Paten und ,Patenkinder‘ selbst zusammenfinden“, meint Michaela Wolf. Im ersten Durchgang habe sie noch das Los entscheiden lassen, doch so, wie es jetzt läuft, sei es viel besser.

34 Paten engagieren sich derzeit in dem Projekt, „überwiegend Frauen, wir haben aber auch Paare dabei“, so Michaela Wolf. Mancher mache, wenn ein „Patenkind“ wieder nach Hause reise, erst einmal Pause, um emotional Abstand zu gewinnen. Andere würden sich sofort in eine neue Patenschaft stürzen – und einige Paten betreuen sogar mehrere Studenten.

Auch Marian Löbler hat neben seinem „offiziellen“ Patenkind genau genommen noch drei andere – Nameis Freundinnen, die mit ihr zusammen aus China nach Deutschland gekommen sind. „In China ist es üblich, dass man zu Einladungen einfach all seine Freunde mitbringt“, hat Michaela Wolf bei einem Aufenthalt dort selbst erfahren. In Deutschland aber könne das für eines von vielen Missverständnissen sorgen, auf die sie zusammen mit den Paten die ausländischen Studierenden vorsichtig hinweist.

Marian Löbler nahm die Invasion chinesischer Mädchen gelassen – und genoss es, von ihnen bekocht zu werden. Umgekehrt lud er Namei zu seinem Geburtstag ein – und zu Mecklenburger Rippenbraten. „Das hat gut geschmeckt“, sagt die junge Frau, die ansonsten aber mit dem Essen hier einige Probleme hat. „Auch hier gibt es zwar Reis – aber solche langen und harten Körner kennen wir in China nicht.“

Auch die deutschen Rituale rund ums Essen sind ihr fremd. „Marians Essen war so vornehm“, meint sie und sucht dann trotz ihrer sehr guten Sprachkenntnisse doch einmal nach Worten. „Bei uns sitzen alle um einen runden Tisch herum und reden miteinander.“ An der „Tafel“ – das Wort, nach dem sie suchte – hier in Rostock wären Unterhaltungen dagegen beschwerlich. Trotzdem hätte sie den Freunden ihres Paten einiges über ihre Heimat erzählen können – und auch die unvermeidliche Frage beantwortet, ob man dort tatsächlich Hunde isst. „Ja. Aber auch wir essen nicht unsere Haustiere.“

„Die meisten ausländischen Studierenden, die unser Angebot nutzen, kommen tatsächlich aus ganz anderen Kulturen“, erzählt Michaela Wolf. Westeuropäer meldeten sich nie, ein einziges Mal in bisher drei Durchgängen wäre eine Kanadierin dabeigewesen – die meisten kämen aus dem asiatischen und arabischen Raum.

Wo und wie oft sich Paten und Studierende treffen und was sie dann unternehmen, ist jedem Paar selbst überlassen. Als feste Anlaufpunkte bietet die Seniorenakademie monatlich Treffen zu unterschiedlichen Themen an – eine Weihnachtsfeier natürlich, aber auch einen Bowlingabend oder Vorträge, in denen die jungen Leute ihre Heimat vorstellen könnten.

Namei kommt aus einem „kleinen Ort in der Hunan-Provinz“, erzählt sie – und schiebt dann hinterher, dass dort „gerade einmal 30 000 Menschen“ leben. Ein Dorf eben, wenn man es mit chinesischen Maßstäben betrachtet. Ihre Universitätsstadt liege am Meer – aber das sei „nicht sauber“, ganz anders als hier die Ostsee. Zu Hause fahre sie meist mit dem Rad, „aber wir haben nicht wie hier vorne und hinten Lampen dran“. Sehen würde man trotzdem genug, es gebe ja Straßenlampen… „Das habt ihr hier in Deutschland richtig gut geregelt, dass man Licht am Fahrrad haben muss“, sagt die Chinesin dann mit einem strahlenden Lächeln. Eine Fahrradtour in die Umgebung von Rostock gehört denn auch zu den Wünschen, die sie an ihren Paten noch hat. Der würde Namei sogar zu einer mehrtägigen Radtour am Himmelfahrtswochende mitnehmen – doch dann muss sie schon wieder zu Hause Prüfungen ablegen. Für einen Ausflug in die Rostocker Heide aber reicht die gemeinsame Zeit noch.

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