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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 07:41 Uhr

Kommunalwahl 1989 : Fälschung im Norden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In den letzten Monaten der DDR ließen sich immer mehr Bürger immer weniger gefallen. Bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 beobachteten Oppositionelle auch im Norden die Auszählung in den Wahllokalen.

Verunsicherung griff um sich, als zwei Männer am Abend des 7. Mai 1989 das Wahllokal in der Rostocker Innenstadt betraten. „Wir waren Leute, die nicht gekommen waren, um Beifall zu klatschen“, sagt Klaus-Michael Bull heute. Er gehörte damals zu jenen, die die Beobachtung der letzten Kommunalwahl in der DDR organisierten. Bull war in der evangelischen Studentengemeinde Rostock aktiv. Heute arbeitet er an der Theologischen Fakultät der dortigen Universität.

Nach mehreren Stunden zogen die beiden Männer wieder ab – nach dem, was sie gesehen hatten, war die Auszählung ordentlich gelaufen. Sie kamen auf ungefähr fünf Prozent Nein-Stimmen. Ihre Mitstreiter in anderen Rostocker Wahllokalen berichteten Ähnliches. Umso größer war ihr Erstaunen, als das offizielle Ergebnis bekanntgegeben wurde: Die Einheitslisten der Nationalen Front hätten in Rostock eine Zustimmung von rund 99 Prozent bekommen, hieß es. „Wir waren negativ überrascht“, erinnert sich Bull. „Wir hatten nicht gedacht, dass so dreist gefälscht werden würde.“

Forschungen nach der Wende ergaben, dass überall in der DDR das Wahlergebnis korrigiert wurde. Zwischen 8 und 15 Prozent der Wähler seien selbst nach internen Schätzungen offizieller Stellen gegen den Wahlvorschlag gewesen, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk vom Büro des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Berlin. Das gehe aus einer Notiz von Wahlleiter Egon Krenz an Staats- und Parteichef Erich Honecker hervor.

Eine neue Broschüre, die morgen in Schwerin präsentiert wird, dokumentiert, wie die Fälschung in den drei Nordbezirken lief und welchen Aufwand die Stasi für die Sicherstellung eines „ordentlichen“ Ergebnisses betrieb. Das Büchlein, herausgegeben vom Bundesbeauftragten, hat den Titel „Kommunalwahlfälschung am 7. Mai 1989 in den ehemaligen Bezirken Rostock, Schwerin, Neubrandenburg“. Es umfasst 76 Seiten und veröffentlicht zahlreiche Original-Dokumente.

Als Ziel waren über 99 Prozent Wahlbeteiligung und eine ebenso große Zustimmung zum Einheitswahlzettel mit den Kandidaten der Nationalen Front vorgegeben. Dafür wurden zum Beispiel im Vorfeld des 7. Mai Wahlberechtigte, deren Zustimmung als höchst unsicher galt, einfach von der Wählerliste gestrichen. Dazu gehörten Menschen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten oder die bei vergangenen Wahlen dem Urnengang ferngeblieben waren. Kowalczuk geht von DDR-weit 250 000 gestrichenen Namen aus. Die Stasi fahndete mit Hochdruck nach Personen, die beim Ankleben despektierlicher Zettel an öffentlichen Plätzen beobachtet worden waren. Ins Visier geriet beispielsweise eine Frau in knielangem, beige-braunem Mantel mit Gürtel, die sich eines frühen Morgens im März 1989 in der Schweriner Innenstadt „verdächtig zu schaffen machte“, wie es in einer Fahndungsinformation der Stasi hieß. In mehreren Städten waren damals Handzettel mit Aufschriften wie „Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin“ oder „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ entdeckt worden.

Die Wahlfälschung fand letztlich nicht in den Wahllokalen statt, sondern bei der Zusammenstellung und Weiterreichung der Ergebnisse an höhere Stellen, sagt Kowalczuk. Am Abend des 7. Mai 1989 gab Egon Krenz das offizielle Ergebnis bekannt. Die Wahlbeteiligung lag demnach bei knapp 99 Prozent und der Anteil der Gegenstimmen bei rund einem Prozent. Das Ergebnis passte nicht zu den Beobachtungen der Oppositionellen in den Wahllokalen. Der Rest ist Geschichte: „Die sich anschließenden Proteste gegen die Manipulationen vom 7. Mai 1989 wurden zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der SED-Diktatur“, schreibt Kowalczuk.


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