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Premiere Der Zerbrochene Krug : Fällt er in den Graben...

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dreitägiger Schweriner Theatermarathon endet im Großen Haus mit Kleists unverwüstlichem Lustspiel „Der zerbrochne Krug“

von
erstellt am 27.Sep.2016 | 12:00 Uhr

Spätestens wenn der Dorfrichter Adam im letzten Bild des Abends vom Schnürboden kopfüber wie ein erlegtes Wild hinabgelassen wird, dürfte bei jedem im Theater die Erkenntnis reifen, dass Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“, das am Sonntag im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters Premiere hatte, mehr ist als die Komödie, in der ein lüsterner Justizbeamter einem jungen Mädchen – Eve – nachsteigt, sie zu erpressen versucht und bei der Flucht jenen titelgebenden Krug zerbricht. Denn verloren hat nicht nur der alte Adam, sondern auch Eves Geliebter Ruprecht, der ihr nicht vertrauen wollte, oder der Schreiber Licht, der sich seinen neuen Posten als Richter nur durch Verrat erschleichen konnte. Ja selbst der scheinbar nur auf Gerechtigkeit bedachte Gerichtsrat mit dem wie Licht sprechenden Namen Walter kann sich nicht bequemen, den Richter vollends zu vernichten. Doch da sind nach einer rasanten Spielzeit von nur einer Stunde und 45 Minuten ohne Pause alle Messen gesungen.

Schon der erste Auftritt des Dorfrichters weist darauf hin, dass die Inszenierung von Mareike Mikat mit dem Wort konventionell eher nicht zu beschreiben ist. Martin Neuhaus, der ins Schweriner Schauspielensemble zurückgekehrt ist, rollt in einer Art schwarz-weiß kariertem Strampelanzug auf die Bühne (Ausstattung Bernd Schneider). Die vor dem Eisernen Vorhang von zwei gegenüberliegenden schiefen Eben beherrscht wird – Waagschalen der Gerechtigkeit womöglich, aber auch schräge Bühnen, getrennt durch einen mit Schaumstoff ausgelegten Graben. In den die Spieler auch nicht zu knapp fallen.

Vielleicht beschrieb ja die Zuschauerin, die nach dem stürmischen Applaus das Theater verließ, diese Inszenierung am besten, als sie ihrem Begleiter zuflüsterte: „Krawumm, Zisch“, „wiuwitsch“, und wohl die Comic- und Slapstick-Ästhetik des Abends meinte. Denn abgesehen von den absurd aufgeblasenen Hinterteilen einiger Spielerinnen oder knallbunten Kostümen wird viel gestolpert und gestürzt. Allen voran Robert Höller als Gerichtsrat Walter mit artistischen Glanznummern.

Während der Adam von Martin Neuhaus ein eher gutmütiger, knuddeliger Dorfrichter ist, dem zwar von Anfang an „nichts Guts“ schwant, der aber im Grunde gar nicht so recht weiß, wie ihm im Laufe dieses von Kleist so raffiniert komponierten Kriminallustspiels geschieht.

Schreiber Licht (Axel Sichrovsky) dagegen, ein blitzgescheiter, hellwach alles und jeden beobachtender Karrierist, lauert in jeder Sekunde auf seine Chance. Anja Werner als gewitzte, von ihrer Sache bis ins ehrliche Herz überzeugte Marthe Rull bewies einmal mehr, wie wohltuend gerade in so einem pointiert geschriebenen Stück solide Sprechkultur sein kann. Eigentlich ist es ja nicht zu bedauern, dass die Zeit der unsäglichen Mikroports im Schauspiel vorbei zu sein scheint. Aber Premierenfieber hin oder her: Man hätte gern den Text aller Figuren bis aufs letzte Wort verstanden.

Nach den drei Inszenierungen dieses Theatermarathons – „Faust“, „Hundeherz“ und „Der zerbrochne Krug“ – lässt sich vorerst konstatieren, dass das neue Schauspielensemble mit vielerlei künstlerischen Handschriften auf dem Weg ist, sich ein vielleicht auch neues, jüngeres Publikum zu erobern.

Im Osten nichts Neues? Demnächst in diesem Theater.  

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