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Kurt Masur : Fabelhafter Anlauf in Schwerin

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Dirigent Kurt Masur wäre heute 90 Jahre alt geworden

Probedirigat Kurt Masur, zweiter Akt „Rosenkavalier“. Noch etwas feiermüde, dieser 2. Januar 1958 in Schwerin, Orchester und Sänger wenig motiviert. Der 30-Jährige ermuntert sie. Die Musiker spüren seine Fähigkeiten sofort.

Als er dann mit dem gelben DKW-F7-Cabrio in Schwerin eingefahren war, Generalmu- sikdirektor wurde, folgten am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin zwei Jahre mit opulentem musikalischen Spielplan, an die 20 Premieren, und in seinen Konzerten waren Stehplätze im dritten Rang gefragt. Das Publikum hat ihn beim Abschiedskonzert – Dritte Brahms, Dritte Beethoven – lange nicht von der Bühne gelassen; er war gerührt.

Schon beim Antrittskonzert war zu erleben gewesen, woran Hermann Hesse glaubte: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“ Masur hat ihn erfüllt. Schon damals war in seinem jugendlichen Feuer zu spüren: Musik soll nicht virtuos am Menschen vorüberrauschen, sondern seine Empfindungen wecken. Dann ist sie ein Lebens-Mittel. Dafür soll der Dirigent nicht vordergründig als Klang-Designer, vielmehr als ein im Geiste Vertrauter des Komponisten wirken. Er soll Musiker nicht gängeln, ihnen „Freiheit lassen, den Impuls der Inspiration“, wie der Oboist Harald Meixner es beschrieb. Das ist und bleibt Masurs Impetus. Jubelabende, wenn er dirigiert und Hanne-Lore Kuhse singt. Vom Gastspiel in Tallinn bringt er Eino Tambergs Sinfonie „Jugend“ mit, daraus wird ein Ballett, das freiheitliches Lebensgefühl illustriert, nicht selbstverständlich damals. Gegen das Desinteresse des Schweriner Stadtschulrats, der bürgerliche Manieren wittert, setzt er Schulkonzerte durch. So populär er schnell ist, so wenig elitär ist sein Auftreten.

Die Anrede „Herr Generalmusikdirektor“ weist er im Orchester zurück: „Nennen Sie mich beim Namen, ich sage zu Ihnen auch nicht Herr Trompete.“ Wenn Theaterleute Fußball spielen gegen Journalisten, ist er mit der Kamera dabei und filmt ein blutiges Knie. Mit dem Einkaufskorb ist er im ersten Selbstbedienungsladen anzutreffen. Wenn einige Theaterleute samt Freunden sommers in Prerow campieren, kommt er zu Besuch und spielt Strandvolleyball mit. Einmal lädt er junge Leute zum Essen ein, das ist noch nicht ganz fertig, derweil erklingt vom Band „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss, bei einem seiner Gastspiele aufgenommen, eigentlich keine Jugendmusik, aber langes Thema dann, gegessen wird irgendwann.

Diese Zeit erinnerte er so: „Es war ein entscheidender Schritt, meine erste Chefstelle, was weit mehr an Verantwortung erforderte als nur dirigieren. Auch privat war es ein Wendepunkt, ich lernte meine zweite Frau kennen, eine Liebe, die tragisch endete, das hat mich Demut gelehrt.“ Zum 425. Geburtstag der Staatskapelle 1988 stand er wieder an ihrem Pult. Später hat er bei jedem Telefonat nach ihr und dem Schweriner Theater gefragt, die Beschneidungen haben ihn bedrückt. Oft, noch bevor er 2015 seine letzte Reise in die zweite Heimat Amerika antrat, hat er gedacht, er müsse mal zurückkommen. Es hat nicht sollen sein.

Nach dem fabelhaften Anlauf in Schwerin beginnt eine Karriere, die ihn zur Komischen Oper Berlin, zur Dresdener Philharmonie, 27 Jahre als Kapellmeister ans Leipziger Gewandhaus und von dort um den Erdball bis nach Japan und in die USA ans Pult der Spitzenorchester führt, als Chef auch nach London und Paris. Die New Yorker Philharmoniker verleihen ihm nach elf Jahren – „die Krönung meines Lebens“ – den „Music Director Emeritus“, eine Ehre, die zuvor nur Leonard Bernstein zuteil wurde.

Nach einem Konzert mit den New Yorkern ist er im Hamburger „Vier Jahreszeiten“ seltsam nachdenklich, isst nur etwas Salat. Er und seine Frau Tomoko verschweigen es noch: Es kann einen Bruch geben, alles anders werden, seine Ärzte haben ihm die Notwendigkeit einer Organtransplantation eröffnet. Als alles gut gegangen ist in einer Leipziger Klinik und der Maestro, nachdem er schon wieder mit einem „Tristan“-Konzert in New York triumphierte, mit den Philharmonics 2002 in Köln gastiert, strahlt er Energie und sein musikantisches Charisma aus, als ob nichts gewesen wäre. Als er eine Kölsch-Kneipe betritt, applaudieren auch dort Gäste.

Er vitalisierte klassische Tradition und war ebenso Anwalt zeitgenössischer Musik. In New York hat er sogar mit dem Jazztrompeter Wynton Marsalis musiziert. Übrigens: In Sinfonien hat er sich nicht selbst gespiegelt, ihm fehlte die perfekte Star-Attitüde. Daher haben einige westdeutsche Kritiker am Ostdeutschen unterschätzt, was strenge amerikanische an ihm gelobt haben.
Trotz glänzender Erfolge und ungezählter Ehrungen hat er kein Glamour-Leben geführt, ist durch Konflikte gegangen, hat sie mit „schlesischem Dickschädel“ überwunden, „träumend“ die Ideale behauptet. Sein Kraftquell war Musik als Element der Humanität. Die Sorge um das Menschliche hat ihn 1989 zum legendären Appell in Leipzig getrieben. Als wir uns kurz zuvor nach einem Konzert mit besten Wünschen verabschiedeten, sagte er ahnungsvoll: „Ich kann’s gebrauchen.“

Ungeachtet seiner Höhenflüge blieb er geerdet. Er konnte Elektrogeräte reparieren, nicht nur Brahms interpretieren, konnte auch Borschtsch kochen. Naiv ausgelassen, schoss er nach der Silvester-Neunten in Leipzig auf der Terrasse seines Hauses Raketen ins neue Jahr. Er war als Musiker wie privat „con anima“, beseelt, doch nicht weniger konsequent, um Scherze nicht verlegen. Zornig konnte er werden, wenn Brot weggeschmissen wurde. Auch daran war er zu erkennen. Heute wäre Kurt Masur 90 Jahre alt geworden.

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