Umfrage: Sexuelle Belästigungen : Extra Frauen-Bereiche in Bussen?

colourbox7077078

Seit den Übergriffen in Köln wird diskutiert, wie Frauen besser geschützt werden können

von
27. Januar 2016, 12:00 Uhr

Es passiert jeden Tag in Deutschland. Zu Hause, auf Arbeit, beim Einkaufen, in Bus oder Bahn: Frauen werden belästigt, bedrängt und begrabscht. Nicht erst seit der Silvesternacht. Das ist trauriger Alltag in Deutschland. Doch durch den Schock über die Übergriffe in Köln könnte das Thema nun die nötige Beachtung erhalten. Denn noch immer sind in Deutschland sexuelle Handlungen allein gegen den Willen einer Person nicht strafbar.

Doch wenn es zur Anzeige kommen muss, ist es schon zu spät. In vielen Städten in Deutschland wird daher nach Lösungen gesucht, vor allem Frauen bereits im Vorfeld zu schützen. Im bayerischen Regensburg hat z. B. der Stadtrat Christian Janele gefordert, in den städtischen Bussen Schutzzonen für Frauen einzurichten. Durch Markierungen am Boden könnten in Bussen und Bahnen Bereiche ausgewiesen werden, in denen sich nur Frauen und Kinder aufhalten dürfen. Ein Vorschlag, der für die Mecklenburger Verkehrsbetriebe nicht infrage kommt, wie eine Umfrage unserer Zeitung ergab.

Lady-Zone ja oder nein? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil unter: https://de.surveymonkey.com/r/Lady-Zonen

„Das ist bei uns kein Thema“, meint die Pressesprecherin Beate Langner von der Rostocker Straßenbahn AG. Der Betrieb würde schon jetzt über Sicherheitsvorkehrungen verfügen. So wären alle Busse und Bahnen mit Kameras ausgestattet. Nach 22 Uhr würden zudem Gäste nur noch über den Vordereingang die Verkehrsmittel betreten dürfen. „So kann der Busfahrer selbst entscheiden, ob er zum Beispiel stark alkoholisierte Personen nicht mitnimmt“, so Langner. Die Schweriner Nahverkehr GmbH teilt mit, dass es in allen Wagen einen Notfallknopf gebe, über den Personen jeder Zeit Kontakt zum Fahrer aufnehmen könnten. „Wir haben einen direkten Kontakt zur Polizei. Gerade wenn eine Frau in Gefahr ist, sollte sie in den nächsten Bus oder in die nächste Bahn laufen“, meint Geschäftsführer Norbert Klatt.

Auch Frauentaxis, in denen Fahrerinnen Frauen abends nach Hause bringen, wird es in Mecklenburg-Vorpommern vorerst nicht geben. In Heidelberg läuft solch ein Projekt bereits seit Jahren. „Wir sehen es selbst nicht gerne, wenn unsere Fahrerinnen nachts unterwegs sind“, meint Toralf Keiler vom Taxi-Verband Mecklenburg-Vorpommern.

Die Diskussionen um mehr Sicherheit sind gut, findet Lena Melle, Leiterin der Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt in Rostock. „Doch wir hätten uns gewünscht, dass das Thema der sexualisierten Gewalt schon immer so viel Aufmerksamkeit bekommen hätte, wie jetzt“, meint sie. In der Beratungsstelle rufen täglich Frauen und Männer an, um Hilfe zu erhalten. „Die Erfahrung zeigt deutlich, dass das nichts mit der Herkunft der Täter zu tun hat. In den letzten 5,1 Jahren hatten wir nur 2 Fälle mit Migrationshintergrund“, stellt Melle klar. Ein Griff an das Gesäß oder an die Brust beachteten viele bisher als Bagatelle. „Frauen fragen sich dann: Übertreibe ich vielleicht? Bin ich eine Zicke, wenn ich etwas sage?“ Dabei hieße nein, nein, stellt Melle klar. Doch bisher gilt das nicht vor dem Gesetz. „Es gibt keinen Paragrafen, der es verbietet, einer Frau an die Brust zu fassen“, so Melle.

Damit es sich um eine Straftat handelt, setzt das deutsche Strafrecht (§ 177 StGB), eine Nötigung, also zum Beispiel eine Gewaltanwendung oder Drohung voraus. Konkret bedeutet das, dass es eben nicht ausreicht, wenn eine Frau ausdrücklich und mehrfach „Nein“ sagt oder weint und fleht. Sie muss sich körperlich wehren. Für Frauen in so einer Situation oft unmöglich.

Landesjustizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) fordert daher eine umfassende Verschärfung des Paragrafen 177 StGB. „Ich bleibe bei meiner Forderung vom Sommer 2014, dass sämtliche sexuelle Handlungen unter Strafe gestellt werden müssen, die ohne Einverständnis des anderen vorgenommen werden.“ Aus demselben Grund fordert der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) mit der Kampagne „Vergewaltigung verurteilen – Ihre Stimme jetzt“ Bundesjustizminister Heiko Maas zu einer umfassenden Reform des Sexualstrafrechts auf. Der Verband geht davon aus, dass jede siebte Frau in Deutschland in ihrem Leben mindestens einmal schwere sexualisierte Gewalt erlebt. Auf der Plattform Change.org fand die Petition bereits 103    607 Unterstützer.

In Mecklenburg-Vorpommern erfasste das Landeskriminalamt (LKA) im vorvergangenem Jahr 1    079 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Bei der Hälfte (533 Fälle) davon handelte es sich um sexuellen Missbrauch. Lena Melle ist sich sicher, dass das nur einen kleinen Bruchteil der wahren Opferzahl widerspiegle. Viele der Betroffenen erstatteten aus Schamgefühl oder Angst vor den Tätern keine Anzeige. „Außerdem haben noch immer viele Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird.“ Wie wenige Betroffene Anzeige erstatten, zeigt eine Dunkelfeldstudie des Landeskriminalamts in Niedersachsen. Demnach würden nur 5,4 Prozent aller Sexualdelikte angezeigt werden. 2012 erlebten nur 8,4 Prozent der Frauen, die eine Vergewaltigung anzeigten, die Verurteilung des Täters, heißt es vom BFF.

Prävention ist das A und O. Das LKA MV empfiehlt, bei einer vermuteten Verfolgung die Straße in einem 90-Grad-Winkel zu überqueren, und zielstrebig auf Gebäude zugehen und zu läuten, erklärt die Sprecherin Synke Kern. „Sprechen Sie Frauen an, die ebenfalls alleine in Ihre Richtung gehen und setzen Sie ihren Weg gemeinsam fort. Sollte die Bedrohung und Verfolgung konkret werden, rufen Sie laut ‚Feuer‘.“

In Lady-Zonen sieht Lena Melle nur eine kurzfristige Lösung. „Frauen gebe es eine Sicherheit. Aber langfristig ist das der falsche Ansatz. Wichtiger ist, dass die Frauen dafür sensibilisiert werden, Anzeigen zu stellen, dass der Schutz erhöht wird und sich Menschen couragiert verhalten.“ Wenn man einen Fall von sexueller Belästigung beobachte, solle man eingreifen. Davon, dass Frauen ihre Kleidung anpassen sollten, hält Lena Melle nichts: „Das ist eine totale Verantwortungsverschiebung zu Ungunsten des Opfers.“

Hier finden Sie Hilfe

Rostock

Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt

Tel.: 0381-

4403290

Mail: fachberatungsstelle@fhf-rostock.de

www.fhf-rostock.de

Schwerin

Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt

Tel.: 0385-

5557352

Mail: bgsg@awo-schwerin.de

www.awo-mv.de

Greifswald

Beratungsstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt

Tel.: 03834-

7983199

Mail: anonym@caritas-vorpommern.de

www.caritas-vorpommern.de

Bergen (Rügen)

MISS.Beratungsstelle

Tel.: 03838-

254545

Mail: kontakt@miss-beratungsstelle.de

www.miss-beratungsstelle.de

Stralsund

MISS. Beratungsstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt

Tel.: 03831-

6679363

Mail: kontakt@miss-beratungsstelle.de

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen