Porträt : Ex-Ministerpräsident Berndt Seite wird 80

Berndt Seite (CDU), von 1992-98 Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, sitzt in seinem Wintergarten und schaut zu einem brütenden Storchpaar im Garten und auf die unverbaute Landschaft dahinter. Seit seinem Rückzug aus der aktiven Politik widmet sich Seite dem Schreiben von mittlerweile 16 Büchern, darunter mehrere Gedichtbände. Berndt Seite feiert am 22.04.2020 seinen 80. Geburtstag.

Berndt Seite (CDU), von 1992-98 Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, sitzt in seinem Wintergarten und schaut zu einem brütenden Storchpaar im Garten und auf die unverbaute Landschaft dahinter. Seit seinem Rückzug aus der aktiven Politik widmet sich Seite dem Schreiben von mittlerweile 16 Büchern, darunter mehrere Gedichtbände. Berndt Seite feiert am 22.04.2020 seinen 80. Geburtstag.

Berndt Seite war Tierarzt und Ministerpräsident. Als er sein politisches Amt antrat, litt das Land unter den wirtschaftlichen Nachwehen des DDR-Zusammenbruchs und Parteienstreit. Nun wird Seite 80 Jahre alt.

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19. April 2020, 05:00 Uhr

Wie viele seiner Generation blickt Berndt Seite auf ein bewegtes Leben zurück: Krieg, Vertreibung aus Niederschlesien, Sozialismus in der DDR, Wende und dann ein politisches Amt, mit dem der Tierarzt aus Walow (Mecklenburgische Seenplatte) wahrlich nicht rechnen konnte. „Ich hatte viel Glück im Leben und bin dafür dankbar“, sagt der frühere CDU-Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern und resümiert für seine gut sechsjährige Amtszeit: „Wir haben unser Land von 1992 bis 1998 in die Spur gebracht.“ Seite wird am 22. April 80 Jahre alt.

Feier fällt wegen der Corona-Epidemie kleiner

Er feiere allein mit seiner Frau und halte über die modernen Medien Kontakt zu den Familien seiner beiden Kinder.1940 im heute polnischen Niederschlesien geboren, machte Seite schon in frühester Kindheit prägende Erfahrungen. „Dass ich als Fünfjähriger auf dem Flüchtlingstreck nicht gestorben bin, ist ein Wunder“, sagt er. In Sachsen-Anhalt wuchs er auf, studierte in Berlin und ließ sich schließlich mit Mitte 20 als Tierarzt in der Mecklenburgischen Seenplatte nieder, wo er noch heute lebt.

Zu DDR-Zeiten in der Kirche engagiert

In der DDR hatte sich Seite einer politischen Partei stets verweigert und sich stattdessen in der Synode der evangelischen Kirche engagiert. Das änderte sich in der Wendezeit, als er zum regionalen Sprecher des Neuen Forums wurde und damit zu einem Protagonisten der friedlichen Revolution in Ostdeutschland. „Danach konnte ich nicht mehr einfach nach Hause gehen“, sagt Seite.1990 wurde er zum Landrat des damaligen Kreises Röbel an der Müritz gewählt. Er kehrte der Bürgerbewegung den Rücken, trat in die CDU ein.

1991 wurde er Generalsekretär des CDU-Landesverbands, den seinerzeit der DDR-Chefunterhändler zum Einigungsvertrag, Günther Krause, führte - zumindest zeitweilig ein Förderer Seites.„Die CDU hing damals in der Luft und musste dringend erneuert werden“, erinnert sich Seite. Als die in sich zerstrittene Partei schon Anfang 1992 den von ihr gestellten Ministerpräsidenten Alfred Gomolka zum Rücktritt nötigte, kam der bis dahin weitgehend unbekannte CDU-Funktionär überraschend ins Amt.„Mit Berndt Seite haben wir im Frühjahr 1992 nicht nur die Werftenkrise, sondern auch die Regierungskrise gemeistert“, sagt der heutige CDU-Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg. Als Chef der CDU-Landtagsfraktion saß er damals mit an den entscheidenden Hebeln.

Es sei darum gegangen, die Koalition aus CDU und FDP, die mit nur einer Stimme Mehrheit regierte, wieder auf stabile Füße zu stellen.

Wacklige Koalition

Die große Koalition nach der Landtagswahl 1994 hat Rehberg als schwierig in Erinnerung. Vor allem, weil die SPD immer auf ein rot-rotes Bündnis geschielt habe, um Harald Ringstorff schon damals zum Regierungschef zu machen. „Berndt Seite hat in der GroKo eine auf Ausgleich und Moderation ausgerichtete Rolle eingenommen“, erinnert Rehberg, der sich selbst für die Abteilung Attacke zuständig fühlte.„Ich finde, Berndt Seite kann mit Stolz auf über sechs Jahre Regierungsverantwortung zurückblicken“, betont Rehberg, selbst mehrere Jahre lang CDU-Landesvorsitzender und derzeit Interimschef.

Als Seite nach der für die CDU verlorenen Wahl 1998 sein Amt doch an Ringstorff abtreten musste, waren nach seiner Überzeugung die wichtigsten Weichen für die Zukunft des Landes gestellt. „Die Treuhand-Privatisierungen waren weitgehend abgeschlossen, auch die schmerzhafte Werftenumstrukturierung war weitgehend durch. Damit waren die Grundlagen für den Wiederaufbau 1998 gelegt“, sagt Seite.

Rassistische Ausschreitungen 1992

Doch fielen auch die ausländerfeindlichen Krawalle 1992 in Rostock-Lichtenhagen in seine Amtszeit. Und einige in der CDU meinen bis heute, dass die von ihm losgetretene Debatte um einen „Bodensatz“ reformunwilliger und sozial schwacher Menschen in seiner Heimat auch zur Wahlniederlage 1998 beigetragen hat. Seite selbst, der noch bis 2002 dem Landtag angehörte, ist bis heute aber überzeugt, dass die Union auch 1998 im Land in Regierungsverantwortung geblieben wäre, hätte es nicht bundesweit eine Wechselstimmung gegeben, weil viele eines Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) überdrüssig waren.

Aus der aktuellen Politik hält sich Seite heraus

Er wolle „keine Fensterreden halten“, sagt er. Sein Rückzug aus der Politik war konsequent. „Ich wollte schreiben und dafür muss man den Kopf frei haben.“ Inzwischen 16 Bücher entstammen seiner Feder, Gedichtbände, Erzählungen und das Buch „Gefangen im Netz der Dunkelmänner“, in dem er die Überwachung seiner Familie durch die DDR-Staatssicherheit thematisierte. In „Sommerschnee“, das Seite im August vorstellen will, sind erneut Lyrik und kurze Erzählungen zu finden.

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