zur Navigation springen

Aus dem Gerichtssaal : Ex-KZ-Sanitäter zu krank für Prozess

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Verhandlung um ehemaligen SS-Mann aus Neubrandenburg musste vertagt werden. Auschwitz-Komitee kritisiert Unterbrechung

von
erstellt am 29.Feb.2016 | 21:00 Uhr

Es könnte ein Verfahren mit historischem Anspruch werden, in dem es um Schuld, Reue und Aufarbeitung geht. Statt um Geschichte geht es vorerst aber um die Gesundheit. Als gestern am Landgericht Neubrandenburg der Prozess gegen den 95 Jahre alten Hubert Z. begann, fehlte der Angeklagte. Eine Ärztin hatte ihm am Wochenende zu hohen Blutdruck, eine Depression, Selbstmordgedanken und einen gebrochenen Arm diagnostiziert. Er sei weder transport- noch verhandlungsfähig. So blieb Anklägern und Verteidigern nur, ein wenig um die Wahl der Gutachter zu streiten, die vor dem nächsten Prozesstermin in zwei Wochen den ehemaligen SS-Mann erneut untersuchen sollen.

Für den Verteidiger Peter-Michael Diestel steht fest, dass ein Prozess für Hubert Z. einem „Todesurteil“ gleichkäme, gegen das es kein Rechtsmittel gebe. Staatsanwalt Thomas Bardenhagen hingegen ist zuversichtlich, beim nächsten Mal die Anklage verlesen zu können. Schließlich seien – bei allem Verständnis für die gesundheitlichen Probleme von Hubert Z. – auch jüngere Angeklagte oft aufgeregt und hätten erhöhten Blutdruck.

Als Prozessbeobachter kritisierte der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees Christoph Heubner unterdessen die Unterbrechung des Prozesses. Es handele sich „offensichtlich um eine weitere Verzögerungstaktik“, die er als „respektlos gegenüber den Opfern“ empfinde. Die 3681 Opfer, die Hubert Z. zur Last gelegt werden, sind im Sommer 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau umgebracht worden. Der SS-Unterscharführer Hubert Z. tat damals dort Dienst als Sanitäter. Er habe gewusst, dass in dem KZ systematisch Menschen getötet wurden, habe sich in den Betrieb eingefügt und die Maschinerie unterstützt, also Beihilfe zum Massenmord geleistet, so die Anklage. Ihm wird nicht zur Last gelegt, selbst jemanden getötet zu haben.

Zahlreiche Journalisten und Zuschauer hätten gern den Mann gesehen und vielleicht auch von ihm ein paar Worte gehört, wie es sich verhält mit seinem Tun und Lassen in Auschwitz vor 72 Jahren. Es kamen Reporter aus Großbritannien, Frankreich und Mexiko. Auch die holländische Zeitung „De Telegraaf“ schickte einen Kollegen nach Neubrandenburg. Als Hubert Z. in Auschwitz war, kam Anfang September 1944 der Zug aus dem niederländischen Westerbork an, in dem auch die posthum berühmt gewordene Tagebuchverfasserin Anne Frank und ihre Familie deportiert wurden.

Hubert Z. wurde 1920 im heutigen Polen geboren. 1939 trat er der SS bei und diente an der Ostfront. Als sein Bruder fiel, kehrte er eine Zeit lang auf den elterlichen Hof zurück, bevor er als Sanitäter nach Auschwitz kam. Einer Reporterin erzählte er vor einigen Monaten, er habe im Krieg nur einen Salutschuss abgegeben. Und im KZ habe er im Frauenlager „für Ordnung gesorgt“. Hubert Z. wurde 1948 von einem polnischen Gericht als Angehöriger der SS und seiner Arbeit im KZ zu vier Jahren Haft verurteilt, die er auch verbüßt hat. Allerdings ging es in jenem Prozess um einen Auschwitz-Einsatz im Jahr 1943. Seit gut 60 Jahren wohnt er bei Neubrandenburg, wo er lange in der Landwirtschaft arbeitete.

Die Eröffnung des Prozesses war bereits im Vorfeld umstritten. Das Landgericht lehnte es mit Hinweis auf den Gesundheitszustand des Angeklagten ab, die Hauptverhandlung zu eröffnen. Die Staatsanwaltschaft legte Beschwerde beim Oberlandesgericht (OLG) ein. Das OLG ordnete an, den Prozess zu führen, da Hubert Z. eingeschränkt verhandlungsfähig sei.

Der Prozess gegen Hubert Z. wurde von der Staatsanwaltschaft Schwerin aufgrund einer geänderten Rechtsauslegung zum NS-Unrecht an deutschen Gerichten angestrengt. Jahrzehntelang galt es als unumgänglich, einen Haupttäter zu verurteilen, um jemanden wegen Beihilfe belangen zu können. Außerdem musste eine konkrete Beteiligung an einer konkreten Tötungshandlung nachgewiesen werden.

Seit der Verurteilung des Vernichtungslagerwachmanns John Demjanjuk durch das Landgericht München 2011 begann sich dies zu ändern. Die Münchner Richter sahen die Zugehörigkeit zur Wachmannschaft eines Lagers, in dem massenhaft und systematisch gemordet wurde, als ausreichend an, den Angeklagten wegen Beihilfe zu Tötungen zu verurteilen.

Ob das Landgericht Neubrandenburg im Fall Z. darüber entscheiden muss, hängt vorerst von der Gesundheit des Angeklagten ab, die wahrscheinlich noch mehrmals begutachtet werden muss.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen