Maritimes Sicherheitsmanagement : Evakuierung einer „Kleinstadt“

<p>Sicherheitstraining im Winter zum Umgang mit dem Rettungsanzug </p><p> </p>
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Sicherheitstraining im Winter zum Umgang mit dem Rettungsanzug

 

AFZ-Schifffahrtsschule in Rostock trainiert Kreuzliner-Crews für den Seenotfall

svz.de von
10. August 2018, 12:00 Uhr

Immer größere Kreuzfahrtschiffe sind auf den Meeren unterwegs. Mit der Schiffsgröße wachsen die Herausforderungen ans maritime Sicherheitsmanagement. In höchster Seenot ist zum Beispiel binnen kurzer Zeit eine „Kleinstadt“ zu evakuieren. Wie das gelingen kann, wird in der Schifffahrtsschule der AFZ Aus- und Fortbildungszentrum Rostock GmbH vermittelt und trainiert. Thomas Schwandt sprach mit Stephan Szancsik, Leiter der Schifffahrtsschule.

Wie haben sich die Sicherheitsanforderungen auf See in den zurückliegenden Jahren entwickelt?

Szancsik: Es gibt zwei wesentliche Treiber, die Kreuzschifffahrt und die Offshore-Windenergie. Die Kreuzliner werden immer größer, haben immer mehr Passagiere an Bord und Crews, die sich neben der Kernbesatzung in der Nautik und Technik vor allem aus zahlreichen Mitarbeitern im Hotel- und Servicebereich zusammensetzen. Im Extremfall müssen bei Notfällen auf hoher See auf den Mega-Kreuzlinern bis zu 10 000 Personen – Passagiere und Crew – evakuiert werden.

Um dies schnell und geordnet durchzuführen, sind die Nautiker und Techniker an Bord auf die Unterstützung von geschultem und vorbereitetem Servicepersonal angewiesen. Deshalb haben wir schon vor mehr als zehn Jahren gemeinsam mit Aida Cruises und Hapag-Lloyd ein mittlerweile sechstägiges Sicherheitstraining für Hotel- und Servicemitarbeiter konzipiert, welches das zukünftige Personal in die Lage versetzt, zum Beispiel die Passagierströme auf dem Schiff zu lenken.

Welche Art von maritimer Sicherheitsausbildung bietet das AFZ an?
Unsere Sicherheitslehrgänge basieren auf den Ausbildungsvorschriften der International Maritime Organization (IMO). Wir orientieren uns an den verbindlich geforderten Mindestausbildungsstandards, den Standards of Training, Certification and Watchkeeping for Seafares (STCW). Seit dem Jahr 2008 haben wir zusätzlich die Beschäftigten der Offshore-Industrie in den Fokus der Sicherheitsausbildung gerückt. Grundlage hierbei sind die Vorgaben der Global Wind Organization (GWO).

Worauf kommt es bei der Sicherheit im Offshore-Bereich an?
In diesem speziellen Segment sind die Anforderungen an die Sicherheit mit den Windparks auf hoher See stetig gewachsen. Es geht vor allem darum, für die Absturzgefahren in luftigen Höhen zu sensibilisieren und die Offshore-Mitarbeiter mit der richtigen Handhabung der Sicherheitsausrüstung für die Brandbekämpfung, den medizinischen Notfall oder den Seenotfall vertraut zu machen. Die erste Kooperation mit der Offshore-Industrie hatten wir 2008 mit der Erdölförderplattform „Mittelplate“ im Wattenmeer, für die wir Arbeitssicherheitskonzepte entwickelt haben.

Im Übrigen bieten wir unser gesamtes Ausbildungsprogramm seit 2014 unter der einheitlichen Marke S.T.A.R. Maritime & Offshore an.

Warum diese Bündelung unter einer Dachmarke?
Schifffahrt und Offshore verbinden zahlreiche maritime Schnittstellen, so dass wir Ausbildungsmodule anbieten, die für beide Anwendungsgebiete zutreffen. Das vereinfacht die Vermarktung unserer Trainingsprogramme, für die wir europaweit unter anderem auf Messen werben.

Welches Wissen, welche Befähigungen werden den Teilnehmern vermittelt?
Neben theoretischen sicherheitsrelevanten maritimen Grundkenntnissen kommt es vor allem darauf an, den praktischen Umgang mit bordspezifischen persönlichen sowie kollektiven Rettungsmitteln zu üben. Die Teilnehmer werden befähigt, mit ihrer Schutzausrüstung sowie Rettungstechnik schnell und bedienungssicher umzugehen. Zudem lernen sie, Gefahrensituationen zu erkennen und pragmatisch darauf zu reagieren. Auf dem Meer gibt es nicht die Alternative des Notrufs 112. Da gefahrvolle Lagen an Bord nur gemeinschaftlich gemeistert werden können, zielen wir in unserer Ausbildung auch sehr darauf ab, den Teamgeist und strukturiertes Handeln in der Gruppe zu fördern.

Wie wird in der Schifffahrtsschule die erforderliche Praxisnähe hergestellt?
Das AFZ ist am alten Hafenbecken des Rostocker Fracht- und Fischereihafens in unmittelbarer Kainähe angesiedelt. Das ermöglicht es, originale Rettungsmittel und -technik einzusetzen. Wir verfügen zum Beispiel über eine Freifallbootsanlage, auf der das Zu-Wasser-Bringen eines Rettungsbootes authentisch zu erfahren ist. Außerdem besitzen wir sieben Rescue-Boote in verschiedener Spezifikation, mit denen wir jede erdenkliche Seenotrettungsaktion simulieren können.

Die Teilnehmer lernen im Wasser der Warnow, wie es sich anfühlt, einen Rettungsanzug zu tragen, und dass dieser selbst bei Eiseskälte eine Überlebenschance bietet. Auch komplette Evakuierungsszenarien werden trainiert, vom Auslösen des Alarms bis zum Verlassen des Schiffes. Dazu gehört die kontrollierte Besetzung unseres Tenderbootes, das 300 Personen aufnehmen kann.

Eine der häufigsten Havarien auf Schiffen sind Brände…
…auf die wir ganz besonderes Augenmerk richten. Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten an Bord, beengte Räume mit oft eingeschränktem Zugang, bedeutet der Ausbruch eines Feuers zumeist eine sehr schwierige Brandbekämpfung. In unserer Brandsimulations- und Löschtrainingsanlage werden die Teilnehmer diesem außergewöhnlichen Stress sehr realitätsnah ausgesetzt. Sie erlernen das Tragen und die Handhabung eines schweren Atemschutzgerätes und erproben unter künstlich erzeugten schlechten Sichtverhältnissen verschiedene Taktiken für den Löschangriff. Wie professionell dieser im Ernstfall gefahren wird, kann entscheidend sein für das Schicksal des Schiffes und der Menschen an Bord.

 

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