Torgelow am See : Europas Eliteschüler forschen in MV

Nikita aus Lettland lernt Comics zu gestalten und zu zeichnen. Mit der Akademie will er seine Deutschkenntnisse verbessern.
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Nikita aus Lettland lernt Comics zu gestalten und zu zeichnen. Mit der Akademie will er seine Deutschkenntnisse verbessern.

64 Spitzentalente aus fünf Ländern nehmen in den Sommerferien an der Multinationalen Akademie in Torgelow am See teil

svz.de von
30. Juli 2014, 12:00 Uhr

Nikita Kovalovs ist hoch konzentriert. Er schaut sich den jungen Mann, der vor der Tafel im Klassenzimmer steht, genau an. Dann senkt er seinen Blick auf das vor ihn liegende weiße Blatt Papier, greift zum Bleistift und fängt an zu zeichnen. Der 17-Jährige versucht die Pose des Modells nachzumalen. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht. Das Modell wird gleich seine Position ändern. Der junge Lette lernt einen Bewegungsablauf in vier Bildern wiederzugeben. Die Zeichenübung ist Teil des Kurses „Lange Rede, Glück allein“, in dem sich die Teilnehmer dem Medium Comic widmen. Sie machen sich mit der Geschichte dieser einzigartigen Kunstform vertraut, untersuchen spezifische Erzähltechniken und stilistische Mittel. Am Ende wollen sie einen eigenen Comic gestalten.

Der Kurs ist einer von vier der Multinationalen Akademie, die noch bis Sonnabend im Internatsgymnasium Schloss Torgelow in Torgelow am See stattfindet. 64 talentierte und hochbegabte Schüler im Alter von 15 bis 19 Jahren aus Deutschland, Lettland, Litauen, Estland und Polen verbringen 16 Tage zusammen, um gemeinsam zu forschen und über die kulturellen Grenzen hinaus zusammenzuarbeiten. Die Multinationale Akademie ist ein Angebot von „‚Bildung & Begabung“, dem Zentrum für Begabungsförderung in Deutschland. Hauptförderer der Multinationalen Akademien ist die Haniel Stiftung.

Auf dem Plan der Akademie stehen neben Kunst die Wissenschaftszweige Physik, Biochemie und Literatur. So setzen sich die Jugendlichen in dem Kurs „Lasst die Moleküle tanzen“ intensiv mit mehratomigen Teilchen, wie Fetten und Proteinen, und deren Wirkungsweisen im menschlichen Körper auseinander. Gleichzeitig gehen die Teilnehmer des Kurses „Apoptose – Sterben um zu leben“ dem Phänomen des genetisch regulierten Zelltods nach und finden Antworten auf die Fragen, woher die Lücken zwischen unseren Fingern kommen oder wie der Frosch seinen Schwanz abwirft. Inwieweit sich verschiedene Weltbilder von der Antike bis zur Gegenwart in Reiseberichten der jeweiligen Zeit widerspiegeln, ist Thema des Kurses „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“.


Comics und programmierter Zelltod


Nikita hat sich bewusst gegen Naturwissenschaften und für den künstlerischen Comic-Kurs entschieden. „Mein Vater ist professioneller Künstler. Ich selbst kann aber nicht gut malen, deshalb will ich hier meine Fähigkeiten verbessern“, sagt der 17-jährige Lette, der, wie viele der ausländischen Teilnehmer, mit dem Besuch der Multinationalen Akademie auch seine Deutschkenntnisse erweitern möchte. „Außerdem sind Comics in Lettland nicht so populär. Wir haben nicht die Möglichkeit, uns mit diesem Thema so intensiv auseinanderzusetzen wie hier. Das ist eine ganz andere Welt für mich“, fügt er hinzu. Diese Welt will auch Sevgi Malkac aus Göttingen besser kennenlernen. Die 17-Jährige interessiert sich für Kunst, ist selbst Künstlerin. „Ich male gern realistisch und surrealistisch, mal mit Grafit, mal Pastell“, sagt sie. Der Jugendstil habe es ihr angetan. Comics hingegen seien für sie weitestgehend Neuland. „Ich hatte erst Vorurteile und dachte Comics wären viel einfacher, nicht so eine vielschichtige Kunstform.“

Komplex gestaltet sich auch der Kurs „Apoptose“, den unter anderem die Polin Martyna Korzeniewicz und der Deutsche Justus Fricke besuchen. Gemeinsam studieren die 18-Jährige und der 17-Jährige Fachbücher und durchforsten das Internet. Ihre Aufgabe: Die wichtigsten Funktionen und Mechanismen des Stoffwechsels darstellen. Das hat noch nichts mit dem programmierten Zelltod zu tun, dient aber als theoretische Grundlage – wie auch die Referate der anderen Teilnehmer unter anderem aus den Bereichen Neurologie und Immunologie.

Für beide kam nur der Biochemie-Kurs in Frage. „Ich möchte später in der medizinischen Forschung arbeiten“, erklärt Justus sein Interesse daran. Bereits jetzt tut er alles, um sich diesen Traum zu erfüllen. So sei er regelmäßig im medizinischen Versorgungszentrum in Bremen tätig, absolviere Praktika und halte sich mit Fachliteratur auf dem Laufendem. Er sieht in der Akademie eine weitere Chance der Förderung. Und Martyna? „Ich möchte Medizin studieren“, sagt die junge Polin. Erste Erfahrung im medizinischen Bereich konnte sie bereits sammeln – während eines Praktikums auf der Krebsstation eines Krankenhauses.


Prinzip der Akademie: Fördern und fordern


Wie die vier Jugendlichen sind auch die anderen Akademie-Teilnehmer hoch motiviert. Nicht alle von ihnen sind hochbegabt, aber jeder talentiert. „Es sind die Besten der Klassen 10 bis 12 ihrer Schulen in den jeweiligen Ländern“, sagt die Leiterin der Multinationalen Akademie, Hermine Wenzlaff. Ihre Fähigkeiten weiter auszubauen, sei das Ziel der dreiwöchigen Veranstaltung. Daher seien die Kurse auch anspruchsvoll gestaltet. „Ihr Niveau ist mit dem Stoff des ersten, teilweise mit dem des zweiten Semesters an Universitäten vergleichbar“, erzählt Wenzlaff. Fördern und fordern, lautet das Prinzip. „Wir möchten, dass die Teilnehmer Themengebiete kennenlernen, mit denen sie sich so intensiv im Unterricht nicht beschäftigen. Sie sollen sich ausprobieren, ihre Grenzen ausloten und überwinden“, erklärt Wenzlaff. „Wir vermitteln ihnen wissenschaftliche Methoden, wie sie auch Fachexperten anwenden, und wollen so ihr Interesse für ein eventuelles Studium wecken.“

Auch die soziale und interkulturelle Kompetenz der Jugendlichen soll geschult werden. Dafür stehen für die Teilnehmer gemeinsame Ausflüge auf dem Programm, wie Rad- und Wandertouren, ein Besuch des Ozeaneums in Stralsund und eine Stadtführung durch Rostock. Dazu gehört auch ein „Länderabend“, bei dem die Teilnehmer die Kultur, Politik und die Sprache ihres jeweiligen Landes vorstellen. „Einige präsentieren dafür traditionelle Tänze und Trachten“, sagt Wenzlaff. Darüber hinaus obliegt es den Jugendlichen, weitere gemeinsame Aktivitäten zu gestalten. Das können sportliche Turniere sein, Theaterstücke, Sprach- oder Tanzkurse, ein Chor oder Musik-Veranstaltungen. „Wir unternehmen sehr viel gemeinsam. Alle sind wie eine Familie“, sagt Nikita. „Es findet ein reger Austausch statt“, so Sevgi. „In den drei Wochen wachsen die Teilnehmer zusammen. Auch Freundschaften fürs Leben sind schon entstanden“, erzählt Wenzlaff.

Zu einer Tradition ist ein Konzert am Ende der Akademie geworden, bei dem die Jugendlichen selbst musizieren. Auch in diesem Jahr sind alle Interessierten dazu eingeladen. Die Veranstaltung beginnt morgen um 20 Uhr im Schloss Torgelow. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.

Am Sonnabend endet die Multinationale Akademie dann mit einer Party. Für viele Teilnehmer ist das aber nur ein Abschied auf Zeit. „Viele halten den Kontakt, beispielsweise über den Club der Ehemaligen“, sagt Wenzlaff. Erneut eine Multinationale Akademie zu besuchen, ist nicht möglich. Jeder kann nur einmal daran teilnehmen, darf sich aber nach seinem Studium gern als Kursleiter engagieren.

 Förderzentrum „Bildung & Begabung“

Die Multinationale Akademie ist ein Angebot von „Bildung & Begabung“, dem Zentrum für Begabungsförderung in Deutschland. Die Organisation unterstützt Talente und Talentförderer und setzt sich dafür ein, dass jeder die Chance bekommt, das Beste aus seiner Begabung zu machen – unabhängig von Herkunft oder Hintergrund. Förderer sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Stiftverband für die Deutsche Wissenschaft und die Kultusministerkonferenz. Schirmherr ist der Bundespräsident. Hauptförderer der Multinationalen Akademie ist die Haniel Stiftung. Neben der Akademie in Torgelow bietet „Bildung & Begabung“ eine weitere Multinationale Akademie in Waldenburg (Sachsen) an, in der Schüler aus Rumänien, der Slowakei, Tschechien, Ungarn und Deutschland im Europäischen Gymnasium zusammenkommen.




 

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