Eurofighter aus Laage über dem Mittelmeer

Klaps für das Flugzeug: Die Warte verabschieden einen Eurofighter zum Trainings-Einsatz. Im Hintergrund ist eine Skyhawk zu sehen.
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Klaps für das Flugzeug: Die Warte verabschieden einen Eurofighter zum Trainings-Einsatz. Im Hintergrund ist eine Skyhawk zu sehen.

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28. September 2012, 04:58 Uhr

Laage/Decimomannu | Vier Tage regnet es im September durchschnittlich im Süden der italienischen Insel Sardinien, wo 20 Kilometer von der Regionalhauptstadt Cagliari entfernt der Flugplatz Decimomannu liegt. Und ausgerechnet diese vier Tage begrüßten gleich am Anfang des Monats das Kommando des Jagdgeschwaders 73 "Steinhoff" (JG 73 "S"), das mit 14 Eurofighter-Einsitzern und sechs Doppelsitzern von Laage an der Ostsee auf die seit 1960 von der Luftwaffe genutzte Basis in den Mittelmeerraum verlegt hatte. "Damit sind leider gleich zu Beginn eine Reihe Flüge ausgefallen", sagt Gero Finke. Der Oberstleutnant war Kommandoführer in der ersten Hälfte des vierwöchigen Aufenthalts, der gestern zu Ende ging. Bald herrschten aber wieder die in diesen Breiten üblichen Hochsommertemperaturen von 30 Grad Celsius und bestes Flugwetter, sodass sich die Eurofighter mit dem Kranich-Wappen am Leitwerk an manchen Tagen statt der geplanten 21 Starts gleich 24-mal an die Trainingsarbeit machen konnten.

Für realistisches Luftkampf-Training bietet "Deci", wie der von Italienern und Deutschen gemeinsam betriebene, 556 Hektar große Stützpunkt genannt wird, perfekte Bedingungen. Geübt wird in der ACMI, der "Air Combat Maneuvering Installation" - einem Sperrgebiet vor der Südwestküste Sardiniens, das in 300 Metern Höhe beginnt und keine Obergrenze hat. Die Jets übermitteln dabei über spezielle Sensoren alle Flugparameter an eine Bodenstation, sodass jede Bewegung aufgezeichnet wird. Das komplette Luftlagebild jeder Sekunde der Mission ist damit abrufbar und wird bei der Nachbesprechung auf einer großen Projektionsfläche zur Bewertung genutzt.

"Diese Aufzeichnungsmöglichkeiten haben wir zu Hause allerdings auch", erläutert Finke, der im April den Posten des Kommandeurs der Fliegenden Gruppe im JG 73 "S" übernommen hat. "Den großen Vorteil vor Ort bilden neben den Wetterbedingungen der zur Verfügung stehende Luftraum und dessen Regularien." So darf zum Beispiel ab 1500 Metern Höhe Überschall geflogen werden, was über Laage erst ab 11 000 Metern erlaubt ist. "Hier können wir unsere Taktiken so anwenden, wie sie eigentlich gedacht sind, und die Leistungsfähigkeit des Eurofighters voll ausnutzen." Zudem sei die Verlegung wegen der zweiwöchigen Sanierung der Startbahn in Laage unumgänglich gewesen. "Eine solche Pause können wir uns im Ausbildungsbetrieb nicht leisten."

Die fünf Flugschüler aus dem laufenden Basiskurs, die nach der Jet-Grundausbildung im texanischen Sheppard in Laage auf den Eurofighter umgeschult werden, hatten sogar die Chance, die Maschinen mit zu überführen - zum Teil sogar im Einsitzer. "Das stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten", so Finke, der selbst als Fluglehrer jeden Tag dabei war. "Und es war höchst beeindruckend", ergänzt Oberleutnant Mathias Kuhn, einer der fünf Basiskurs-Teilnehmer. "Es ist eine tolle Erfahrung, mit dem Eurofighter erstmals von einer fremden Basis aus zu fliegen und in dem riesigen Trainingsgebiet hier über See zu sehen, dass das, was wir zu Hause gelernt haben, gut funktioniert", schwärmt der 29-Jährige, der seine fliegerische Schulung nach dem Abschluss des Studiums der Luft- und Raumfahrttechnik begann. Alle fünf "Students" hatten den Kurs etwa zur Hälfte absolviert und waren im Übergang von der Abfang- zur Luftkampf-Phase, wo die höhere Schule dieser Art des Fliegens auf dem Programm steht.

Vier Flüge absolvierten sie in der ersten Woche des Kommandos, von denen der erste nur der Gewöhnung an die lokalen Verhältnisse diente und von den Fluglehrern nicht bewertet wurde. Danach ging es für die fünf zurück nach Laage - und in den Simulator. "Das ist ein Nachteil, dass wir in Deci keinen haben", sagt Finke. So habe man die Basis-Kursler erst mal nach Hause geschickt und in der dritten Woche für die nächsten Flüge wieder nach Sardinien kommen lassen. "Die zweite und vierte Woche des Kommandos konnten wir für die Fluglehrerschulung, die Rotten- und Schwarmführerausbildung und die Weiterentwicklung taktischer Verfahren nutzen."

Die Ausbildung auf dem Eurofighter ist sehr simulatorabhängig - grob beträgt das Verhältnis eins zu eins zu den realen Flügen. "Und der Abstand zwischen simuliertem und echtem Flug sollte möglichst kurz sein, um das Gelernte gut umsetzen zu können", so Kuhn. Wenn man für einen Vier-Wochen-Zeitraum die Simulator-Schulung vorschalte, sei die Informations-Überladung zu groß: "Das kann ich im Cockpit nicht mehr vernünftig abrufen." Doch nicht nur die Flugschüler profitierten von den Übungsflügen des Kommandos: "Auch für uns Awacs-Crews ist das eine ausgezeichnete Trainings-Möglichkeit", sagt Hauptmann Manfred Sackert. Der Jägerleitoffizier von der E-3A-Komponente der Nato in Geilenkirchen, wo die großen, vierstrahligen Überwachungs- und Frühwarnflugzeuge beheimatet sind, fungierte als Verbindungsoffizier in Deci für das Awacs, das extra für die erste Woche des Kommandos auf die griechische Basis Preveza verlegt hatte und von dort aus bei täglichen Flügen für die Führung der Jets in der Luft sorgte. Sackert nahm an den Flugvor- und -nachbesprechungen der Piloten teil, übermittelte die nötigen Informationen an "Magic" - so das Rufzeichen der aus vier Nationen stammenden Missions-Crew der E-3A - und hörte aus der ebenfalls auf dem Areal des Flugplatzes untergebrachten Jägerleitstelle "Mirto" bei der Einsatzführung "seiner" Controller mit, wie "Blue Air" - die Flugschüler und ihre Instruktoren - und "Red Air" als deren angenommener Gegner auf zwei verschiedenen Frequenzen geführt wurden. "So kann ich in der Nachbesprechung klärend eingreifen und habe eine Rückkopplung für die ,Magic-Controller." Ab der zweiten Woche lag die Führung dann allein bei "Mirto", wo fünf deutsche Jägerleitoffiziere dem Kommando des JG 73 "S" zugeordnet waren, ebenfalls an den Besprechungen teilnahmen und die Trainingseinsätze in der ACMI unter dem Rufzeichen "Playground" koordinierten.

Weitere Unterstützung für die Eurofighter gab es durch zwei A-4N Skyhawks von der Firma BAE Systems, die für die gesamte Dauer des Kommandos von ihrer ostfriesischen Heimatbasis Wittmund nach Deci verlegt hatten, und zwei Lear-Jets der Gesellschaft für Flugzieldarstellung aus dem schleswig-holsteinischen Hohn, die in der zweiten und vierten Woche die "Red Air"-Komponente auffüllten. "Das ist das erste Mal, dass wir ausschließlich als ,Red Air nach Deci gegangen sind, sonst haben wir immer den Dart für das Kanonenschießen gezogen", erzählt A-4-Pilot Raimund Lendermann. Als ehemaliger Tornado-Flugzeugführer fliegt er seit 2006 zivil für die Firma EIS Aircraft, die als Unterauftragnehmer des US-Unternehmens BAE Systems fungiert, das wiederum mit dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung den Vertrag zur schnellen Zieldarstellung geschlossen hat. Sechs Skyhawks stehen für diesen Zweck mit 960 Flugstunden pro Jahr zur Verfügung. "Wir sind für zwei Flüge pro Tag eingekauft worden und fliegen das, was der ,Mission Leader uns vorgibt - meistens stellen wir die Bomber dar, die es abzufangen gilt", erläutert Lendermann. Zwar verfüge die A-4 über kein Radar oder andere Sensoren. "Aber wir bekommen von den Jägerleitoffizieren genug Informationen, um auch mal einer simulierten Luftkampfrakete erfolgreich ausweichen zu können." Ohnehin seien die Skyhawks kein selbstständiges "Red Air"-Element, sondern nur eine Ergänzung, und noch seien sie auch ohne Datenrekorder für die ACMI unterwegs. "Aber bald haben wir den ebenfalls", ist sich der Luftwaffen-Major a. D. sicher.

"Die Skyhawks und Lear-Jets erhöhen unsere Rate für die Ausbildung, denn sonst müssten wir das, was die für uns fliegen, ja auch noch mit dem Eurofighter darstellen", sagt Kommandoführer Finke, der in dieser Funktion für die zweite Hälfte der Verlegung vom Kapitän der 2. Staffel, Oberstleutnant Dorian Fritsch, abgelöst wurde. Auch anderes Personal wurde zur Halbzeit ausgetauscht, sodass möglichst viele Angehörige des "Steinhoff"-Geschwaders von dem Kommando profitieren konnten. Mit bis zu 290 Köpfen vor Ort - davon 65 Warte, rund 20 Piloten und mehr als 90 Techniker neben dem nötigen Innendienst-, Nachschub-, Kraftfahrzeug- und IT-Personal - war "Deci 2012" für das JG 73 "S" ein besonders großes Kommando, das auch von der technischen Seite für die Nachwuchs-Ausbildung genutzt wurde.

"Das ist ein guter Lerneffekt, die Probleme bei solch einer Aktion erkennen und beherrschen zu lernen und operationelle Wege für den Einsatz der Jets zu finden", sagt der Oberstleutnant. Auch der interne Zusammenhalt wachse: "Wir sind eine Schule, da sieht manches anders aus als im Einsatzgeschwader." Umso wichtiger sei es, die tägliche Routine zu durchbrechen und sich auch mal nach Dienst zusammenzusetzen, weiß Finke. "Und dafür ist ein Auslandskommando perfekt." Das endete gestern erfolgreich mit der Rückkehr des Personals an die Ostseeküste. Die Eurofighter waren schon tags zuvor über die Alpen nach Hause geflogen.

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