"Der Besuch der alten Dame" : Etwas Geheimnis muss sein

'Sie geht nicht als strahlende Siegerin vom Platz', sagt Brigitte Peters über ihre Interpretation der Figur der Claire in 'Der Besuch der alten Dame'. Foto: Reinhard Klawitter
"Sie geht nicht als strahlende Siegerin vom Platz", sagt Brigitte Peters über ihre Interpretation der Figur der Claire in "Der Besuch der alten Dame". Foto: Reinhard Klawitter

Brigitte Peters wirkt weder alt noch wie ein kühler Racheengel, wie sie da in der Theaterkantine sitzt. Aber eine Dame ist sie schon. Und sie spielt die Claire Zachanassian in Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame".

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08. Mai 2012, 07:39 Uhr

Schwerin | Brigitte Peters wirkt weder alt noch wie ein kühler Racheengel, wie sie da in der Theaterkantine sitzt. Aber eine Dame ist sie schon. Und überraschend klein, verglichen mit den vielen Figuren, denen sie auf der Bühne des Staatstheaters Schwerin schon großes Format verliehen hat. Der nächste Part sei "nun nicht gerade eine Rolle, wo man als Schauspielerin sofort Hurra schreit", sagt Brigitte Peters. Sie spielt die Claire Zachanassian in Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame". Sie soll die alte Dame sein. "Ab einem gewissen Alter kommen gewisse Rollen auf einen zu", sagt Peters, die seit ihrem Abschluss an der Schauspielschule Rostock und der Spielzeit 1972/1973 am Staatstheater engagiert ist.

Die Story des Stückes: Klara Wäscher betritt nach langer Abwesenheit wieder ihren Heimatort Güllen, den sie vor fast einem halben Jahrhundert in Schande verlassen musste. Sie heißt nun Claire Zachanassian, ist schwerreich - und verlangt als Gegenleistung für die finanzielle Rettung des heruntergekommenen Städchens das Leben von Alfred Ill. Er hat sie einst geschwängert und dann verleugnet, sodass sie ihre Heimat verlassen musste, das Kind verlor, zur Prostituierten wurde und schließlich mehrfach und vor allem sehr reich heiratete.

Es gehe um die globale Macht des Geldes und den moralischen Widerstand der städtischen Bevölkerung, so heißt es in einer Beschreibung des Klassikers. Das ist natürlich wahr und doch Unsinn - denn viel Widerstand ist da nicht bei den geldgierigen Güllenern. Und es geht außerdem um viel mehr, nämlich um die Rache einer erniedrigten Frau. "Claire bringt nicht nur viel Geld mit, sie hat ja vorgearbeitet, den Ort aufgekauft und ruiniert", sagt Peters. Nur, und deshalb jubele man als Schauspielerin nicht sofort: Die Figur entwickele sich nicht, ganz anders als die des Alfred Ill, den Jochen Fahr spielen wird. Ill ist am Ende tot - aber auch der einzige Charakter, der moralisch Statur gewonnen hat.

Eine Herausforderung ist die Claire natürlich schon. "Sie ist nur ein Kind aus Güllen. Edel ist sie bestimmt nicht, sondern durch die Bordelle gegangen. Am Ende ist ihr Lebensziel erfüllt, sie hat ihn vernichtet", beschreibt Peters ihre Sicht auf die Figur. Nur glücklich, das sei Claire auch dann nicht, als Ill tot vor ihr liegt. "Macht Rache glücklich? Ist Medea glücklich? Nein, die Erlösung wird nicht kommen, Claire ist auch erloschen." Man müsse als Schauspielerin schon entscheiden, wie sich eine Figur fühlt, "sonst sieht man nichts auf der Bühne".

Und die gewissen Partien ab einem gewissen Alter, nach fast 40 Jahren an einer Bühne? "Ich spiele viele schöne Rollen. Es kommen ja immer wieder interessante Regisseure vorbei", sagt Brigitte Peters, die am Staatstheater derzeit in der Fassbinder-Adaption "Angst essen Seele auf", im Sterbehilfe-Drama "Der gute Tod" und in den beiden wilden Fritschiaden "Diener zweier Herren" und "Der Biberpelz" zu erleben ist. Sie möge es, wenn ein Regisseur genau arbeitet und auf Ideen komme, die sie selbst noch nicht hatte, betont die Schauspielerin und meint damit auch Herbert Fritsch, den Ex-Schauspieler, der nun mit seinen grellen, slapstickigen, aber vielschichtigen Inzenierungen für Aufsehen sorgt. "Das ist ein Erlebnis, da sind fünf Stunden Probe die Lebenszeit wert", sagt Peters.

Auch die Beschäftigung mit dem Dürrenmatt-Klassiker habe sich gelohnt. Die Stücke des Schweizers seien wie die seines Vorbildes Bertolt Brecht "wenig ausdeutbar", ganz anders als etwa bei Shakespeare, sagt Brigitte Peters. Was aber kein Hindernis sein solle, Regisseur Marc von Henning und sein Team hätten einen eigenen Akzent für die Inszenierung gefunden: "Wir kriegen da noch ein paar Sachen raus." Und am Ende werde auch ihrer Figur genau das bisschen Geheimnis bleiben, das Stück und Charaktere brauchen, um beim Zuschauer etwas in Bewegung zu setzen.

Um also noch mal auf die anfangs doch eher verhaltene Freude über die Rolle zurückzukommen: "Inzwischen habe ich Dürrenmatt ein bisschen lieb."

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