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Schiffs-Rollout auf der insolventen P+S-Werft in Stralsund : "Es wird weitergehen - irgendwie"

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Kein Feuerwerk, keine Musik: Beim Schiffs-Rollout auf der insolventen P+S-Werft in Stralsund herrscht eine ernste Stimmung. Die Arbeiter geben sich aber kämpferisch. Sie hoffen weiter auf einen Investor.

svz.de von
erstellt am 19.Apr.2013 | 09:08 Uhr

Stralsund | Um 7.30 Uhr läuten in der Stralsunder Marienkirche die Glocken. Der Wind trägt den als Signal der Verbundenheit gedachten Ton am Freitagmorgen nicht von der Innenstadt bis zur P+S-Werft am Strelasund. Trotzdem: "Die Geste zählt", sagt Betriebsrat Jürgen Kräplin. In seinen Händen dreht der 61-Jährige ein 10-Cent-Stück, legt es vor einen der 43 Kielbockträger, die den 195 Meter langen DFDS-Spezialtransporter aus der Montagehalle der Werft fahren. Im Schneckentempo walzt das Rad des Kielbockträgers über die Münze. Schon 1995, als das erste Containerschiff die damals neue Werfthalle auf der Volkswerft verließ, hat Kräplin auf diese Weise ein 10-Pfennig-Stück pressen lassen. Kräplin ist Zweckoptimist: Es wird nicht die letzte Münze sein, die er unter den Kielbockträger legt, auch nicht die vorletzte. "Der Schiffbau in Stralsund wird weitergehen."

Kein Feuerwerk, keine Musik begleitet das Herausgleiten des vorerst vorletzten Schiffsneubaus auf der insolventen P+S-Werft in Stralsund. Der Neubau, mit dem sich die Dänen zufrieden zeigten, gerät fast zur Nebensache. Dem Schiffbaubetrieb läuft die Zeit davon: Nur die Sektionen für einen letzten Neubau, ein baugleiches Schwesterschiff, stehen in der Montagehalle. Anfang 2014 soll der zweite Transporter nach Dänemark geliefert werden. Findet Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann trotz der von der Belegschaft als "beachtlich" eingeschätzten Bemühungen in den kommenden Monaten keinen neuen Investor, ist Schluss mit dem industriellen Schiffbau am Strelasund. Die Deckelung der Bürgschaften durch das Land auf 200 Millionen Euro macht einen Verkauf nicht leichter. Gerade im Offshore-Bereich sind weitaus höhere Finanzierungssummen erforderlich. "Bleibt es bei diesem Bürgschaftsrahmen, gibt es keinen Platz für Stralsund", sagt Brinkmann. Jürgen Kräplin arbeitet seit 1968 auf der Volkswerft, seit 1992 ist er Betriebsrat. Bremer-Vulkan-Pleite, von der EU verordnete Schrumpfkuren, stornierte Aufträge - die Werften in Wolgast und Stralsund haben viele Krisen gemeistert. "Das jetzt ist die schwierigste Situation", sagt Kräplin.

Wie der Großteil der noch verbliebenen 219 Stralsunder P+S-Arbeiter wird er zum 1. Mai in die Transfergesellschaft wechseln. Einen Betriebsrat wird es dann auf der Werft nicht mehr geben.

Trotzdem geben sich die Arbeiter kämpferisch. Der 41-jährige Jan Kuchenbecker glaubt an eine Zukunft mit einem neuen Investor. Er hat noch immer keinen "Plan B", wie damals im Januar, als er nach zwei Monaten Zwangspause wieder an den DFDS-Schiffen weiterbauen durfte. "Es wird weitergehen - mit Offshore-Plattformen, Spezialschiffen, Fischereischiffen. Irgendwie", sagt er.

"Die Kompetenz liegt in den Händen und Köpfen der Mitarbeiter", sagt Stefan Säuberlich, ein Geschäftsführer der Stralsunder Schiffbaugesellschaft. Anfang des Jahres nahm die SSG ihre Arbeit auf. In ihr sind inzwischen rund 410 ehemalige P+S-Arbeiter, um die DFDS-Schiffe fertigzu stellen. "Die SSG akquiriert keine Neuaufträge", sagt SSG-Chef Reinhart Kny. Es gehe darum, die Werft warmzuhalten für einen möglichst internationalen Investor mit Aufträgen und einer soliden Kapitaldecke. Eine Übernahme der insolventen Werft durch die SSG, hinter der die mittelständische Ingenieurtechnik und Maschinenbau GmbH (IMG) Rostock steht, schließt Kny aus.

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