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Brandanschlag auf Flüchtlingsunterkunft : „Es war ihnen egal“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Angeklagte räumen Schuld vor Landgericht Rostock ein – ihnen drohen sechs Jahre Haft

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2016 | 05:00 Uhr

Zwei Männer mit ausländerfeindlicher Gesinnung haben gestanden, mit zwei Brandsätzen eine Flüchtlingsunterkunft in Groß Lüsewitz bei Rostock angegriffen zu haben. Die Angeklagten räumten vor dem Landgericht Rostock gestern ein, dass sie von den im Haus schlafenden Ausländern wussten. „Es war ihnen egal“, trug einer der Verteidiger für den 25 Jahre alten Thomas H. vor. Die beiden hätten die Flüchtlinge aus dem Dorf vertreiben wollen.

Der 26 Jahre alte Florian H. beteiligte sich an dem nächtlichen Überfall im Oktober 2014, „weil ich ebenfalls was gegen Ausländer hatte“. Beide gaben an, die Tat inzwischen zu bereuen. Thomas H. entschuldigte sich bei einer der Bewohnerinnen, die als Zeugin aussagte. Sie war damals im achten Monat schwanger.

Die beiden Männer sind wegen versuchten Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung angeklagt. Ihre umfangreichen Geständnisse sind Teil einer Vereinbarung zwischen den Richtern, der Staatsanwaltschaft und den Verteidigern. Das Gericht sagte ihnen dafür zu, sie für höchstens sechs Jahre ins Gefängnis zu schicken. Anderenfalls drohte den beiden bis zu 15 Jahre Haft.

Bislang hatte Thomas H. zwar den Angriff eingeräumt, jedoch die Gründe dafür zu verharmlosen versucht. Florian H. hatte sich zu den Vorwürfen nicht geäußert. Der eine Brandsatz hatte einen Fensterrahmen in Brand gesetzt. Der andere prallte an einem Baugerüst vor der Fassade ab. So kam keiner der Bewohner körperlich zu schaden. Eine Bewohnerin, die nicht schlafen konnte, holte kurz nach dem Anschlag bereits Hilfe.

Die Ermittler waren den Angeklagten Monate nach der Tat angeblich auf Grund von Gerüchten im Dorf auf die Spur gekommen. Es folgten Hausdurchsuchungen und die Überwachung ihrer Telefone. Im August wurden die beiden Angreifer verhaftet. Seitdem sitzen sie in Untersuchungshaft.

Aus ihrer rechten und ausländerfeindlichen Gesinnung machten beide in den von ihren Anwälten verlesenen Geständnissen keinen Hehl. Thomas H. gab offen zu, zum Zeitpunkt der Tat mit der NPD sympathisiert zu haben. Beide verbreiteten über Facebook zudem zahlreiche ausländerfeindliche Sprüche. Während Thomas H. für sich in Anspruch nahm, inzwischen toleranter gegenüber Ausländern geworden zu sein, sagte Florian H. lediglich, die Flüchtlingsunterkunft in Brand setzen zu wollen, wäre „keine Lösung“ gewesen. Von mehr Akzeptanz gegenüber Ausländern sprach er jedoch nicht.

Am Abend vor dem Brandanschlag hatten die beiden mit Freunden gegrillt. Währenddessen tranken sie Bier und Wodka, so die Angeklagten. Wann Thomas H. dann vorschlug, das Flüchtlingsheim anzugreifen, ist nicht klar. Die beiden füllten an einer Tankstelle einen Reservekanister voll und fuhren nach Groß Lüsewitz. Unter einer Laterne füllten sie leere Bierflaschen mit Benzin, stopften Lappen als Lunte hinein und zogen vor die Asylunterkunft. Über das Ausmaß der Flammen wollen beide Angeklagte sich noch vor Ort sehr erschrocken haben. Das hielt sie nicht davon ab, nach Rostock in eine Diskothek zu fahren, wo sie bis zum frühen Morgen blieben.

Eine Betreuerin berichtete, in dem Haus wohnten damals 40 Asylbewerber, darunter 18 Kinder. Die Flüchtlinge seien im Dorf „sehr gut integriert“ gewesen, hätten die Einheimischen zu ihren Festen eingeladen und beim Subbotnik regelmäßig geholfen, wenn die „wilden Ecken“ des Dorfes vom Müll befreit wurden. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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