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Aufstieg, Fall und Rettung eines Ortes : Es war einmal ein Musterdorf

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Alt ist in Mestlin viel. Das war nicht immer so. Mestlin war einmal das modernste Dorf der DDR. Das einzige offizielle Musterdorf im ganzen Land. Heute verbindet man mit dem Ort eher das Gegenteil. Ein Pleitedorf.

svz.de von
erstellt am 10.Feb.2012 | 05:51 Uhr

Mestlin | Es war einmal. So beginnen Märchen. Ob das Märchen von Mestlin ein gutes Ende nimmt, ist noch offen. Eines aber ist sicher: Die Mestliner arbeiten daran.

Irgendwo muss der Gestank doch herkommen. Durch den Flur des Gemeindebüros schiebt sich ein fauliger Geruch. "Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk", steht an einer Wand. Bürgermeister Uwe Schultze atmet ein, verzieht das Gesicht, macht sich auf die Suche. "Hier kommt das her", sagt er und öffnet die Tür zur Herrentoilette. Alte Fliesen, altes Waschbecken.

Alt ist in Mestlin ziemlich viel. Das war nicht immer so. Ganz im Gegenteil. Mestlin war einmal das modernste Dorf der DDR. Das einzige offizielle Musterdorf im ganzen Land, der Idealtypus des Sozialismus. Ein kleines Paradies, von oben geplant. Hier gab es alles, was es im Rest des Landes oft nicht gab. Fernseher im Konsum, Bier in mehreren Gaststätten, eine Geburtsstation im Landambolatorium, Theaterstücke im Kulturhaus. Als das im Oktober 1957 eröffnet wird, sagt ein Genosse: "Dieses Ereignis ist die Krönung all dessen, was durch unseren Arbeiter- und Bauernstaat in den letzten Jahren geschaffen wurde." Der Sieg des Sozialismus - in Mestlin steht er noch heute. Stein auf Stein. Doch es war nur ein Etappensieg. Jetzt blättert der Putz ab.

Ein bisschen riecht es noch nach DDR

Im Büro von Bürgermeister Uwe Schultze duftet es nach Kaffee. Und es riecht noch ein bisschen nach DDR. Eine rote Decke mit weißen Punkten liegt auf dem Tisch. Die Platte knarrt und gibt nach, wenn jemand seine Arme darauf abstützt. Die Gardienen sind gelb mit weißen Kreisen. Sie sind frisch gewaschen, könnten aber auch schon vor 30 Jahren hier gehangen haben. Uwe Schultze sitzt mit Hendrik Müller am Tisch, vor ihnen ein Aktenordner.

Müllers Aufgabe ist groß. Der drahtige Mann mit den blauen Augen soll nichts Geringeres tun, als Mestlin vor dem Ruin zu retten. Gut eine halbe Million Euro Schulden hat die Gemeinde, jedes Jahr kommen 180 000 dazu. So geht es nicht weiter. Das Innenministerium hat den Ingenieur aus Lübeck geschickt, um zusammen mit der Gemeinde einen Konsolidierungsplan zu schmieden. "Für uns ist das die letzte Chance", sagt Schultze.

Das Paradies braucht einen Konsolidierungsplan

Ein Konsolidierungsplan für Mestlin. Hätte das in der DDR jemand vorausgesagt, dann hätten alle gelacht. Mestlin ging es gut. Besser als allen anderen. Hier wollte jeder wohnen. 1962 lebten hier 1620 Menschen, die Schule hatte fast 500 Schüler. Es gab ein Dorftheater, ein Blasorchester, Volkstanzgruppen, Tanzkapellen, eine Gymnstikgruppe. Eigentlich gab es alles. Vor allem gute Laune.

Mit der guten Laune ist das heute so eine Sache. Es leben nur noch 762 Menschen hier. Viele sind alt, andere arbeitslos, nicht wenige frustriert. Jede vierte Wohnung steht leer, das Durchschnittsalter liegt weit über 50. "Die Menschen hier sind aus historischen Gründen gewöhnt, vieles geschenkt zu bekommen", sagt Schultze. Jahrzehntelang war das so. Viele können nur schwer akzeptieren, dass aus dem sozialistischen Musterdorf ein kapitalistischer Problemfall geworden ist. Einer von zwölf ganz besonders hartnäckigen in Mecklenburg-Vorpommern. Diesen zwölf Gemeinden hat das Innenministrium Helfer an die Seite gestellt. Hendrik Müller betreut vier Gemeinden. Er durchleuchtet die Haushaltslage, sucht nach Sparpotenzialen und Einnahmequellen. "Ich berate, habe aber kein Stimm- oder Vetorecht in der Gemeindevertretung", sagt Müller.

Genau davor hatten viele Angst. Nicht allen ist es recht, dass ein Fremder so intensiv in die Gemeinde hineinschaut. "Es gab Gegner - auch in der Gemeindevertretung", erinnert sich Schultze. Aber am Ende wurde auch dem Letzten klar: Es ist eine Chance. Die letzte noch dazu. Alle zwei Wochen kommt Müller nach Mestlin. Dann berät er sich mit Schultze, steckt gemeinsam mit dem Bürgermeister Ziele ab. Die Grundsteuer haben sie schon angehoben. Um 21 Euro im Jahr. "Vielen hat das nicht gepasst", sagt Schultze. Aber umsonst ist sie eben nicht, die Rettung.

Mit Mestlin wollte es die SED den Kapitalisten jenseits des Antiimperialistischen Schutzwalls mal so richtig zeigen. Schaut her, wie schön es hier ist. Der Plan ging auf. Irgendwie jedenfalls. 1960 gab die Partei anlässlich des 15. Jahrestages der Bodenreform eine Broschüre heraus. Titel: "Römnitz und Mestlin - zwei Gemeinden in Deutschland". Inhalt: Zwei Dörfer, zwei Systeme, zwei Urteile. Römitz im Westen wurde niedergemacht, Mestlin im Osten über den grünen Klee gelobt. Mestlin, das war auch immer ein ganzes Stück SED-Propaganda.

Ein Dutzend Menschen will das Kulturhaus retten

Davon ist nichts mehr geblieben als das Ensemble am Marx-Engels-Platz. Dieser Name war Programm, dieser Name ist geblieben. Heute stehen die Gebäude zwar unter Denkmalschutz, haben sogar das Siegel "Nationale Bedeutung" bekommen. Doch langsam aber sicher verfallen die Bauten.

Claudia Stauß zieht die Tür zum Kulturhaus auf. Sie hängt sich an die Klinke. Es quietscht. Drinnen ist es kalt. Architekt Bernhard Brüggemann steht an einem Fenster und streicht über das Holz. Die weiße Farbe blättert ab. "Gute Qualität", sagt er, "hier ist damals nicht gespart worden."

Stauß trägt eine schwarze Wollmütze mit rotem Stern und einen blauen Schal. Sie ist Vorsitzende des Vereins Denkmal Kultur Mestlin. 13 Mitglieder hat der Verein, sie alle wollen das halb verfallene Kulturhaus retten. In kleinen Schritten. Das Foyer sieht schon wieder etwas aus wie früher. Grüne Farbe an den Wänden. Bald sind einige Fenster dran. Nicht alle, dafür fehlt das Geld. Heute stellen sich Handwerker vor, machen Angebote. Einer war schon da. Mit Bleistift hinter dem Ohr. Der zweite lässt auf sich warten.

Plötzlich ist sie weg, die Hilfe von oben

Viel hat der Verein vor mit dem Haus, in dem die Mestliner früher ein und aus gingen und das nun schon seit Jahren leer steht. "Wir machen alles ehrenamtlich, deshalb geht es nur langsam voran", sagt Stauß. Vom Kultusministerium wünscht sie sich mehr Unterstützung. "Dieses Haus ist einzigartig in Deutschland, das ehemalige Musterdorf könnte ein Besuchermagnet sein", ist Architekt Brüggemann überzeugt. Aber viel Hilfe von oben kommt in Mestlin nicht mehr an. Die Zeiten sind vorbei.

Der Mestliner Konsum verkaufte 1960 90 Fernseher, 30 Motorräder, 20 Kühlschränke, 18 Waschmaschinen. Früher gab es hier alles, heute gibt es hier nur noch wenig. Aber selbst das wenige ist zu viel für die Gemeinde. "Es gibt zwei Gemeindearbeiter und die Putzhilfen in der Schule sind Angestellte der Gemeinde", sagt Hendrik Müller und schüttelt leicht mit dem Kopf. Kostenfaktoren - Streichungen: unvermeidbar. Aber jeder Kostenfaktor ist auch ein Mensch. Die Gemeinde tut sich schwer damit, hart durchzugreifen. Die Kita hat die Gemeinde gerade schweren Herzens einem anderen Träger übergegeben. Müller sucht auch nach Einnahmequellen für die Gemeinde. Ein Solarpark soll entstehen. Das Land bietet dafür einen günstigen Kredit an.

Nach der Wende kam die Abzocke. Ein Architekt aus München versprach Mestlin das Blaue vom Himmel. Er plante einen Golfplatz, Tennisplätze, ein Schwimmbad. Am Ende gab es keinen Golfplatz, keinen Tennisplatz und auch kein Schwimmbad. Nur 50 000 Mark weniger auf dem Gemeindekonto, die gab es. Diesen Betrag zahlte das Dorf dem Architekten.

"Einen Golfplatz haben wir trotzdem", sagt Schultze. Müller hebt den Kopf. Eine mögliche Einnahmequelle? "Aber nur wenn ein VW Golf auf dem Platz steht", lacht der Bürgermeister und winkt mit dem Daumen in Richtung Marx-Engels-Platz. Schultze hat den Humor nicht aufgegeben. Er glaubt an Mestlins Rettung. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt auch Müller. Die beiden schauen sich in die Augen. Es sind zwei, die an die Zukunft glauben.

Mitte der 90er Jahre gab es kurz Hoffnung. Ein Hamburger eröffnete eine Disko im Kulturhaus, taufte sie "Joy Disco Palace". Tausende Jugendliche kamen. Doch der Mann ließ das Foyer schwarz streichen, überpinselte ein wertvolles Wandgemälde. Eines Tages war er einfach verschwunden. Und mit ihm Filmprojektoren, Scheinwerfer, Kronleuchter. Die Hoffnung entpuppte sich als Katastrophe.

Früher kamen die Puhdys - heute kommt fast keiner mehr

Während Architekt Bernhard Brüggemann über die Bühne im Kulturhaus geht, knarrt es. Er breitet die Arme aus. "Ist das nicht wundervoll?", fragt er und zieht die Augenbrauen nach oben. Die Bühne ist groß, die drittgrößte im ganzen Land ist es noch heute. Auf ihr haben schon Karat und die Puhdys gestanden. Vor einer halben Ewigkeit. 50 000 Besucher kamen damals im Jahr. Heute kommen nur noch ein paar Hände voll. Der Verein will das ändern. Ob es gelingt, steht in den Sternen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. So enden Märchen. In Mestlin wird im Moment mehr gestorben als gelebt. Eine aber stirbt auch hier erst ganz zuletzt: die Hoffnung. Im Sommer wird der Ort 700 Jahre alt. Endlich wieder ein Fest.



Hintergrund: Mestlin

Das Dorf Mestlin verfügt über ein Häuserensemble aus den 50er- und 60er-Jahren. Es entstand im Zusammenhang mit der Realisierung sozialistischer Musterdörfer. Inhaltlicher Ansatz war, das Leben auf dem Land von der Lebensqualität dem städtischen Leben anzugleichen. Mestlin blieb letztendlich das einzige wirklich realisierte Musterdorf. Zum Ensemble gehören die Schule und Turnhalle, das Kulturhaus, das ehemalige Landambulatorium, das Gemeindeamt und die beiden Verkaufsstellen. Das Kulturhaus, ein neoklassizistischer Bau, steht im Zentrum des Gebäudekomplexes. Über 50000 Besucher wurden pro Jahr zu Veranstaltungen begrüßt. 432 Plätze hatte der Große Saal bei „Konferenzbestuhlung“, 280 Plätze bei „Tanzbestuhlung“, 120 Plätze hat die Gaststätte.

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