Bergung der Ju 88 aus Ostsee weckt Erinnerungen : "Es könnte Vaters Flugzeug sein"

<fettakgl>Geschichte auf vergilbten Fotos:</fettakgl> Jochen Traub war erst vier Jahre alt, als der Vater starb. <foto>Foto: dapd</foto>
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Geschichte auf vergilbten Fotos: Jochen Traub war erst vier Jahre alt, als der Vater starb. Foto: dapd

Nach der Bergung der Ju 88 aus der Ostsee hofft Jochen Traub auf Klarheit über das Schicksal seines Vaters. Dessen Spur verliert sich auf dem Flugplatz Anklam. Traub hat nur ein paar Erinnerungsstücke von ihm.

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29. Juni 2012, 10:18 Uhr

Höhenland/Sassnitz | In der Stube seines Wohnhauses im brandenburgischen Oderland stellt Jochen Traub einen alten Pappkarton auf den Tisch. Es ist nicht viel, was ihm sein im Krieg verschollener Vater hinterließ: ein paar Urkunden und Auszeichnungen, das Flugzeugführerabzeichen, ein nicht mehr glänzender Säbel von der Ausgangsuniform und ein paar Dutzend Fotos.

Soldatenbilder aus alten Zeiten, Gruppenaufnahmen. "Das war mein Vater", sagt Traub und zeigt auf ein etwas vergilbtes Bild. Ein stolzer Pilot steht da vor einer Junkers, vermutlich irgendwo auf einem deutschen Flugplatz.

So richtig erinnern kann sich der heute 71-Jährige nicht mehr an ihn. Als Wilhelm Traub zu seinem wahrscheinlich letzten Flug startete, sei er selbst gerade mal vier Jahre alt gewesen, sagt Traub. Fast alles, was er vom Papa noch wisse, habe er entweder von seiner inzwischen verstorbenen Mutter erfahren oder mühsam selbst recherchiert.

Als Traub vor ein paar Jahren selbst ins Rentenalter kam, spürte er die Lücke in seiner Biografie. "Im Dorf hatte jemand so viele Jahre nach Kriegsende über die Vermisstenstelle des DRK noch etwas über das Schicksal seines ebenfalls vermissten Vaters herausbekommen. Das habe Mut gemacht, sagt er. Manches hat er inzwischen erfahren über seinen Vater, doch dessen Spur verliert sich in den letzten Tagen auf dem Flugplatz Anklam.

Erst, als er vor einigen Tagen in der Zeitung von der Hebung eines Sturzkampfbombers Ju 88 im Seegebiet vor Sassnitz las, keimte neue Hoffnung auf. "Es passt einiges zusammen", sagt Traub. "Es könnte Vaters Flugzeug gewesen sein." Sein Vater sei Flugkapitän gewesen und als solcher auf Junkers-Maschinen der Typen 86, 87 und 88 geflogen. "Er galt als erfahrener Pilot, war Fluglehrer, zuletzt Oberfeldwebel im Fliegerausbildungsregiment in Frankfurt (Oder)."

Manches hatte die Familie noch im November 1946 vom ehemaligen Staffelkapitän Kurt Lobeck in Erfahrung gebracht. Demnach wurde Traub, der auch Blindflüge bei Nacht und Nebel absolvierte, in den letzten Kriegsjahren auch zu Versorgungs-, Kurier- oder Aufklärungsflügen in die eroberten Gebiete geschickt, auf die Krim, ans Schwarze Meer, ins Baltikum. "Zu Kampfeinsätzen wurde er wohl nicht eingesetzt. Bomben oder Munition sollen nie an Bord gewesen sein", sagt sein Sohn. Auch an der Absturzstelle am Meeresgrund vor Rügen fanden die Taucher überraschenderweise bislang keine einzige Bombe oder Granate.

In den letzten Kriegstagen erhielt Traub den Flugbefehl ins seinerzeit schon umkämpfte Königsberg. "Er soll darüber nicht sehr erbaut gewesen sein, noch mal über die Ostsee in die Hölle zu fliegen", sagt Traub. Weil ein anderer Pilot ausfiel, startete er in Anklam. Er kam nie zurück. Seine Frau Johanna, die nach dem Krieg noch einmal mit einem Kameraden ihres Mannes sprach, hatte trotzdem immer gehofft, dass ihr Mann noch lebte. "Sie hat ihn nie für tot erklären lassen", sagt Sohn Jochen.

Natürlich weiß Traub, dass die Chance, dass es sich bei der vor Sassnitz gefundenen Maschine tatsächlich um jene seines Vaters handelt, nur sehr gering ist. Denn nahezu alle der fast 14 900 gebauten Junkers 88 waren Kriegsverluste. Traub würde seinen Vater gern auf dem Familiengrab in Birkholz bei Beeskow neben dessen Frau bestatten. Vielleicht könnte eine DNA-Probe des jetzt aus dem Meer geborgenen Oberarmknochen Gewissheit bringen. Vorerst aber konzentrieren sich die Experten darauf, anhand des gehobenen Motors die Identität von Maschine und Besatzung herauszufinden.

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