Volkslieder für Wende : „Es kann doch nicht immer so bleiben…“

„Volksliederabend“ 1989 am Schweriner Theater  Fotos: Sigrid Meixner
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„Volksliederabend“ 1989 am Schweriner Theater Fotos: Sigrid Meixner

Wendezeiten mit zündenden, hintergründigen Volksliedern 1989 am Mecklenburgischen Staatstheater

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04. November 2014, 07:30 Uhr

„Wo mag denn nur mein Christian sein, in Hamburg oder Bremen?“ Eine lustige Weise aus dem 19. Jahrhundert. Im August 1989, die DDR ist am Auslaufen, ist der naive Gesang eines Mädchens ein politisches Volkslied geworden. Regisseur Christoph Schroth hat es in seinen „Volksliederabend“ im Schweriner Theater eingebaut.

Aber die Kulturwächter wittern Provokation und verbieten das Programm. War doch schon Schroths 1989er „Tell“-Inszenierung, in der Reichsvogt Geßler auf einem Propagandabild einen Hut Marke Politbüro trug, ziemlich anzüglich gewesen.

Schroth hatte die „Volkslieder“ geplant als Nachfolge der FDJ-Lieder, mit denen er bei den „DDR-Dramatik-Entdeckungen“ 1988 das Publikum hellhörig machte: „Das neue Leben muss anders werden, als dieses Leben, als diese Zeit“. Die zackige Melodie aus den Aufbruchsjahren nach dem Krieg war per Moll und Ritardando zurück zum Adagio der verlorenen Illusionen arrangiert. Gesungen von gestandenen Schauspielern vor ihren Jugendfotos.

Am 4. November ’89 kommen dann die Volkslieder unter dem Titel „So haltet die Freude recht fest“ doch noch auf die Bühne. Jüngere Schauspieler holen die Texte aus dem Müllcontainer, sitzen auf Abfalleimern, lesen, singen dann über Herzschmerz, Hoffnung, Fröhlichkeit.

Nein, es ist nicht alles im Eimer. Es ist eine Stunde, da halb Vergessenes durch die voll aufregend gewordene Zeit entzündet wird und elementar die Gefühle der Zuschauer hochtreibt. In fernen, harmlosen Strophen – „Wenn ich ein Vöglein wär. .…“ – pulst ironisch, direkt, berührend das Empfinden der Gegenwart: „Es kann ja nicht immer so bleiben…“. So ein Lied aus der Zeit der Französischen Revolution, deren 200. Jahrestag – merkwürdiger Zufall – damals gefeiert wird. Bis zum Eisernen Vorhang 25 Minuten Jubel, stehende Ovationen, Tränen auf der Bühne und im Parkett. Das ist in jenen Tagen ein Moment, in dem das Wunschdenken von einem Theater, das die Welt verändern kann, für kurze Zeit Realität wird.

Denn auch bei Demonstrationen vor dem Theater singen Tausende dann „Es kann doch nicht immer so bleiben“.

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