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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 16:10 Uhr

"Es ist ein kostbares Geschenk"

vom

svz.de von
erstellt am 09.Aug.2012 | 08:17 Uhr

In dieser Kirche stand er. Als einfacher Pastor. Jeden Donnerstag im Herbst 1989. Und er machte den Menschen Mut, forderte von ihnen, auf Gewalt zu verzichten, wenn sie zur Zentrale der Staatssicherheit ziehen würden. Joachim Gauck ist gestern in die Rostocker Marienkirche zurückgekehrt. Als Bundespräsident - um die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt entgegenzunehmen. "Ich finde es schön, dass Sie mich für eine Zeit ehren, die die schönste in meinem Leben war", sagte Gauck.

900 Menschen hatten sich in würdigem Rahmen in der Rostocker Marienkirche versammelt, viele hundert in der strahlenden Sonne vor der Kirche. Sie wollten einen Blick auf "ihren" Präsidenten erhaschen. Die Hansestadt ehrte den 72-Jährigen für "seinen hohen persönlichen Mut und sein Engagement für Demokratie und Freiheit", wie Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens (CDU) sagte. Rostock dürfe stolz sein auf den Bürger Joachim Gauck, der eine entscheidende Rolle gespielt habe beim friedlichen Umbruch in Rostock.

Knatternder Stasi-Mitschnitt aus dem Herbst 1989

Gauck trug sich in das Ehrenbuch seiner Heimatstadt ein, bekam ein Kunstwerk des Rostocker Bildhauers Wolfgang Friedrich geschenkt, eine zu einem Engel gestaltete Dachschindel der Marienkirche. Die Verbundenheit vieler in der Stadt mit Gauck brachte Marien-Pastor Tilman Jeremias schon in seiner Anrede auf den Punkt: "Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Jochen." Der wollte am liebsten gar nichts sagen, sondern einfach den Moment und die großen Gefühle genießen, sagte er. "Aber das geht natürlich nicht." Auch Christoph Kleemann, der Präsident der ersten frei gewählten Bürgerschaft und spätere Leiter der Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde, würdigte als Laudator Gaucks einzigartige Rolle im Herbst 1989. "Du warst das Sprachrohr der Erniedrigten, die den aufrechten Gang lernen." Kleemann spielte Mitschnitte aus Gaucks Fürbittenandachten vor, die er in den Archiven der Stasi entdeckt hatte. Es war ein hoch emotionaler Moment für Gauck selbst und alle Gäste. "Heute Abend sprechen wir zum ersten Mal von einer Demonstration. Es ist ein Akt der Wiedergeburt des mündigen Bürgers" - das sagte Gauck auf der rauschenden, knatternden Aufnahme.

Von der Rolle des Bürgers in der Demokratie ließ er sich auch bei seiner Dankesrede leiten: "Wir lieben die Demokratie nicht, weil sie perfekt ist, sondern weil sie uns den Raum gibt, wir selbst zu sein." Die Ehrenbürgerwürde stellt Gauck in eine Reihe mit Yaakov Zur und Walter Kempowski. Sie alle drei seien, meint Gauck, Enteignete, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Der Jude Zur sei von den Nationalsozialisten verfolgt worden, Kempowski von den Sowjets in Bautzen eingesperrt, und auch er selbst sei um das Wichtigste gebracht worden - die Bürgerwürde und die Freiheit. Darin unterscheide er sich nicht von allen anderen Bürgern der DDR. Mit seiner Auszeichnung als Ehrenbürger, so sagte Gauck, würden nun gleichzeitig auch viele andere Rostocker geehrt. Die Ehrenbürgerwürde sei ein kostbares Geschenk: "Vor Ihnen steht ein dankbarer Joachim Gauck."

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