Drogenprozess in Schwerin : „Es ging nicht um Tomaten“

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Prozess um illegalen Drogen-Anbau und Zwangsarbeit. Ein Angeklagter bestreitet, von Plantage gewusst zu haben

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14. September 2015, 21:00 Uhr

Im Prozess um eine der größten illegalen Drogen-Plantagen in Mecklenburg-Vorpommern hat einer der vier Hauptangeklagten eingeräumt, vor deren Bau vom Zweck der geplanten Anlage gewusst zu haben. „Es ging nicht um Tomaten“, sagte der 49-jährige Armenier, der seit Langem in Schwerin lebt, gestern vor dem Schweriner Landgericht. Das sei auch den drei wichtigsten mutmaßlichen Mittätern klar gewesen. Als die Polizei im Februar zuschlug, fand sie 2200 Marihuana-Pflanzen im Keller eines Gewerbe-Gebäudes in Schwerin-Görries. Die Ernte hätte auf dem Schwarzmarkt rund 500 000 Euro eingebracht. Zur Pflege der Pflanzen, so die Anklage der Staatsanwaltschaft, sperrte die Bande fünf Vietnamesen in den abgeschotteten Keller, die illegal nach Deutschland eingeschleust worden waren. Die Zwangsarbeiter lebten mehr als sechs Wochen in „unzumutbaren und menschenunwürdigen“ Zuständen. Dennoch sitzen sie nun ebenfalls auf den Anklagebänken.

In Saal 8 des Gerichts hat derzeit kaum jemand Platz, die Füße auszustrecken. Neun Angeklagte mit ihren 18 Anwälten sitzen einer Staatsanwältin und drei Gutachtern gegenüber. Fünf Richter sollen in den kommenden Wochen den Vorwurf des illegalen Drogen-Anbaus und der Zwangsarbeit klären. Zwar gab der Armenier gestern zu, von der illegalen Plantage gewusst zu haben, weil er die späteren vietnamesischen Betreiber mit dem Vermieter der Halle, einem 39-jährigem Schweriner, zusammenbrachte. 70 000 Euro soll diesem als Miete für drei Monate versprochen worden sein. Ansonsten aber bestritt der Armenier weitgehend, am Betrieb der Plantage beteiligt gewesen zu sein. Auf keinen Fall habe er die eingesperrten Arbeiter mit Lebensmitteln versorgt oder Reparaturen an der Anlage durchgeführt, wie es die Anklage behauptet.

Der Angeklagte berichtete zudem, dass die Polizei angeblich lange bevor sie zugriff über die Plantage Bescheid wusste. Das habe sie den Hallen-Vermieter wissen lassen. Dennoch machten sich die Drogen-Anbauer nicht aus dem Staub. Der Grund dafür blieb vorerst unklar. So schlug die Polizei dann zu, als die Pflanzen erntereif waren.

Selbst wenn die Hauptangeklagten einst eng zusammengearbeitet haben sollten, inzwischen versucht offenbar jeder, seine eigene Haut zu retten. Der Armenier beschuldigte den Hallen-Vermieter sogar, ihn mit einem Mord an einem unliebsamen Geschäftspartner beauftragt zu haben. Von einem der Vietnamesen fühlte er sich, so der Armenier, derart unter Druck gesetzt, dass er nach seiner Festnahme im Februar bei der Polizei falsche Aussagen machte.

Einer der Vietnamesen beteuerte ebenfalls, er habe anfangs nur einem in Berlin lebenden Landsmann eine Lagerhalle „für alte Sachen“ in Schwerin vermitteln wollen. Von deren eigentlichen Zweck habe er erst spät erfahren. Als er aussteigen wollte, war es zu spät. Er wurde an seinem Arbeitsplatz in Schwerin festgenommen.

Am Montag soll der Schweriner Hallen-Vermieter vernommen werden. Als einziger der neun Angeklagten sitzt er derzeit nicht in Untersuchungshaft.

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