ARD-Trilogie zur NSU : Es geschah mitten in Deutschland

Die Crew von Teil I:  (v. l.) SWR-Redakteurin Martina Zöllner, die Produzenten Max Wiedemann und Gabriela Sperl, die Hauptdarsteller Sebastian Urzendowsky, Albrecht Schuch und Anna Maria Mühe, Regisseur Christian Schwochow und Produzentin Sophie von Uslar. Fotos: Katja Frick
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Die Crew von Teil I: (v. l.) SWR-Redakteurin Martina Zöllner, die Produzenten Max Wiedemann und Gabriela Sperl, die Hauptdarsteller Sebastian Urzendowsky, Albrecht Schuch und Anna Maria Mühe, Regisseur Christian Schwochow und Produzentin Sophie von Uslar. Fotos: Katja Frick

Die ARD hat ein außergewöhnliches Spielfilmprojekt umgesetzt: Eine Annäherung an den NSU aus drei fiktionalen Perspektiven

svz.de von
30. März 2016, 12:00 Uhr

Im September 2000 wird die 14-jährige Semiya Simsek um vier Uhr nachts in ihrem Internat geweckt. Ihr Vater, der türkische Blumenhändler Enver Simsek, soll einen Unfall gehabt haben. Erst im Krankenhaus erfährt sie, dass er im Koma liegt, weil acht Schüsse auf ihn abgefeuert wurden.

Zwei Tage später stirbt Enver Simsek, doch die Familie hat gar keine Zeit zu trauern. Denn die Polizei ermittelt gegen die Mutter, ihre Brüder und den Verstorbenen – als Verdächtige. Enver Simsek soll mit Drogen gehandelt haben, heißt es. Den Mord an ihm bringen die Ermittler mit dem organisierten Verbrechen unter Türken in Zusammenhang.

Auch als im Laufe der Jahre mit derselben Waffe noch sieben weitere türkische Geschäftsmänner und ein griechischer ermordet werden, ermittelt die Polizei nie in eine andere Richtung. Die Mordserie erregt in den Medien unter dem Titel „Döner-Morde“ Aufsehen.

Erst als am 4. November 2011 die beiden Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt nach einem Banküberfall die Polizei nicht mehr abschütteln können, in einem Campingwagen Suizid begehen und ihre Komplizin Beate Zschäpe sich der Polizei stellt, ändert sich die Richtung der Ermittlungen radikal: Im Besitz der Toten wird die Waffe der Mordserie gefunden sowie eine DVD, auf der unter anderem der sterbende Enver Simsek zu sehen ist.

Es wird bald klar, dass die rechtsextremen Täter es geschafft hatten, 13 Jahre lang mitten in Deutschland im Untergrund zu leben, zehn Menschen zu ermorden sowie mindestens 15 Banküberfälle und zwei Bombenanschläge zu verüben. Weder der seit 2013 laufende NSU-Prozess in München noch verschiedene Parlamentarische Untersuchungsausschüsse konnten bis heute alle Umstände aufklären.

Um sich dem komplexen Thema NSU filmisch angemessen zu nähern, konnte Produzentin Gabriela Sperl die ARD von einer ungewöhnlichen Idee überzeugen: Drei verschiedene, voneinander unabhängige Spielfilme aus den drei wichtigsten Perspektiven zu drehen - aus der Sicht der Täter, der Opfer und der Ermittler. Jeder Film mit anderen Regisseuren und Hauptdarstellern.

„Jeder Film kann für sich selbst stehen, aber die Trilogie soll eine höhere Wahrheit ausdrücken“, sagte Produzentin Gabriela Sperl bei der Pressevorführung. Denn nach fast vier Jahren Arbeit können die beteiligten Filmemacher nun ihre Ergebnisse präsentieren. Entstanden sind drei beeindruckende Zeitdokumente, die von sich sagen, dass sie zwar auf sorgfältig recherchierten Fakten beruhen, aber darüber hinaus fiktiv sind, eben weil nicht alle Details bekannt sind.

Jedes Filmteam hat auf seine Weise die Perspektive ihrer Protagonisten eingenommen. Der Film aus Tätersicht erzählt von der Radikalisierung der drei Jugendlichen Uwe Mundlos (Albrecht Schuch), Uwe Bönhardt (Sebastian Urzendowsky) und Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe) im Jena der Wendejahre bis zu ihrem Untertauchen 1998.

 

„Ich wollte mich dem Fall mit Empathie nähern“, erklärte Regisseur Christian Schwochow sein Anliegen. Ihn rege der Reflex, Rechtsradikalismus ganz weit von sich zu schieben und als ostdeutsches Randproblem abzutun, maßlos auf, sagt er. „Die drei kamen nicht aus so genannten Assi-Familien, sondern aus der Mitte der Gesellschaft.“ Drehbuchautor Thomas Wendrich macht keinen Hehl aus seinem Ansatz: „Wir wollten es hart machen.“ Was er damit meint: Die Zuschauer können sich nicht gemütlich zurücklehnen, sondern sollen sich immer wieder fragen, ob auch sie sich – am falschen Ort zur falschen Zeit mit den falschen Leuten – von den Parolen, der Musik und dem ganzen Drumherum hätten verführen lassen. „Wie fühlt es sich an, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt oder Beate Zschäpe zu spielen?“ Diese beklemmende Frage stellte Semiya Simsek den drei Schauspielern. „Auch ich musste meine Figur lieben lernen“, antwortete Anna Maria Mühe, „sonst hätte ich sie nicht authentisch spielen können. Das war eine lange, intensive Reise, 24 Stunden am Tag.“ Albert Schuch erzählte, dass er sich während der Dreharbeiten ernährt habe wie Mundlos, ohne Fleisch, Alkohol und Zucker, dieselbe Musik gehört habe und überhaupt alles gemacht habe, wie seine Figur. Dass er irgendwann ziemlich aggressiv wurde und es gehasst habe. Anna Maria Mühe erinnert sich noch: „Nachdem die letzte Klappe gefallen war, lagen wir uns alle weinend in den Armen. Weil das auch ein großer Druck war.“

<p>Fotos: Stephan Rabold/SWR/Katja Frick</p>

Fotos: Stephan Rabold/SWR/Katja Frick

Teil I „Die Täter“ heute um 20.15 Uhr  in der ARD.

Weitere Termine:
Mo, 04.04. | 20:15 Uhr
Mi, 06.04. | 20:15 Uhr + 21:45 Uhr

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