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Sturm auf die Stasizentrale : „Es gehörte viel Mut dazu“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit dem Sturm auf die Stasizentrale in Berlin am 15. Januar 1990 war das Ende des DDR-Geheimdienstes besiegelt

Tausende Demonstranten stürmten vor 25 Jahren die Zentrale der Staatssicherheit in Berlin. Bürgerrechtler retten massenhaft Akten vor der Vernichtung und legen so den Grundstein zur Aufarbeitung der SED-Herrschaft. Rasmus Buchsteiner sprach mit Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, über das bedeutsame Ereignis.

Herr Jahn, war der Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße der eigentliche Sieg der Friedlichen Revolution?

Jahn: Die Besetzung der Stasi-Dienststellen hatte in den Bezirken der DDR schon im Dezember begonnen. Das hat sich dann im Januar in Berlin fortgesetzt. Die Erstürmung der MfS-Zentrale war die wichtigste Etappe der Friedlichen Revolution. Aus der Protest- war eine echte Revolutionsbewegung geworden. Den durch die Menschen erzwungenen Mauerfall hatte das Regime noch erduldet. Doch mit der Besetzung der Stasi-Archive ist die Staatsmacht erstmals konkret in ihrem Handeln beschränkt worden. Es war das klare Signal: Schild und Schwert der Partei sind zerbrochen.

Viele Akten sind offenbar schon weit vorher vernichtet worden. Kam die Besetzung in Berlin nicht zu spät?

Aus heutiger Sicht darüber zu urteilen, wäre vermessen und anmaßend. Es gehörte viel Mut dazu, die Zentrale der Stasi zu besetzen. Von ihr war über Jahrzehnte hinweg Angst und Schrecken ausgegangen. Ich habe diese Entwicklung damals als Journalist verfolgt. In den Dienststellen hatten Stasi-Mitarbeiter noch sehr lange unbeschränkten Zugang zu den Waffenkammern. Es bestand die Gefahr von Überreaktionen, von Gewalt gegen Demonstranten auf der Straße. Umso bemerkenswerter ist, dass es letztlich doch gelang, die vielen Dependancen der Stasi ohne Gewalt zu besetzen.

Worauf führen Sie das zurück?

Die Stasi und ihre Mitarbeiter haben selbst gespürt, dass es zu Ende geht. Die Luft war raus. Die Dokumente und Analysen aus den letzten Tagen der Stasi verraten, dass die eigenen Leute nicht mehr ans System geglaubt haben. Es gab kein Vertrauen mehr, dass es weitergeht. Viele haben versucht, noch schnell besonders brisante Akten zu beseitigen. Es wurde massiv Material vernichtet. In vielen Dienststellen rauchten die Schornsteine. Da ist viel verloren gegangen.

Manche – unter anderem Helmut Kohl – waren am Anfang sehr skeptisch gegenüber der Öffnung der Akten. Eine historische Fehleinschätzung?

Die Akten einer Geheimpolizei, die menschenrechtswidrig Informationen gesammelt hat, können nicht ohne Weiteres an die Öffentlichkeit gegeben werden. Sonst wäre der Rechtsstaat auf den Kopf gestellt worden. Es geht hier schließlich um die Auswertung erpresserischer Verhöre oder abgehörter Telefonate, um zum Teil sehr intime Informationen. Es gilt, die Opfer zu schützen. Mit dem Stasi-Unterlagengesetz ist eine gute Balance zwischen Persönlichkeitsschutz und Aufarbeitung dann geschaffen worden. Diese Regelung hat dafür gesorgt, dass das Gift der Stasi nicht weiter wirken konnte.

Weshalb wird für die Akten heute – 25 Jahre danach – noch eine eigene Behörde benötigt?

Wir müssen die Akten weiter nutzen können. Das Türschild ist zweitrangig. Aufklärung hat kein Verfallsdatum. Die Menschen wollen weiter wissen, wie diese Diktatur funktioniert hat. Jeden Monat haben wir noch 5000 Anträge auf persönliche Akteneinsicht und Hunderte Auskunftsersuchen von Forschern und Journalisten. Das gilt es zu bedienen. Der Bundestag hat jetzt eine Expertenkommission eingesetzt, die sicherstellen soll, dass die Akteneinsicht auch in Zukunft noch möglich ist.

Das halten Sie für ausreichend?

Bildung und Forschung dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Man sollte sich dabei aber nicht nur auf die Stasi fixieren. Es geht darum, die DDR als SED-Diktatur zu beleuchten. Sie war keine Stasi-Diktatur. Wir müssen stärker den Alltag in der DDR untersuchen. Auch dabei können die Akten helfen.
 

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