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"Es fällt schwer, vom guten Ende zu sprechen"

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erstellt am 18.Feb.2013 | 06:24 Uhr

Rostock | Drei Tage und drei Nächte ist die 17-Jährige Rebecca ihrem brutalen Entführer in einer abgedunkelten Rostocker Wohnung wehrlos ausgeliefert. Sie wird von ihrem Peiniger gefesselt, geschlagen und mehrfach vergewaltigt. Die Hausbewohner bekommen von dem Martyrium der Gefangenen nichts mit.

Nach tagelangen Qualen ist dem Mädchen am Dienstagnachmittag durch einen Sprung aus dem Fenster die Flucht gelungen. Trotz aller Erleichterung bei den Angehörigen und Ermittlern "fällt es mir schwer, von einem guten Ende zu sprechen ", sagt Rostocks Polizeipräsident Thomas Laum gestern auf der Pressekonferenz über den Entführungsfall, der in den vergangenen Tagen deutschlandweit für Aufsehen gesorgt hat. Die Schäden, die das 17-jährige Mädchen durch diese fürchterliche Tat erlitten habe, "können wir uns alle wahrscheinlich nur begrenzt vorstellen", sagt Laum weiter. Mit weiteren Details zu den grausamen Vorgängen in der Wohnung halten sich Polizei und Staatsanwaltschaft noch zurück. "Wir stehen noch am Anfang der Ermittlungen", bittet der Polizeipräsident um Verständnis.

Verdächtiger mehrfach vorbestraft

Fest steht bereits , dass der Beschuldigte Mario B. ein polizeibekannter Sexualstraftäter ist. Sein erstes Opfer vergewaltigte er, als er gerade einmal 14 Jahre alt war. Aktenkundig wurde der 28-Jährige laut Staatsanwalt Andreas Gärtner auch wegen sexueller Nötigung. Dazu kamen weitere Verurteilungen wegen Raubes, räuberischer Erpressung und Körperverletzung.

Insgesamt zehn Jahre verbrachte Mario B. im Gefängnis. Erst im August 2011 wurde er aus der Haft entlassen. Seitdem stand er unter Führungsaufsicht. Bis zur Tat gab es keine Auffälligkeiten, sagt Staatsanwalt Gärtner. Dennoch müssen sich die Ermittlungsbehörden die Frage gefallen lassen, warum nicht gleich nach Rebeccas Verschwinden auch Mario B. als einschlägig Vorbestrafter überprüft worden ist - zumal sich die Polizei bei ihrer Suche auch auf die Umgebung des späteren Tatortes konzentrierte. "Er gehörte in die Gruppe der Männer, die überprüft worden wären", erklärt Michael Ebert, Leiter der Polizeiinspektion. Nur sei er noch nicht an der Reihe gewesen.

Zu den Vergewaltigungsvorwürfen schweigt Mario B. bislang. Eingeräumt hat er laut Staatsanwaltschaft bislang lediglich Rebeccas Entführung. Die Tat will er nicht geplant haben. Vielmehr wollte er nur Zigaretten holen und habe Rebecca eher zufällig getroffen.

Zusammen mit den Schilderungen des Opfers ergibt sich für die Ermittler folgender Tathergang: Am Samstagmorgen gegen 1.55 Uhr verabschiedet sich das Mädchen von ihren Freunden in einer Rostocker Discothek, um sich im Stadtteil Dierkow noch mit einem Bekannten zu treffen. Rebecca hat Kopfhörer im Ohr. Ihren Entführer, der mit dem Fahrrad unterwegs ist, hört sie nicht kommen. Er fährt sie an. Als Mario B. sie anschließend anspricht, glaubt Rebecca zunächst, er wolle sich für den Rempler entschuldigen. Stattdessen fuchtelt der 28-Jährige mit einem Messer herum, verletzt sie damit. Außerdem missbraucht er das Mädchen, bevor er es in seine Wohnung verschleppt.

FürchterlicheTage in dunkler Wohnung

Das Verschwinden Rebeccas veranlasst die Polizei zu einer groß angelegten Suchaktion. Hubschrauber, Taucher, Bereitschaftspolizisten werden in Bewegung gesetzt, um das Mädchen zu finden - das in der abgedunkelten Wohnung "fürchterliche Tage" durchlebt, wie es Polizeipräsident Laum ausdrückt.

Was der Beschuldigte mit seinem Opfer genau vorhatte, wissen die Ermittler bislang noch nicht genau. Ihnen erzählte Mario B., er habe abwarten wollen, bis Rebeccas Verletzungen verheilt seien. Dann wollte er sie angeblich aussetzen.

Doch Rebecca kommt ihrem grausamen Entführer zuvor. Als Mario B. Dienstagmorgen das Haus verlässt, nutzt sie ihre Chance , befreit sich von den Fesseln und springt anschließend aus dem Fenster im ersten Stock in die Freiheit. Erst nach mehreren Versuchen, gelingt es ihr einen Autofahrer zum Anhalten zu bewegen und sie mitzunehmen. Der Fahrer bringt sie zur Polizei. Dann geht es schnell. Während Rebecca noch im Krankenwagen behandelt wird, führt der PKW-Fahrer die Beamten in die Nähe des Tatortes. Der Block wird umstellt - die Wohnung geöffnet. Der Täter ist nicht da, wird aber 17.30 in der Innenstadt gestellt.


Gegen Mario B. wird nun wegen Vergewaltigung, Körperverletzung und Freiheitsberaubung ermittelt. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft. Rebecca wird zurzeit von einem Polizeiseelsorger betreut. Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut. "Ich wünsche ihr viel Kraft, die sie brauchen wird", sagte Polizeipräsident Laum. Nach Möglichkeit soll sie nicht vor Gericht gegen ihren mutmaßlichen Peiniger aussagen müssen. "Das wollen wir vermeiden" , hofft der Rostocker Polizeipräsident.

Was bedeutet "Führungsaufsicht"?

Haben Sexualtäter und Schwerverbrecher ihre Haftstrafe verbüßt, können sie unter Führungsaufsicht gestellt werden. Dazu muss die Gefahr bestehen, dass sie weitere Straftaten begehen. Geregelt ist das im Strafgesetzbuch im Paragrafen 68. Die zwei- bis fünfjährige Aufsicht soll Verurteilten den Übergang in die Freiheit erleichtern und verhindern, dass sie neue Taten begehen. Dazu werden ihnen Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Zudem kann das Gericht bestimmte Weisungen erlassen - etwa sich regelmäßig bei einem Arzt zu melden, eine Arbeit aufzunehmen, den Wohnort nicht zu verlassen oder Kontakt zu Opfern zu vermeiden. Die Überwachung durch die Polizei ist nicht vorgesehen. Das Umfeld des Verurteilten weiß in der Regel nichts von der Aufsicht. Ausnahmen gibt es, wenn etwa ein Kontaktverbot besteht. Dann müssen Betroffene informiert werden. In der Diskussion war auch, ob gefährliche Straftäter eine elektronische Fußfessel tragen sollten.

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