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Pflegefamilien dringend gesucht : Erziehung überfordert Eltern in MV

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Die Zahl der Kinder, die in Pflegefamilien gegeben werden, wächst. Eltern im Land sind nach Ansicht der Kinderhilfe häufiger mit der Erziehung überfordert. Zum anderen wird heute genauer hingeschaut, wie es Kindern geht.

svz.de von
erstellt am 17.Feb.2013 | 07:10 Uhr

Schwerin | Nach Beobachtung der Deutschen Kinderhilfe sind immer mehr Mütter und Väter mit der Kindererziehung überfordert. Der Regionalbeauftragte Nord des Verbandes, Rainer Becker, sieht eine Ursache in dem Auseinanderbrechen von Familien. "Früher gab es mehr geschlossene Familienverbände." Heute lebten die Familien oft weit voneinander entfernt, Großmütter könnten ihren Töchtern nicht mehr vermitteln, wie man Kinder aufzieht. Vereine oder Initiativen wie Bereitschaftsgroßeltern könnten den Verlust nicht kompensieren.

Laut Becker werden derzeit etwa doppelt so viele Kinder bis zu drei Jahren aus ihren Familien genommen wie noch vor fünf oder sechs Jahren. Bürger und Behörden seien durch Fälle wie die in Schwerin 2007 verhungerte Lea-Sophie sensibilisiert und würden genauer hinschauen, ob es Kindern gut geht.

Laut Statistik holen die Jugendämter in MV im Schnitt drei Minderjährige pro Tag wegen einer akuten Krise aus den Familien. 2011 waren es nach Angaben des Amtes 1045 Mädchen und Jungen. Die Inobhutnahmen haben demnach seit 2005 im Land stetig zugenommen. Besonders betroffen waren Kleinkinder sowie Jugendliche in der Pubertät. Viele Betroffene können nach einer gewissen Zeit in ihre Familien zurückkehren.

Genau das sei für viele Pflegefamilien ein Problem, wie Rainer Becker einschätzt. Sie wollen eine Langzeitpflege ähnlich wie eine Adoption. "Pflegeeltern blenden oft aus, dass sie dazu da sind, ein Kind aufzubauen, bis es in seine Familie zurückkehren kann", sagte Becker. Dringend gebraucht würden Bereitschaftspflegeeltern, "wo man nachts um zwei anrufen kann, weil ein Kind für vier Wochen Pflegeeltern braucht", sagte Becker. "Diese Familien sind Goldstaub."

Wertvoll seien Kurse für Pflegeeltern, wie sie von der Caritas in Rostock oder der Start gGmbH in Schwerin angeboten würden. Es sei notwendig, Pflegeeltern zu qualifizieren und die Mindeststandards der Kriterien, nach denen Familien ein Pflegekind bekommen können, anzuheben. Laut Becker gibt es in Deutschland rund 600 Jugendämter und 600 Standards. Da reiche es schon, nicht vorbestraft zu sein und ein regelmäßiges Einkommen zu haben.

Während die Jugendämter Pflegefamilien in den Regionen suchen und finden, muss Dietmar Glöge vom Neukirchener Erziehungsverein aus Nordrhein-Westfalen über Ländergrenzen hinaus Ausschau halten, wie der Leiter des Bereichs Individualpädagogik berichtet. Sein Verein hatte vor zwei Jahren Jeremie bei einer Zirkusfamilie im mecklenburgischen Lübtheen untergebracht. Der Elfjährige machte im November Schlagzeilen, weil er allein mit einem Auto zu seiner Familie nach Hamburg zurückgefahren sein soll.

Der bundesweit aktive Verein kümmert sich insbesondere um verhaltensauffällige Kinder, die eine Betreuung in einer Erziehungsstelle brauchen - einer Familie, wo mindestens ein Elternteil eine pädagogische Ausbildung hat - oder in einer Projektstelle für ganz schwierige Kinder. "Solche Stellen zu finden, ist extrem schwer", sagte Glöge. Die Kinder bräuchten 24 Stunden am Tag Betreuung und sie brauchen Betreuungskontinuität - also keinen Schichtdienst. Oftmals könnten die Kinder nicht in Heimgruppen leben, weil sie an der Gruppe scheitern und umgekehrt, die Gruppe an ihnen.

Ganz schwierig sei es etwa mit jungen Sex-Tätern, die manchmal erst 12 Jahre alt seien, sagte Glöge. "So einen will erstmal niemand haben. Aber irgendwo muss auch ein solches Kind leben, und es darf nicht nur als Täter betrachtet werden. Neben einer therapeutischen Versorgung braucht es Betreuung, Zuwendung, Würdigung", gab Glöge zu bedenken. Dann sei genau zu recherchieren, wo der Punkt sei, auf den ein solches Kind anspricht. Oftmals seien Tiere das Medium. Dann werde ein Pferdehof oder Bauernhof gesucht, wo die Kinder bleiben können.

Für die Kommunen ist die steigende Zahl der Inobhutnahmen ein finanzielles Problem. "Wir haben stark steigende Jugendhilfe-Ausgaben", sagte Thomas Deiters, stellvertretender Geschäftsführer des Städte- und Gemeindetages in MV. Heimaufenthalte kosteten viel Geld, Pflegefamilien ebenfalls. Es sei dennoch eine gute Sache, dass die Gesellschaft genauer hinsehe. "Da ist Geld zweitrangig." Der Städte- und Gemeindetag fordere aber eine aufgabengerechtere Finanzausstattung der Kommunen. Sonst würden Kommunen mit hohen Sozialausgaben in einen Teufelskreis geraten, weil kein Geld mehr für Investitionen zur Verfügung stehe. Der Städte- und Gemeindetag sei darüber mit dem Innenministerium im Gespräch.

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