Kindertagesstätten in MV : Erzieher erster und zweiter Klasse?

Erziehernachwuchs wird händeringend gesucht. Ein ergänzender, um ein Jahr verkürzter Ausbildungsgang soll nach dem Willen von CDU und SPD Abhilfe schaffen.
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Erziehernachwuchs wird händeringend gesucht. Ein ergänzender, um ein Jahr verkürzter Ausbildungsgang soll nach dem Willen von CDU und SPD Abhilfe schaffen.

Kritik am geplanten neuen Ausbildungsgang. Landtag will Mittwoch über gesetzliche Grundlagen beraten

svz.de von
03. April 2017, 20:55 Uhr

Es besteht unbestritten Handlungsbedarf: Von den mehr als 11 000 pädagogischen Fachkräften, die derzeit an den Kindertagesstätten des Landes beschäftigt sind, haben knapp 1170 bereits ihren 60. Geburtstag gefeiert, 69 sind sogar schon älter als 65 Jahre. 3465 Fachkräfte in Kitas sind zwischen 50 und 60 Jahre alt, auch sie gehen also in absehbarer Zeit in Rente. Parallel dazu werden immer mehr Kinder in den Einrichtungen betreut: Waren es 2014 noch 97 571 Mädchen und Jungen, wurden im vergangenen Jahr bereits exakt 101 463 Mädchen und Jungen gezählt, die Angebote der frühkindlichen Bildung in Anspruch nahmen.

Es werden also dringend mehr Erzieher gebraucht. Die Regierungsparteien SPD und CDU wollen deshalb das Kindertagesförderungsgesetz novellieren. Morgen kommt ihr gemeinsamer Entwurf in erster Lesung in den Landtag. Kernpunkt ist eine neue, dreijährige duale Ausbildung zur „Staatlich geprüften Fachkraft in Kindertageseinrichtungen“, die noch in diesem Herbst starten soll. Doch daran gibt es schon jetzt Kritik

„Für mich besteht ein großer Vorteil der neuen Ausbildung in der frühzeitigen Bindung der Auszubildenden an die Kita, die auch nach Abschluss der Ausbildung bestehen bleiben soll. Zudem ist zur Steigerung der Attraktivität vorgesehen, dass die Einrichtungsträger den Auszubildenden von Anfang an eine Ausbildungsvergütung zahlen“, hatte Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) schon auf der letzten Landtagssitzung für die geplante neue Ausbildung zur Kita-Fachkraft geworben.

„Es handelt sich dabei aber nicht um eine vollwertige Erzieherausbildung, denn mit der betrieblichen Ausbildung werden die Absolventen nur einen eingeschränkten Einsatzbereich haben und sich lediglich um Kinder bis zehn Jahre kümmern dürfen“, warnt Christian Schneider, Landesgeschäftsführer des Verbandes deutscher Privatschulen (VDP). Die vierjährige vollzeitschulische Erzieherausbildung, die gegenwärtig etwa 1200 junge Menschen an staatlichen und privaten Fachschulen im Land durchlaufen und die auch weiterhin angeboten wird, bereite dagegen ebenso auf die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor. An der Fachschule könne außerdem, anders als bei der betrieblichen Ausbildung, die Fachhochschulreife erworben werden, mit der man später z. B. im frühkindlichen Bereich studieren könne.

Für Schulabgänger sei an dem neuen Ausbildungsgang sicher vor allem die in Aussicht gestellte Vergütung attraktiv, so der VDP-Landesgeschäftsführer. „Aber man muss ihnen auch bewusst machen: Ihr bekommt dafür keine vollwertige Erzieherausbildung.“ Die „Fachkraft für Kindertageseinrichtungen“ sei vielmehr für solche Schülerinnen und Schüler gedacht, die die Voraussetzungen für die vierjährige vollzeitschulische Ausbildung zum „Staatlich anerkannten Erzieher“ nicht erfüllen – sie sei ein ergänzendes Ausbildungsangebot, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände unterstützt im Interesse der dringend notwendigen Gewinnung von Fachkräften im Kita-Bereich das Vorhaben des Landes, ein an das System der dualen Ausbildung angelehntes Ausbildungskonzept insbesondere für Seiteneinsteiger zu entwickeln, so Diakonie-Landespastor Martin Scriba. Allerdings brauche es kein neues Modell, da dieses Konzept schon einmal erfolgreich durch das Diakonische Bildungszentrum erprobt wurde. „In der Diakonie haben wir vorgemacht, dass man ohne Abstriche in drei Jahren sich auch zum staatlich anerkannten Erzieher bzw. zur Erzieherin qualifizieren kann“, betont Scriba. „Ein neuer Bildungsabschluss muss also nicht erfunden werden.“

„Insgesamt sitzt das Land der Illusion auf, das Ausbildung nichts kosten darf“, rügt der Landespastor. Auch für VDP-Landeschef Schneider hat eine gute Ausbildung ihren Preis. Das Land sollte deshalb überlegen, Schulgelder für künftige Erzieherinnen und Erzieher gerade an Freien Schulen zu übernehmen – auch das könnte den Beruf für manchen attraktiver machen.

Wer sich allerdings für die neue Ausbildung zur Kita-Fachkraft entscheide, müsse befürchten, später als Erzieher zweiter Klasse beschäftigt zu werden – „also nicht als Gruppenleiter, sondern als Springer“. Dem Land rät Schneider dringend, die Einführung der neuen Ausbildung um mindestens ein Schuljahr zurückzustellen, da es bislang weder konkrete Ausbildungsinhalte noch sonst belastbares Material gibt. Anderenfalls sei zu befürchten, dass es zum Ausbildungsstart im Herbst zu Experimenten auf den Rücken der Schüler, Lehrer und Praxiseinrichtungen und der zu betreuenden Kinder kommt. Schließlich gebe es bislang noch keinen einzigen Praxisanleiter für die Auszubildenden in den Kitas. „Normalerweise braucht man hierfür eine fachbezogene Ausbildungseignungsprüfung“, so Schneider.

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