zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

15. Dezember 2017 | 19:08 Uhr

Erstes Haus am Platz hält Löhne zurück

vom

svz.de von
erstellt am 22.Aug.2013 | 07:18 Uhr

Schwerin | Rabiate Umgangsformen im ersten Haus am Platz der Landeshauptstadt: Das Vier-Sterne-Plus Carat-Hotel bezahlt seine Mitarbeiter seit Monaten nicht mehr pünktlich. Seit der Übernahme des Hauses im Februar 2013 seien die Beschäftigten verspätet und dann auch nur mit Abschlägen auf ihren Monatslohn bezahlt worden, teilte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten nach Beschwerden der etwa 30 Mitarbeiter mit. Die Monatsgehälter würden nur noch mit bis zu drei Wochen Verspätung gezahlt. Insgesamt schulde das Unternehmen der Belegschaft bis zu drei Viertel der Gehälter.

Die desolate Zahlungsmoral bringt einige Beschäftigte in arge Finanznot: So sollen wegen der ausstehenden Lohnzahlungen ein Auszubildender und ein Mitarbeiter ihre Wohnungen verloren haben, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Änderung scheint nicht in Sicht: Die Hotelführung habe gegenüber der Belegschaft erklärt, dass auch in den kommenden sechs Monaten mit unregelmäßigen Lohnzahlungen gerechnet werden müsse. Ein unhaltbarer Zustand, kritisierte NGG-Geschäftsführer Jörg Dahms die Verfahrensweise. Die Hotelbeschäftigten verlangten nicht mehr als pünktliche Lohnzahlungen.

Pikant: Während die Mitarbeiter um ausstehende Löhne kämpfen, nutzen auch die Landesregierung und nachgeordnete Behörden die Angebote des Hauses. Mehr noch: Unter der gleichen Adresse am Bleicherufer 23 in Schwerin residiert zudem die Landesgeschäftsstelle des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) MV mit ihrer Tochtergesellschaft Hotel- und Gaststätten Marketing GmbH, die für Hotelbewertungen und -klassifizierungen zuständig ist. Dehoga-Chef Matthias Dettmann: Von den Problemen sei nichts bekannt. Gerade erst gestern hatten Dehoga und NGG gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium angesichts des Fachkräftemangels in der Branche über bessere Ausbildungsbedingungen beraten.

Entsetzen bei der Gewerkschaft: Während mit dem Hotel- und Gaststättenverband über eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und Auszubildenden verhandelt werde, würden im Haus des Dehoga Arbeitnehmerrechte eingeschränkt, kritisierte NGG-Chef Dahms. Der Ton wird schärfer: Inzwischen seien im Carat-Hotel die ersten Kollegen gekündigt worden, nachdem die Belegschaft begonnen habe, Betriebsratswahlen vorzubereiten. Wenn das künftig der Stil sein solle, müsse das sofort geändert werden, forderte Dahms. Das Unternehmen müsse die Kündigungen zurücknehmen, pünktlich Löhne zahlen und eine ordentliche Vorbereitung der Betriebsratswahlen gewährleisten. Die Wahlen würden auf jeden Fall Ende August durchgeführt, kündigte Dahms an.

Inzwischen soll die Carat-Geschäftsführung für 2014 Änderungen der Arbeitsverträge angekündigt haben - Mitarbeiter befürchten schlechtere Konditionen. Bei der Übernahme hatte sich das Haus verpflichtet, alle Beschäftigten des ehemaligen Crowne-Plaza zu übernehmen. Das Haus war Anfang Februar 2013 von der zur Schweizer AHM Antik Hotel Management AG gehörenden Carat-Gruppe übernommen worden. Das Geschäftsgebaren deutet darauf hin, dass das Nobel-Hotel nur sieben Monate nach der Übernahme erneut in Schwierigkeiten steckt. Wie es heißt, werden vor den Lohnzahlungen zunächst Außenstände bei Lieferanten beglichen. Das Unternehmen selbst wollte sich nicht äußern: Der Geschäftsführer des Schweriner Carat-Hotels, der Münchner Rechtsanwalt Albert Leicht, teilte auf Anfrage nur knapp mit: "Ich stehe nicht zur Verfügung." Auch Hoteldirektor Alexander Sieg erklärte: "Dazu äußere ich mich nicht." Und die Sprecherin der Carat-Hotel-Gruppe, Claudia Riede, teilte aus der Schweiz mit, dass es "in der Kürze der Zeit nicht möglich" sei, "seriöse Antworten" zu geben.

Ausgerechnet in der Hotel- und Gaststättenbranche, die inzwischen am deutlichsten unter dem Fachkräftemangel leidet, ist es mit der betrieblichen Vertretung von Arbeitnehmerrechten nicht weit her: Der NGG zufolge gibt es in den mehr als 5000 Betrieben der Branche in MV lediglich in zwölf Unternehmen Betriebsräte. "Das ist eine Kultur, die abgestellt werden muss", sagte Dahms.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen